Skip to content
8 min Lesezeit

ISO 14064: THG-Bilanz erstellen, prüfen lassen, richtig einordnen

Treibhausgasbilanzierung nach ISO 14064

ISO 14064 kommt auf, wenn jemand eine Zahl belastbar haben will: Ein Kunde fragt, ob eure Treibhausgasbilanz geprüft ist, eine Ausschreibung verlangt einen Nachweis, oder im Erstgespräch fällt der Satz, man brauche jetzt eine ISO-14064-Zertifizierung.

Diese Seite beantwortet die Fragen dahinter: was die Norm vergibt, ob ihr eine Verifizierung braucht, wie sie abläuft, woran ihr eine Prüfstelle erkennt und was das kostet.

Verifizierung statt Zertifizierung: was ISO 14064 wirklich vergibt

Ein ISO-14064-Zertifikat lässt sich nicht kaufen, weil es keins gibt. ISO 14001 und ISO 50001 sind Managementsystemnormen: Dort zertifiziert eine Stelle euer System, ihr bekommt ein Zertifikat mit Laufzeit. ISO 14064 ist eine Bilanzierungsnorm. Geprüft wird nicht das Unternehmen, sondern eine Treibhausgasbilanz für ein konkretes Berichtsjahr, also euer Corporate Carbon Footprint (CCF). Am Ende stehen Verifizierungserklärung und Prüfbericht zu genau dieser Bilanz, kein Siegel für die Website. Diese beiden Dokumente akzeptieren Kunden als Nachweis.

TeilAnwendungsfallPrüfgegenstandWer prüft
ISO 14064-1Bilanz auf Organisationsebene (Corporate Carbon Footprint)Systemgrenzen, Emissionen und Entnahmen je KategorieNiemand, das ist die Berichtsnorm selbst
ISO 14064-2Einzelne KlimaschutzprojekteBaseline, Zusätzlichkeit, MonitoringStelle mit Projektakkreditierung
ISO 14064-3Die Prüfung selbst, für Teil 1 und Teil 2Prüfumfang, Wesentlichkeit, SicherheitsniveauAkkreditierte Verifizierungsstelle

Die Preisspannen sind Erfahrungswerte aus Projekten und Angeboten, keine Marktstudie; sie hängen von Standortzahl, Datenlage und Scope-3-Tiefe ab.

Wer nach einer ISO-14064-Zertifizierung gefragt wird, meint fast immer die Verifizierung nach Teil 3. Ich stelle das im ersten Gespräch richtig, sonst wird ein Angebot über eine Leistung eingeholt, die es nicht gibt.

Brauchst du überhaupt eine Verifizierung?

Drei Konstellationen, in denen sie verlangt wird, jeweils mit Gegenprobe:

Kundenaudit oder Ausschreibung. Im Vergabetext steht ausdrücklich „verifiziert" oder „geprüft". Gegenprobe: Steht dort nur „nachvollziehbar dokumentiert", reicht die dokumentierte Bilanz.

Konzernkunde mit Scope-3-Nachweis. Eure Zahl fließt in die Berichterstattung eines großen Kunden ein, dessen Prüfer greift darauf zu. Gegenprobe: Prüft der Kunde eure Rohdaten selbst, braucht ihr keine eigene Erklärung.

Förderprogramm oder Finanzierung mit Nachweispflicht. Förderbescheid oder Kreditvertrag nennen einen unabhängigen Nachweis als Bedingung. Gegenprobe: Ein normales Bankgespräch verlangt das nicht.

In allen anderen Fällen reicht eine sauber dokumentierte, unverifizierte Bilanz. Nach dem Prüfvermerk fragt fast niemand, solange die Dokumentation trägt. Was bei einer externen Prüfung inhaltlich passiert, steht im Artikel zu Third-Party-ESG-Audits, der Aufbau der Bilanz auf der Seite zur CO₂-Bilanz.

Ablauf der Verifizierung nach Teil 3: von der Beauftragung bis zur Verifizierungserklärung

Vier Etappen. Begutachtung, Prüfung und Nachweis meinen im Alltag dasselbe.

1. Prüfauftrag festlegen. Die Stelle definiert Prüfumfang, Wesentlichkeitsschwelle und Sicherheitsniveau. ISO 14064-3 kennt zwei: begrenzte Sicherheit, bei der plausibilisiert wird, und hinreichende Sicherheit, bei der belegt wird. Letztere kostet spürbar mehr und wird selten verlangt, außer die Zahl geht in einen geprüften Abschluss ein.

2. Dokumentenprüfung. Bilanz, Emissionsfaktoren, Systemgrenzen, Basisjahr, Datenlücken.

3. Stichprobe. Remote oder vor Ort, mit Rückgriff auf Rechnungen, Zählerstände und Verträge.

4. Findings und Erklärung. Abweichungen werden aufgelistet, ihr korrigiert oder begründet, erst danach kommt die Verifizierungserklärung.

Den Termin sprengt nicht die Prüfung, sondern die Belegkette. Stammen Aktivitätsdaten aus einer Tabelle, deren Quelle niemand mehr benennen kann, wird aus einer Nachforderung eine Datenerhebung. Wer im Frühjahr eine verifizierte Bilanz braucht, hat die Belegablage im Vorjahr aufgesetzt.

Prüfstelle auswählen: Akkreditierung nach ISO 14065 und ISO/IEC 17029 prüfen

Prüfen darf nicht jeder Gutachter. Verifizierungsstellen werden nach ISO 14065 akkreditiert, die auf ISO/IEC 17029 aufsetzt, in Deutschland durch die DAkkS. Vier Punkte vor der Beauftragung:

  • Akkreditierungsurkunde anfordern, nicht die Broschüre: mit Registriernummer und Gültigkeit.
  • Akkreditierungsumfang lesen. Er ist auf Sektoren und einzelne Teile der Norm begrenzt. Eine Stelle für Klimaschutzprojekte nach Teil 2 deckt eure Bilanz nach Teil 1 nicht ab.
  • Eintrag gegenprüfen. Das Verzeichnis der DAkkS zeigt akkreditierte Stellen samt Umfang, unabhängig vom Angebot. Den Normstand selbst führt ISO.
  • Angebote am Sicherheitsniveau vergleichen. Zwei Preise sind nur vergleichbar, wenn beide dieselbe Sicherheit anbieten. Steht sie nicht im Angebot, fragt nach.

Jede Prüfstelle beschreibt auf ihrer Seite naturgemäß nur den eigenen Weg. Ich bin selbst keine akkreditierte Verifizierungsstelle und habe keinen Grund, das anders darzustellen. Wo ISO 14064 zwischen den übrigen Normen steht, zeigt die Übersicht zur Umweltzertifizierung für Unternehmen.

Was Bilanz und Verifizierung kosten und woran der Aufwand hängt

Eine amtliche Preisliste gibt es nicht, veröffentlicht sind nur Anbieterangaben, und die sollte man als das lesen, was sie sind:

Leistung und UmfangSpanne (Anbieterangaben, netto)
THG-Bilanz, Mittelstand, Scope 1, Scope 2 und Teile von Scope 35.000 bis 12.000 Euro
THG-Bilanz mit voller Scope-3-Tiefe und komplexer Lieferkette12.000 bis 25.000 Euro
Externe Verifizierung nach Teil 3, zusätzlich1.500 bis 6.000 Euro

Vier Treiber bestimmen, wo ihr landet, und keiner ist die Rechnung selbst: Zahl der Standorte und Gesellschaften, Tiefe von Scope 3, Zustand eurer Verbrauchsdaten, Erst- oder Folgejahr. Wer Zählerstände nur als Jahresrechnung hat, zahlt für die Rekonstruktion. Hinreichende Sicherheit bedeutet mehr Belegtiefe und damit mehr Prüftage als begrenzte.

Deshalb beauftrage ich die Verifizierung erst, wenn jemand konkret danach fragt. Vorher steckt dasselbe Geld sinnvoller in die Datenbasis, und die braucht ihr für den VSME-Bericht ohnehin.

Häufige Fragen zu ISO 14064

Kann man ein ISO-14064-Zertifikat kaufen?

Nein, es gibt kein Zertifikat und kein Siegel. Geprüft wird eine einzelne Treibhausgasbilanz für ein Berichtsjahr, das Ergebnis ist eine Verifizierungserklärung nach ISO 14064-3 plus Prüfbericht. Genau diese Dokumente akzeptieren Kunden als Nachweis.

Ist ISO 14064 für Unternehmen verpflichtend?

Nein. Die Norm ist freiwillig. Verpflichtend wird sie nur mittelbar, wenn ein Kunde, eine Ausschreibung oder ein Förderprogramm sie im Vertrag verlangt.

Was ist der Unterschied zwischen ISO 14064 und dem GHG Protocol?

Inhaltlich wenig, formal viel. Das GHG Protocol ist ein Rahmenwerk mit Anleitung und nennt die Kategorien Scope 1, 2 und 3. ISO 14064-1 ist eine Norm mit prüfbaren Anforderungen an Systemgrenzen, Unsicherheiten und Basisjahr. Wer nach GHG Protocol rechnet und von Anfang an nach ISO dokumentiert, hat den größten Teil erledigt.

Wofür gilt ISO 14064-2?

ISO 14064-2 gilt für einzelne Klimaschutzprojekte, nicht für die Unternehmensbilanz, für einen Corporate Carbon Footprint also nicht. Wichtig bleibt: Eine Prüfstelle mit Akkreditierung nur für Teil 2 darf eure Bilanz nach Teil 1 nicht verifizieren.

Wie lange dauert eine Verifizierung nach ISO 14064-3?

Der Prüfteil ist in wenigen Wochen erledigt, die Gesamtdauer hängt an euch. Steht die Belegkette, bleibt es bei ein bis zwei Runden Nachforderungen. Fehlt sie, verschiebt sich der Termin um Monate.

Wie hängt ISO 14064 mit ISO 14067 zusammen?

ISO 14064 bilanziert das Unternehmen, ISO 14067 den Carbon Footprint eines Produkts. Die Datenbasis überschneidet sich, die Systemgrenzen nicht. Wer beides braucht, fängt mit der Unternehmensbilanz an.

Johannes Fiegenbaum

Johannes Fiegenbaum

ESG- und Nachhaltigkeitsberater mit Schwerpunkt auf VSME‑Berichterstattung und Klimarisikoanalysen. Begleitet seit 2014 über 300 Projekte für den Mittelstand sowie für Großbanken und Versicherungskonzerne.

Zur Person