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Degrowth oder Green Growth für KMU: Welche Strategie passt zu dir?

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Wer nach dem Gegenteil von Wirtschaftswachstum sucht, landet bei Degrowth. Der Begriff steht für eine geplante Verkleinerung von Produktion und Konsum, nicht für eine Krise. Als Gegenentwurf gilt Green Growth, also Wachstum bei sinkendem Ressourcenverbrauch. Für dich als Mittelständler ist das keine akademische Frage, sondern eine über Erlösmodell, Investitionen und Kennzahlen.

Degrowth und Green Growth: zwei Wachstumslogiken in klaren Worten

Degrowth, auf Deutsch meist Postwachstum, geht davon aus, dass unbegrenztes Wirtschaftswachstum in reichen Volkswirtschaften nicht mit den planetaren Grenzen vereinbar ist. Der Ansatz plant deshalb eine bewusste Verkleinerung ressourcenintensiver Produktion und Konsummuster. Das Bruttoinlandsprodukt wird als Wohlstandsmaß abgelehnt und durch Kennzahlen für Versorgung, Gesundheit und ökologische Stabilität ersetzt. Der Unterschied zur Rezession liegt in der Absicht: eine Rezession trifft eine Volkswirtschaft ungeplant, Degrowth wäre ein gesteuerter Umbau.

Green Growth hält am Wachstumsziel fest. Die Wachstumsstrategie setzt darauf, Wertschöpfung durch Effizienz, erneuerbare Energien und neue Technologien vom Verbrauch natürlicher Ressourcen zu lösen. Die OECD hat diesen Weg mit ihrer Green Growth Strategy zum politischen Programm gemacht. Das BIP bleibt dort der Maßstab, ergänzt um Umweltindikatoren.

Entkopplung: geht Wachstum ohne mehr Ressourcenverbrauch?

An diesem Punkt hängt die ganze Debatte. Relative Entkopplung bedeutet, dass die Wirtschaft schneller wächst als der Ressourcenverbrauch, der Verbrauch aber weiter steigt. Absolute Entkopplung bedeutet, dass die Wirtschaft wächst und der Verbrauch zugleich in absoluten Zahlen sinkt. Relative Entkopplung ist in Industrieländern gut dokumentiert, strittig ist die absolute, und zwar schnell genug. Genau dort setzt die Degrowth-Kritik an: Wer Wachstum verspricht und die Entkopplung nur relativ hinbekommt, verschiebt das Problem.

Degrowth Beispiele: was Unternehmen und Kommunen konkret machen

Auf Politikebene bleibt die Debatte abstrakt. Auf Betriebsebene gibt es sie längst, meist ohne das Etikett:

  • Reparatur statt Ersatz. Hersteller bauen Ersatzteilversorgung und Reparaturservice als eigene Erlöslinie aus, statt den Neuverkauf zu treiben. Der Umsatz pro Gerät sinkt, der Deckungsbeitrag über die Lebensdauer steigt.
  • Produkt als Dienstleistung. Maschinen, Möbel oder Beleuchtung werden vermietet statt verkauft, das Eigentum bleibt beim Hersteller. Der wirtschaftliche Anreiz kippt von kurzer Nutzungsdauer auf lange, weil jede Reparatur billiger ist als ein Austausch.
  • Sortiment verschlanken. Betriebe streichen Varianten, die kaum Deckungsbeitrag bringen, aber Lager, Logistik und Vorprodukte binden. Weniger Artikel heißt weniger Material und oft mehr Marge.
  • Arbeitszeit statt Umsatz. Statt Gewinne in Wachstum zu stecken, verkürzen einige Betriebe die Wochenarbeitszeit bei gleichem Lohn. Der Erfolg wird an Fluktuation und Bewerberzahlen gemessen, nicht am Umsatzplus.
  • Regional beschaffen und absetzen. Kurze Lieferketten senken Transportemissionen und die Abhängigkeit von Weltmarktpreisen. Der adressierbare Markt schrumpft bewusst, die Planbarkeit steigt.
  • Teilen statt anschaffen. Maschinenringe, gemeinsam genutzte Fuhrparks und genossenschaftliche Eigentumsmodelle senken den Kapitalbedarf pro Betrieb. Die Auslastung teurer Anlagen steigt, ohne dass jemand neu investiert.
  • Kommunen. Reparaturinitiativen, solidarische Landwirtschaft, Bürgerenergiegenossenschaften und Innenentwicklung statt neuer Gewerbegebiete sind kommunale Degrowth-Praxis. Sie zielen auf Versorgungssicherheit und Flächenverbrauch, nicht auf Ansiedlungsrekorde.

In Deutschland läuft die Diskussion überwiegend unter Postwachstum, daneben unter Suffizienz und Wachstumskritik. Getragen wird sie von Wissenschaft, Kirchen, Umweltverbänden und Genossenschaften, während die Wirtschaftspolitik dem Green-Growth-Pfad folgt. Für einen Betrieb ist das weniger ein Lager als ein Baukasten: Reparatur, Nutzungsdauer und Suffizienz lassen sich einzeln testen, ohne dass du dich zu einer Wachstumsdoktrin bekennen musst.

Aus dem ersten VSME-Bericht, den ich mit einem KMU umgesetzt habe, nehme ich vor allem eines mit: Der Wert lag nicht im Bericht, sondern in den Folgeanalysen zu Stromkosten, Klimarisiko und Make-or-Buy bei Energie. Der wirksamste Hebel war dort kein zusätzlicher Umsatz, sondern weniger Verbrauch.

Chancen und Risiken für dein Geschäftsmodell

Kriterium Degrowth Green Growth
Wachstumsziel Bewusst kein Mengenwachstum Wachstum bleibt Ziel
Erlösmodell Nutzung, Reparatur, Service Neuverkauf grüner Produkte
Leitkennzahl Deckungsbeitrag je Nutzungsjahr Umsatz plus Emissionsintensität
Investitionsbedarf Niedrig, vor allem Prozessumbau Hoch, Anlagen und Technologie
Kundenanforderung Nische, wertegetriebene Kundschaft Breite Nachfrage, auch aus Lieferketten
Regulatorik Kaum gefördert Förderprogramme, Emissionshandel, Berichtspflichten

In der Praxis heißt Green Growth im Mittelstand selten Wachstumstheorie, sondern Effizienz und Fixkostensenkung. Die ersten fünf Klimamaßnahmen in einem Betrieb haben meist exzellente Amortisationszeiten, weil sie an Strom, Wärme und Anlagenverfügbarkeit ansetzen. In einem Mandat aus dem filialisierten Handel war die stärkste Maßnahme ein PV-Carport: Hagelschutz, Ladeinfrastruktur und Eigenstrom in einer Investition.

Was Geschäftsführungen tatsächlich fragen, deckt sich kaum mit dem, worüber die Debatte streitet. Gestritten wird über Entkopplung, BIP und planetare Grenzen. Gefragt wird nach Regulierung, Energiekosten und dem, was Kunden und Banken verlangen. Wer eine Wachstumsentscheidung begründen will, sollte an der zweiten Liste ansetzen, nicht an der ersten. Wie sich Kapitalmarktseite und CO2-Preis entwickeln, zeigt der Fiegenbaum Atlas.

Entscheidungshilfe: welcher Weg zu deinem KMU passt

Fünf Fragen reichen für eine erste Einordnung:

  1. Verdienst du am Verkauf von Stückzahlen oder an Nutzung, Wartung und Service?
  2. Wie hoch ist dein Energie- und Materialkostenanteil, und wie schnell amortisieren sich Effizienzmaßnahmen?
  3. Fordern deine größten Kunden Emissionsdaten oder Nachhaltigkeitsberichte an?
  4. Kannst du eine Investition in Anlagen und Technik aus dem laufenden Geschäft finanzieren?
  5. Welche Kennzahl steht in deinem Plan oben, Umsatz oder Ergebnis je eingesetzter Ressource?

Wer bei den ersten drei Fragen klar auf Nutzung, hohe Materialkosten und wenig Lieferkettendruck kommt, fährt mit Suffizienz- und Reparaturansätzen besser als mit einem Investitionsprogramm. Wer in der Lieferkette eines berichtspflichtigen Konzerns sitzt oder eine Kreditlinie verlängern will, hat die Frage praktisch schon beantwortet: Dann werden Emissions- und Verbrauchsdaten verlangt, unabhängig davon, welcher Wachstumslogik du folgst. Die Entscheidung liegt danach nicht mehr zwischen den beiden Lagern, sondern in der Reihenfolge der Maßnahmen.

Eine Sache gilt für beide Wege: Ein konformer Bericht ist kein Nachhaltigkeitsbeleg. Compliance-First produziert saubere Dokumente mit Greenwashing-Substrat, und weder Degrowth-Rhetorik noch Green-Growth-Rhetorik ersetzt interne Steuerungsdaten. Der Wert entsteht dort, wo du deine Verbräuche kennst und danach entscheidest. Wie das ohne Überbau geht, steht im Leitfaden zum VSME-Bericht in fünf Schritten.

Häufige Fragen

Ist Degrowth dasselbe wie Postwachstum oder eine Rezession?

Postwachstum ist die gängige deutsche Übersetzung von Degrowth, beide meinen dasselbe Konzept. Eine Rezession ist etwas anderes: Sie ist ein ungeplanter Einbruch der Wirtschaftsleistung mit Arbeitsplatzverlusten. Degrowth beschreibt dagegen eine gesteuerte Verkleinerung ressourcenintensiver Produktion, bei der Beschäftigung und Versorgung ausdrücklich abgesichert werden sollen.

Was bedeutet Entkopplung, und gibt es sie absolut oder nur relativ?

Relative Entkopplung heißt, dass die Wirtschaftsleistung schneller wächst als der Ressourcenverbrauch, dieser aber weiter steigt. Absolute Entkopplung heißt, dass die Wirtschaft wächst und der Verbrauch gleichzeitig sinkt. Relative Entkopplung ist in Industrieländern gut belegt, umstritten ist, ob absolute Entkopplung schnell und dauerhaft genug gelingt.

Welche konkreten Degrowth-Beispiele gibt es in Deutschland?

Auf Betriebsebene sind das Reparatur- und Ersatzteilangebote statt Neuverkauf, Vermietung statt Verkauf, verschlankte Sortimente, verkürzte Arbeitszeit und gemeinsam genutzte Maschinen. In Kommunen gehören Reparaturinitiativen, solidarische Landwirtschaft, Bürgerenergiegenossenschaften und Innenentwicklung statt neuer Gewerbegebiete dazu.

Johannes Fiegenbaum

Johannes Fiegenbaum

ESG- und Nachhaltigkeitsberater mit Schwerpunkt auf VSME‑Berichterstattung und Klimarisikoanalysen. Begleitet seit 2014 über 300 Projekte für den Mittelstand sowie für Großbanken und Versicherungskonzerne.

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