Von Johannes Fiegenbaum am 15.08.25, 05:18 · Zuletzt aktualisiert 6. Oktober 2026
Insetting heißt: ihr senkt Emissionen dort, wo sie in eurer eigenen Wertschöpfungskette entstehen, statt sie über Zertifikate außerhalb auszugleichen. Die Maßnahme läuft beim Lieferanten, die Reduktion landet in eurer Scope-3-Bilanz und damit in derselben Rechnung, auf die euer Klimaziel geprüft wird.
Insetting ist eine Emissionsreduktion innerhalb der eigenen Wertschöpfungskette, finanziert und angestoßen von einem Unternehmen, das weiter oben oder unten in dieser Kette sitzt. Gemeint sind meist Nature-based Solutions bei direkten Lieferanten: Agroforstwirtschaft, Wiederaufforstung, regenerative Landwirtschaft, Humusaufbau, dazu erneuerbare Energie und Effizienzmaßnahmen im Betrieb des Lieferanten.
Der Unterschied zum Offsetting steckt nicht in der Projektart, sondern im Ort. Dasselbe Agroforstprojekt ist ein Inset, wenn der Kaffee aus dieser Kooperative in euren Röster geht, und ein Offset, wenn ihr nur ein Zertifikat daraus kauft. Deshalb hat Insetting immer einen Scope-3-Bezug: die Reduktion verändert eine Zahl, die ihr ohnehin berichten müsst. Entstanden ist der Begriff als Antwort auf die Kritik am Freikaufen, und er ist in keinem Standard definiert. Es gibt kein Insetting-Register und kein Insetting-Zertifikat, sondern nur eine Reduktion, die in der Bilanz ankommt oder nicht. Welche Risiken solche Zertifikate auf dem freiwilligen CO₂-Markt tragen, hängt vor allem am Projekttyp und an der Prüfung.
Ein Beispiel zur Veranschaulichung: Ein Lebensmittelhersteller finanziert bei seinen Milchlieferanten Futtermittelumstellung und Weidehaltung. Die Methanreduktion je Liter Rohmilch senkt den Emissionsfaktor des eingekauften Rohstoffs, also Scope-3-Kategorie 1. Wer dieselbe Summe in ein Waldprojekt in Übersee steckt, hat vielleicht eine gute Tat getan, aber dieselbe Scope-3-Bilanz wie vorher. Wie sich Insetting in die Zielarchitektur einordnet, steht in meinem Leitfaden zu SBTi und Scope 3.
Fünf Dimensionen trennen die beiden Ansätze in der Entscheidung, die ihr tatsächlich treffen müsst:
| Dimension | Insetting | Offsetting |
|---|---|---|
| Umfang | Innerhalb der eigenen Wertschöpfungskette, an einem identifizierten Emissionstreiber | Außerhalb, beliebiger Ort und Sektor |
| Messbarkeit | Über Aktivitätsdaten und Emissionsfaktoren des Lieferanten, prüfbar im eigenen Inventar | Über Zertifikatsregister, abhängig von Baseline und Zusätzlichkeit des Projekts |
| SBTi-Konformität | Zählt auf das Reduktionsziel, sofern die Reduktion im eigenen Inventar abgebildet wird | Zählt nicht auf das Reduktionsziel, nur auf Ansprüche außerhalb der Zielrechnung |
| Kosten je Tonne | Höherer Aufwand vorab (Datenerhebung, Lieferantenbindung, Verifizierung), dafür dauerhafte Wirkung | Niedriger Einstiegspreis, wiederkehrende Ausgabe ohne strukturelle Veränderung |
| Stakeholder-Wahrnehmung | Gilt als belegbare Maßnahme, weil der Bezug zum eigenen Geschäft sichtbar ist | Steht unter Greenwashing-Verdacht, Kommunikation braucht Belege |
Offsetting behält eine Rolle, aber eine schmale: für Restemissionen, die nach allen Reduktionsmaßnahmen übrig bleiben, und für Sektoren ohne Zugriff auf die Kette, etwa ein Softwarehaus, dessen Emissionen fast vollständig aus Strom und eingekauften Diensten bestehen. Nur muss dann auch so darüber gesprochen werden. Mehr zur Abgrenzung in der Kommunikation steht unter CO₂-Kompensation oder CO₂-Reduktion.
Fünf Schritte, in dieser Reihenfolge:
Typische Projekttypen ordnen sich dabei jeweils einer Scope-3-Kategorie zu: Agroforstwirtschaft und regenerative Landwirtschaft dem eingekauften Rohstoff (Kategorie 1), Photovoltaik oder Prozesswärme beim Zulieferer ebenfalls Kategorie 1, Umstellung auf Bahn oder Elektro-Lkw dem vorgelagerten Transport (Kategorie 4).
Zwei Dinge lassen solche Projekte scheitern. Erstens fehlende Lieferantendaten: Wer den Treiber nicht kennt, kann kein Inset allokieren und kauft am Ende Offsets mit Insetting-Etikett. Zweitens Doppelzählung, wenn mehrere Abnehmer desselben Lieferanten dieselbe Tonne für sich reklamieren. Dass die Reduktion beim Lieferanten in Scope 1 und bei euch in Scope 3 auftaucht, ist dagegen gewollt, so ist das GHG Protocol gebaut. Beides löst man vorne mit einem Satz im Vertrag, nicht hinten mit einer Fußnote im Bericht. Details zur Datenbeschaffung stehen in der Anleitung zur Scope-3-Bilanzierung.
Die Science Based Targets initiative arbeitet mit der Mitigation Hierarchy: zuerst vermeiden, dann reduzieren, dann ersetzen, erst am Ende kompensieren. Für Reduktionsziele werden nur Minderungen in den eigenen Scopes anerkannt, Zertifikate aus Projekten außerhalb der Kette nicht. Insetting fällt in die Reduktionsstufe, Offsetting steht daneben, nicht darunter.
Meine Position dazu: Wenn eine Klimastrategie ohne Offsets nicht funktioniert, hat sie ein größeres Problem als das, was Offsets lösen können. Ein Zertifikatskauf ist dann keine Maßnahme, sondern eine Ersatzhandlung für eine Entscheidung, die im Einkauf, in der Produktentwicklung oder in der Investitionsplanung ausgeblieben ist. Das ist unbequem, weil es länger dauert und mehr Abstimmung kostet als eine Rechnung.
Insetting scheitert allerdings in zwei Fällen verlässlich, und dann ist Ehrlichkeit besser als ein Etikett: wenn die Lieferkette so kurz oder so dienstleistungslastig ist, dass es gar keinen physischen Treiber zum Anfassen gibt, und wenn die Einkaufsmacht fehlt, um einen Lieferanten über mehrere Jahre zu binden. Wer im Spotmarkt kauft und jedes Jahr wechselt, finanziert Projekte, deren Wirkung er nächstes Jahr nicht mehr buchen darf. Beides gehört vor die Projektauswahl geprüft, nicht danach, und beides zeigt sich schon im ersten Schritt der Zielentwicklung.
Eine Insetting-Reduktion landet im Scope-3-Inventar, also in der Bilanzzahl selbst. Sie braucht keine eigene Sonderzeile, sie senkt einfach die Emissionen der betroffenen Kategorie. Zertifikate dagegen werden in ESRS E1-7 getrennt ausgewiesen und dürfen nicht gegen die Bruttoemissionen oder das Reduktionsziel gerechnet werden. Genau dort fällt auf, wenn ein Inset in Wahrheit ein Offset war.
Im freiwilligen VSME, dem Standard für kleinere Unternehmen, gibt es keine Kompensationslogik: Das Basismodul fragt Energie und Emissionen ab, Kompensation kommt nicht vor. Wer dort Offsets unterbringen will, sucht eine Zeile, die es nicht gibt. Das Zusatzmodul geht auf Klimarisiken und Transitionspläne ein, nicht auf Kompensation. Der Standard liegt bei der EFRAG. Für euch heißt das praktisch: Ein Inset erzählt sich im Bericht von selbst, weil die Zahl fällt. Ein Offset braucht eine eigene Erklärung, warum er trotzdem dazugehört.
Scope-3-Footprint erstellen, Emissionstreiber analysieren, Projekt am Treiber auswählen, Baseline und Monitoring verifizieren lassen, die Reduktion vertraglich allokieren. Die Reihenfolge ist nicht verhandelbar: Schritt 3 ohne Schritt 2 ist Projektförderung, nicht Insetting.
Im Inventar beide: der Lieferant in Scope 1, ihr in Scope 3, so ist das GHG Protocol gebaut. Exklusiv ist der Anspruch auf die Projektwirkung: Kaufen mehrere Abnehmer beim selben Lieferanten, muss vor Projektstart schriftlich geklärt sein, wer welchen Anteil für sich reklamiert.
Fehlende Primärdaten der Lieferanten, Doppelzählung und zu kurze Lieferbeziehungen. Die Technik ist selten das Problem, die Datenlage und die Vertragslaufzeit sind es fast immer.
ESG- und Nachhaltigkeitsberater in Hamburg mit Schwerpunkt auf VSME‑Berichterstattung, CO₂-Bilanzen und Klimarisikoanalysen. Arbeitet für Mittelstand, Investoren und Finanzinstitute und hat die VSME-Software VSEasy selbst gebaut.
Zur PersonScope-2-Emissionen sind die Treibhausgase (THG), die bei der Erzeugung der Energie entstehen, die du einkaufst und selbst verbrauchst: Strom, Fernwärme, Dampf, Kälte. Du ...
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