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SBTi 2026: Komplettleitfaden zu Targets, Validierung, Scope 3 & CSRD-Integration

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Stand: 4. September 2026.

Wer 2026 ein SBTi-Ziel einreicht, scheitert selten an Scope 1 und 2. Der Engpass ist Scope 3, und der Corporate Net-Zero Standard V2.0 hat die Anforderungen daran im Juni 2026 spürbar verschärft. Dieser Text beantwortet die drei Fragen, die dabei tatsächlich Arbeit machen: Wann ist ein Scope-3-Ziel Pflicht und wie viel muss es abdecken, was ändert V2.0 gegenüber V1.3.1, und was kostet die Validierung an Geld und Zeit.

Zwei Punkte vorweg, weil sie die Planung bestimmen. Erstens ist ein Scope-3-Ziel verpflichtend, sobald Scope 3 mindestens 40% der gesamten Scope-1 bis 3-Emissionen ausmacht, und es muss mindestens 67% der Pflicht-Scope-3-Emissionen abdecken (Regel der bis Januar 2028 einreichbaren Fassung 1.3.1; V2.0 ersetzt die festen Quoten durch einen Wesentlichkeitsansatz, jede Scope-3-Kategorie ab 5 Prozent muss abgedeckt sein). Zweitens stuft V2.0 mittelgroße Unternehmen in Hocheinkommensländern, also auch deutsche Mittelständler, in die Kategorie A mit voller Scope-3-Pflicht ein. Die schlanke KMU-Route bleibt davon unberührt, aber nur, solange ihr unter deren Schwellen bleibt.

Was ist die Science Based Targets initiative?

Die Science Based Targets initiative, kurz SBTi, ist der faktische globale Standard für die Validierung unternehmerischer Klimaambition. Gegründet wurde sie 2015 von CDP, dem UN Global Compact, dem World Resources Institute (WRI) und dem World Wide Fund for Nature (WWF) gemeinsam mit der We Mean Business Coalition, als privatwirtschaftliche Antwort auf das 1,5°C-Ziel des Pariser Abkommens. Heute operiert sie als britische Wohltätigkeitsorganisation mit einer kommerziellen Tochter, SBTi Services Limited, die die Validierungen durchführt. Rund 200 Mitarbeitende, finanziert u. a. durch die IKEA Foundation, den Bezos Earth Fund und den Rockefeller Brothers Fund. Seit Januar 2025 führt David Kennedy die Organisation als CEO (SBTi, 2025).

Die Skalierung ist längst nicht mehr marginal. Der SBTi Trend Tracker 2025 (April 2026) zählt 9.764 Unternehmen mit validierten Near-Term-Targets und 2.325 mit validierten Net-Zero-Targets, zusammen decken sie mehr als 40% der globalen Marktkapitalisierung ab, über 93 Territorien (SBTi, 2026). Europa liegt mit 4.769 validierten Unternehmen an der Spitze, gefolgt von Asien mit 3.513. Deutschland steht mit 531 validierten Unternehmen auf Platz 5 weltweit, 68% der DAX-40-Konstituenten tragen Targets oder Commitments, vergleichbar mit dem CAC 40 (70%).

Strategisch relevant wird die SBTi für euch, weil ihre Methodiken das IPCC-Kohlenstoffbudget in unternehmerische Reduktionspfade übersetzen. Wenn euer Vorstand „ein 1,5°C-Ziel" verabschiedet, ist die SBTi das Instrument, das diese Aussage verifizierbar macht, für Investoren, für Kunden, für die doppelte Wesentlichkeitsanalyse in der CSRD.

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Corporate Net-Zero Standard: V1.2 vs. V2.0

Aktuell einreichbar ist noch V1.3.1, der Nachfolger der V1.2 von Oktober 2021. V2.0 hat zwei öffentliche Konsultationen durchlaufen, wurde am 11. Juni 2026 final veröffentlicht und gilt ab dem 31. Januar 2027; Einreichungen gegen V1.3.1 und die Near-Term Criteria V5.3 bleiben bis zum 31. Januar 2028 zulässig. Bereits validierte Ziele behalten ihre Gültigkeit bis zum Zieljahr oder zur fünfjährigen Überprüfung. Plant die Transition früh, denn die Anforderungen steigen spürbar.

Die Richtung ist eindeutig: mehr Granularität, stärkere Governance, verpflichtende Transition Plans. Die wichtigsten Änderungen in V2.0:

  • Category A vs. Category B: V2.0 führt ein Zwei-Klassen-System ein. Große und mittelgroße Unternehmen in hocheinkommensreichen Ländern (A) erfüllen den vollen Anforderungssatz; KMU in niedrig-/mittelinkommensreichen Ländern (B) erhalten zusätzliche Flexibilität.
  • Eigenständige Scope-1-Ziele: Scope 1 bekommt erstmals ein separates Target, nicht mehr kombiniert mit Scope 2. Coverage muss 100% erreichen (bisher 95% kombiniert).
  • Scope 2: location-based plus market-based oder Zero-Carbon-Electricity. Unbundled RECs und Herkunftsnachweise verlieren ihre Eignung, sofern sie nicht zeitlich und geografisch matchen.
  • Transition Plans binnen 12 Monaten nach Target-Genehmigung: Ein glaubwürdiger Plan muss veröffentlicht werden, mit formaler Verantwortung auf Vorstands- oder Aufsichtsratsebene.
  • Residualemissions-Verantwortung ab 2035: Category-A-Unternehmen müssen mindestens 1% der laufenden Scope-1 bis 3-Emissionen durch Carbon Removals neutralisieren, steigend auf 100% zum Net-Zero-Datum.

Ein separates V2.1 ist Stand April 2026 nicht in formaler Konsultation, die SBTi-Roadmap setzt auf V2.0 plus sektorspezifische Ergänzungen. Wichtigste anstehende Ergänzung: der Automotive Net-Zero Standard, dessen zweite Konsultation im Februar/März 2026 lief; Finalisierung nicht vor Q3 2026.

Wer heute ein V1.x-Target hält, muss nicht sofort handeln, sollte aber ein V2.0-Re-Validierungsprojekt vor 2028 einplanen. Die Kapazität der SBTi Services ist begrenzt; wer früh agiert, hat weniger Konkurrenz um Slots.

SBTi-Ziele setzen: Scope 1, 2, 3

Jeder SBTi-konforme Pfad arbeitet auf zwei Horizonten: ein Near-Term-Target über 5 bis 10 Jahre und ein Long-Term-Net-Zero-Target bis spätestens 2050. Unter V1.3.1 müssen Scope 1 und Scope 2 auf einem 1,5°C-Pfad reduzieren, das sind 4,2% absolute Reduktion pro Jahr linear, entsprechend 42% über zehn Jahre. Well-below-2°C-Pfade erlauben 2,5% pro Jahr, gelten aber zunehmend als sub-standard.

Die härtere Frage ist Scope 3. Ein Scope-3-Target ist verpflichtend, wenn Scope 3 mindestens 40% der gesamten Scope-1 bis 3-Emissionen ausmacht (≥39,9% wird aufgerundet). In der Praxis trifft das auf die überwältigende Mehrheit produzierender Unternehmen, Händler und Dienstleister zu, 96% aller validierten Targets enthalten eine Scope-3-Komponente. Das Target muss mindestens 67% der Pflicht-Scope-3-Emissionen abdecken; maximal 5% der Scope-3-Emissionen dürfen insgesamt ausgeschlossen werden.

Es gibt drei Zieltypen für Scope 3:

Typ Beschreibung Fit
Absolute ReduktionProzentuale Reduktion in Tonnen CO₂e über ausgewählte Scope-3-KategorienBevorzugt; höchstes Glaubwürdigkeitssignal
IntensitätReduktion pro Umsatz- oder ProduktionseinheitFür ausgewählte Kategorien zulässig; niedrigere Ambition akzeptabel
Supplier EngagementAnteil Lieferanten mit eigenen SBTi-Targets (nach Ausgabe oder Emissionen)Wirksam für große Einkaufsorganisationen; ergänzt Reduktionsziele

Das Long-Term-Net-Zero-Target verlangt eine Reduktion von mindestens 90% über Scope 1 bis 3 bis spätestens 2050; die verbleibenden 10% müssen durch permanente Carbon Removals neutralisiert werden. Unternehmen in landintensiven Sektoren, Forstwirtschaft, Zellstoff/Papier, Landwirtschaft, Lebensmittelverarbeitung, kommen zusätzlich in die FLAG-Pflicht: separates FLAG-Target, verpflichtendes „No Deforestation"-Commitment für Primärrohstoffe, 72%-Reduktionsbenchmark für FLAG-Emissionen bis 2050.

Wer am Anfang der Reise steht, wird fast immer am Scope-3-Inventar hängen bleiben: Nur 6% der Unternehmen nutzen lieferantenspezifische Emissionsfaktoren, der Rest arbeitet mit Spend-based- oder Activity-based-Durchschnittswerten. CDP und Auditoren werden zunehmend kritisch gegenüber Spend-based-Ansätzen, plant also einen progressiven Verbesserungspfad der Datenqualität, keinen Single-Push zur „Validation-Readiness". Eine saubere CO₂-Bilanz ist die Grundvoraussetzung.

Sektorspezifische Guidance 2026

Sechs Sektoren haben aktuell eigene Guidance, die für das Target-Setting wesentlich ist:

  • Chemie: Finalisiert Dezember 2025, in Kraft ab 2. Juni 2026. Verpflichtender N₂O-Pfad für Salpetersäureproduktion bei ≥5% Scope 1. Optionale Pfade für Ammoniak, Methanol, High-Value Chemicals, Alternativfeedstocks.
  • Financial Institutions (FINZ): Finalisiert Juli 2025, verpflichtend ab Januar 2027. Portfolio-Segmentierung, Alignment-Targets, sofortiger Stopp der Finanzierung neuer Kohlekapazitäten und neuer Öl-und-Gas-Projektfinanzierungen. Private Equity und Venture Capital mit <25% Ownership oder ohne Board-Sitz fallen in das leichtere „Segment D".
  • Stahl: Finalisiert, mit differenzierten Pfaden je nach Schrott-Anteil; Scope-3-Target für Upstream-Brennstoffemissionen Pflicht.
  • Gebäude: V1.1 finalisiert August 2024, verpflichtend ab Februar 2025. CRREM-basierte 1,5°C-Pfade für Betriebs- und Embodied-Emissionen.
  • Land Transport: Guidance seit März 2024 aktiv. Personen- und Güterverkehr.
  • Automotive: Standard in Entwicklung; Finalisierung nicht vor Q3 2026. Bis dahin gelten Land-Transport-Guidance und V1.2.

Für deutsche Mittelständler besonders relevant: Die Chemie-Guidance wird ab Juni 2026 bindend für Unternehmen, die Salpetersäure, Ammoniak oder Methanol produzieren. FINZ betrifft Banken, Asset Manager und Versicherer, ein Thema, das viele Hausbanken und Family Offices gerade erst auf dem Schirm bekommen.

Die Scope-3-Carbon-Credits-Debatte

Am 9. April 2024 gab der SBTi-Vorstand ein Statement heraus, das Carbon Credits, formal „Environmental Attribute Certificates", für Scope-3-Emissionen als mögliches Instrument anerkannte. Die Reaktion war heftig und intern: Mitarbeitende mehrerer Abteilungen unterschrieben einen offenen Brief, der die Rücknahme forderte. CEO Luiz Fernando do Amaral trat im Juli 2024 zurück; Susan Jenny Ehr übernahm interim, bis David Kennedy im Januar 2025 dauerhaft CEO wurde. Carbon Market Watch, Carbone 4 und Mitglieder der Technical Advisory Group hinterfragten die Governance öffentlich (Carbon Market Watch, 2024).

Die finale V2.0 (Juni 2026) kehrt die April-2024-Position im Substantiellen um. Carbon Credits können nicht auf Near-Term- oder Long-Term-Reduktionsziele angerechnet werden. Sie sind nur zulässig für Residualemissionen am Net-Zero-Datum sowie für das neue freiwillige Framework Ongoing Emissions Responsibility mit zwei Anerkennungsstufen:

  • Recognized: Neutralisierung von mindestens 1% der laufenden Scope-1 bis 3-Emissionen durch ex-post verifizierte Credits, oder Anwendung eines internen CO₂-Preises von mindestens 20 USD/tCO₂e.
  • Leadership: Interner CO₂-Preis von mindestens 80 USD/tCO₂e auf 100% der Emissionen, mit mindestens 40% davon für verifizierte ex-post Credits.

Die praktische Konsequenz: Credits bleiben nützlich für Beyond-Value-Chain-Mitigation und Residualneutralisierung, aber echte Reduktionen in der Wertschöpfungskette bleiben der einzige Pfad zur SBTi-Konformität bei Reduktionszielen.

Validierungsprozess, Kosten und Dauer

Der Validierungspfad hat sieben Schritte:

  1. Commitment (optional für Corporates, entfällt für KMU). Öffentliche Zusage, die im Target Dashboard erscheint.
  2. GHG-Inventar. Vollständiges Scope-1 bis 3-Inventar nach GHG Protocol Corporate Standard und Scope 3 Standard.
  3. Target-Setting. Berechnung nach SBTi-Methodiken und ggf. Sektor-Guidance.
  4. Einreichung. Upload im Validation Portal inkl. Finanzunterlagen für Tier-Einstufung; technisches Screening.
  5. Formale Prüfung. Lead Reviewer plus Second Opinion, typischerweise 40 Werktage für Corporates, 60 für Finanzinstitute.
  6. Entscheidung. Approval, Revision Request (10 Werktage Antwortfrist) oder Ablehnung.
  7. Publikation. Pflicht binnen sechs Monaten nach Genehmigung.

Die Gebührenstruktur (Stand September 2025) richtet sich nach Jahresumsatz. Wichtigste Eckwerte für EU-Unternehmen:

Service Tier 1 (<€1 Mrd. Umsatz) Tier 2 (≥€1 Mrd.)
Near-Term-Target$11.000$14.250
Net-Zero-Target$11.000$14.250
Near-Term + Net-Zero (Paket)$16.750$21.750
FLAG- oder Buildings-Add-on$8.500$11.250
FI Near-Term Tier 4 (≥€30 Mrd.)$49.800

Das sind die reinen Validierungsgebühren, nicht die Gesamtprojektkosten. Meine Erfahrung mit deutschen Mittelständlern und Corporates zeigt: Ein Near-Term-Target-Projekt läuft typisch auf €80.000, €300.000 Gesamtkosten, wenn ihr das erstmalige Scope-3-Inventar (€30.000, €150.000), das Supplier-Engagement-Programm (€20.000, €200.000), Emissionsfaktor-Datenbanken (20.000 bis 80.000 USD p. a.) und 12 bis 18 Monate internen Aufwand einrechnet. KMU mit sauberer Scope-1+2-Datenbasis kommen oft deutlich unter €20.000 aus.

Typische Ablehnungs- oder Revisionsgründe: unvollständiges Scope-3-Inventar, Scope-1+2-Coverage unter 95%, Basisjahr vor 2015, fehlendes Scope-3-Target trotz 40%-Schwelle, Methodik-Inkompatibilität (falsches Tool, veraltete Emissionsfaktoren). Greenwashing-Flag gibt's bei Scope-2-lastiger Ambition ohne glaubhaften Scope-1-Plan. Der Zertifizierungsprozess im Detail ist in meinem separaten Praxisleitfaden dokumentiert.

SBTi für KMU: Die vereinfachte Route

Seit Januar 2024 qualifiziert sich ein Unternehmen für die vereinfachte KMU-Route, wenn es mindestens drei der folgenden Kriterien erfüllt: weniger als 250 Mitarbeitende, Umsatz unter €50 Mio., Bilanzsumme unter €25 Mio., keine FLAG-Pflichtexposition. Tochterunternehmen von Corporate-Einreichern qualifizieren sich nicht.

Die KMU-Route ist bewusst schlank gehalten:

  • Kein Scope-3-Target erforderlich, nur ein Near-Term-Target für Scope 1+2 ist Pflicht
  • Kein vorheriges Commitment notwendig, direkt zur Einreichung
  • Commitment zur Reduktion um 50% bis 2030 und Netto-Null bis 2050
  • Validierungsgebühr: $1.250 Near-Term (oder $625 mit Discount für Niedrigeinkommensländer)

Ende 2025 hatten weltweit mehr als 6.000 KMU SBTi-Targets gesetzt oder sich verpflichtet; Zielwert der SBTi: 30.000 KMU bis 2030. Haupttreiber für KMU-Adoption ist nicht freiwillige Führerschaft, es ist Einkauf: Große Corporates nutzen Supplier-Engagement-Targets, um Validierung in die Lieferkette zu drücken. Für Mittelständler, die eine deutlich leichtere Sustainability-Reporting-Basis statt (oder zusätzlich zu) SBTi suchen, ist der VSME-Standard die Alternative.

Lieferkettenanforderungen nach V2.0: Was mittelständische Zulieferer jetzt wissen müssen

Seit der finalen Veröffentlichung des Corporate Net-Zero Standard V2.0 am 11. Juni 2026 verschiebt sich für mittelständische Zulieferer in EU-Wertschöpfungsketten eine Annahme, die viele bisher als „Scope 3 betrifft uns nicht" abgehakt hatten.

Die vereinfachte KMU-Route (siehe oben) verlangt weiterhin kein Scope-3-Target. Entscheidend ist aber die neue Größen- und Länderlogik von V2.0: Mittelgroße Unternehmen in Hocheinkommensländern fallen in Kategorie A, und Deutschland zählt eindeutig dazu. Kategorie A muss Near-Term-Ziele für Scope 1, 2 und Scope 3 setzen. Nur kleine Unternehmen sowie mittelgroße Unternehmen in einkommensschwächeren Ländern (Kategorie B) erhalten die Scope-3-Flexibilität. Konkret heißt das: Sobald euer Betrieb die Schwellen der schlanken KMU-Route überschreitet und über die Corporate-Route einreicht, seid ihr als deutscher Mittelständler in Kategorie A, mit voller Scope-3-Pflicht.

Die Lieferkette wird zum Hebel. V2.0 bietet für Scope-3-Ziele drei Wege, darunter erstmals strukturierte Supplier- und Customer-Alignment-Targets: Große Abnehmer verpflichten sich, dass ein wachsender Anteil ihrer Tier-1-Lieferanten und -Kunden eigene wissenschaftsbasierte Ziele setzt. Für euch als Zulieferer kommt der Druck damit nicht aus der Regulierung, sondern aus dem Einkauf eurer größten Kunden, und zwar verbindlicher als bisher.

Praktische Implikationen für den Mittelstand:

  • Klärt zuerst eure Einordnung: schlanke KMU-Route (kein Scope 3) oder Corporate-Route als Kategorie A (Scope-3-Pflicht). Die Schritt-für-Schritt-Anleitung zeigt den Ablauf.
  • Priorisiert das Scope-3-Inventar entlang der Tier-1-Lieferanten, denn genau dort setzen die Alignment-Targets eurer Kunden an.
  • Rechnet mit SBT-Validierungsanfragen aus dem Kundenkreis, nicht als freiwillige Kür, sondern als Lieferantenkriterium im Vergabeprozess.
  • Prüft die sektorspezifische Guidance für eure Branche, denn sie ist beim Target-Setting verbindlich anzuwenden.

Wer früh eine saubere Scope-3-Architektur aufsetzt, verwandelt die Anforderung in einen Vorteil bei Ausschreibungen. Erstgespräch vereinbaren, wenn ihr die Einordnung und den Scope-3-Pfad gegen die V2.0-Kriterien prüfen wollt.

SBTi im Nachhaltigkeitsbericht: ESRS E1 und was Unternehmen wirklich offenlegen

Die meistgestellte strategische Frage deutscher Unternehmen: Erfüllt ein SBTi-validiertes Target meine Berichtspflichten? Die kurze Antwort: Nein, aber die beiden spielen sehr gut zusammen.

ESRS E1 referenziert die SBTi implizit, nicht explizit als bindende Vorgabe. Das Disclosure Requirement E1-4 verlangt, dass ihr eure Klimaziele offenlegt und angebt, ob diese an 1,5°C-Szenarien ausgerichtet sind; ein SBTi-validiertes Target ist das stärkste verfügbare Signal. Beide Frameworks basieren auf dem GHG Protocol Corporate Standard und Scope 3 Standard, die Dateninfrastruktur ist also weitgehend deckungsgleich. Die EFRAG-CDP-Korrespondenz-Mapping vom März 2025 bestätigt die erheblichen Überschneidungen zwischen CDP-Reporting, dem bevorzugten SBTi-Kanal, und ESRS E1.

Wer die Datenarbeit nur einmal machen will, legt die SBTi-Anforderungen direkt auf die Angabepflichten:

SBTi-Anforderung ESRS-E1-Datenpunkt Was zusätzlich nötig ist
Near-Term-Target Scope 1 und 2E1-4 (Ziele im Zusammenhang mit dem Klimaschutz)Basisjahr, Zieljahr und Abdeckungsgrad explizit nennen
Scope-3-Target ab der 40%-SchwelleE1-4 plus E1-6 (Brutto-THG-Emissionen)Scope 3 nach den 15 GHG-Protocol-Kategorien aufschlüsseln
1,5°C-Ausrichtung des PfadsE1-4Herleitung aus dem Szenario und die verwendete Methodik dokumentieren
Transition Plan binnen 12 Monaten (V2.0)E1-1 (Transitionsplan für den Klimaschutz)CapEx-Zuordnung und Verankerung im Geschäftsmodell, das verlangt die SBTi nicht
Verantwortung auf Vorstands- oder AufsichtsratsebeneESRS 2 GOV-1 und GOV-3Anreizsysteme und Vergütungsbezug offenlegen
Removals und Umgang mit GutschriftenE1-7 (THG-Abbau und Klimaschutzprojekte über CO₂-Gutschriften)Getrennt vom Reduktionspfad ausweisen, keine Verrechnung
Interner CO₂-Preis im OER-FrameworkE1-8 (Interne CO₂-Bepreisung)Preisniveau, Anwendungsbereich und Steuerungswirkung beschreiben

Wo die beiden auseinandergehen: Die Berichtspflicht verlangt einen prüffähigen Transition Plan mit CapEx-Alignment, Governance-Offenlegung und investorenorientierter Risikorahmung (TCFD/ISSB-verwandt). SBTi validiert die Ambition der Targets, schreibt aber keine CapEx- oder Governance-Struktur vor. Der EFRAG-ESRS-E1-Draft vom Juli 2025 empfiehlt ausdrücklich die Abstimmung der Transition Plans mit der Transition Plan Taskforce (TPT).

Umgekehrt bleibt die Berichtspflicht selbst nach Omnibus auf Unternehmen mit mehr als 1.000 Mitarbeitenden und mehr als €450 Mio. Umsatz beschränkt, wie im Leitfaden zum Nachhaltigkeitsbericht beschrieben. Für alle darunter wird SBTi zum schärferen Differenzierungsmarker, weil die regulatorische Offenlegung das Signalisieren nicht mehr übernimmt. Investoren, Kunden und Banken schauen dann umso genauer auf freiwillige Standards. Für eure Klimarisiko-Einstufung bleibt die SBTi-Methodik also auch dann nützlich, wenn die Berichtspflicht formal nicht greift.

Meine Position dazu: Ein validiertes Ziel im Bericht sagt für sich genommen wenig, aussagekräftig wird es erst durch den Fortschrittswert daneben. Wer ein Ziel nennt, aber die Ist-Emissionen im Zielperimeter nicht gegen das Basisjahr zeigt, hat eine Absichtserklärung veröffentlicht, keine Leistung.

Deshalb die Prüfliste, mit der ihr ein fremdes SBTi-Ziel im veröffentlichten Nachhaltigkeitsbericht verifiziert:

  1. Rechtsträger abgleichen. Steht im SBTi Target Dashboard die Konzernmutter oder die Gesellschaft, mit der ihr tatsächlich Verträge habt? Und steht dort „Targets set" oder nur „Committed"? Ein Commitment ist kein validiertes Ziel.
  2. E1-4 aufschlagen. Basisjahr, Zieljahr, Reduktionsprozentsatz, Abdeckungsgrad. Fehlt das Basisjahr, ist das Ziel nicht nachrechenbar.
  3. Scope-3-Kategorien prüfen. Ein Ziel, das nur Kategorie 1 (eingekaufte Güter) abdeckt, während die Nutzungsphase (Kategorie 11) den Fußabdruck dominiert, ist kosmetisch. Vergleicht die Zielkategorien mit der Emissionsverteilung in E1-6.
  4. Fortschritt nachrechnen. Legt die Ist-Emissionen aus E1-6 gegen den linearen Zielpfad. Liegt das Unternehmen nach drei Jahren noch auf Basisjahrniveau, ist das Ziel rechnerisch bereits verfehlt.
  5. E1-7 lesen. Werden Gutschriften auf die Zielerreichung angerechnet? Nach V2.0 ist das für Reduktionsziele unzulässig.
  6. Prüfvermerk kontrollieren. Ist die Klimaangabe von der Limited Assurance erfasst oder ausdrücklich davon ausgenommen? Ausnahmen stehen im Kleingedruckten.

SBTi vs. SBTN

Eine häufige Verwechslung: Die Science Based Targets initiative (SBTi) adressiert Klima; das Science Based Targets Network (SBTN) adressiert Natur, Biodiversität, Süßwasser, Land, Ozean. Sie teilen Gründungspartner, operieren aber getrennt mit eigener Methodik. SBTN veröffentlichte die ersten Target-Typen für Süßwasser und Land im Mai 2023; die Ozean-Methodik ist noch in Entwicklung. Für klimaintensive Industrien ist SBTi das Primärinstrument; landintensive Wertschöpfungsketten (Landwirtschaft, Forst, Lebensmittelverarbeitung) sollten SBTi FLAG und SBTN-Targets parallel entwickeln, um doppelte Datenerhebung und doppeltes Lieferantenmanagement zu vermeiden.

Wenn eure Wesentlichkeitsanalyse sowohl Klima als auch Natur als wesentlich flaggt, was für die meisten Lebensmittel-, Konsumgüter-, Chemie-, Textil- und Bauwertschöpfungsketten zutrifft, designt eure Datenarchitektur von Tag eins für beide Frameworks. Retrofitting ist der teure Pfad.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Was ist der Unterschied zwischen Science Based Targets und dem Corporate Net-Zero Standard?

Ein Science Based Target ist das einzelne validierte Ziel eines Unternehmens. Der Corporate Net-Zero Standard ist das Regelwerk, nach dem solche Ziele gesetzt und geprüft werden, aktuell V1.2 mit dem am 11. Juni 2026 veröffentlichten Nachfolger V2.0. Near-Term-Targets gab es schon vor dem Net-Zero-Standard; er hat vor allem das langfristige Netto-Null-Ziel, die 90%-Reduktionsschwelle und den Umgang mit Residualemissionen definiert.

SBTi oder CDP, was ist der Unterschied?

CDP ist ein Offenlegungssystem: Unternehmen beantworten einen jährlichen Fragebogen zu Klima, Wasser und Wäldern und erhalten eine Bewertung. Die SBTi validiert Ziele gegen ein Klimaszenario und vergibt keine Note. CDP ist einer der Gründungspartner der SBTi, und der CDP-Fragebogen ist der übliche Kanal, über den validierte Ziele jährlich fortgeschrieben werden. Wer beides bedient, erhebt die Daten nur einmal.

Was müssen Unternehmen jährlich über den SBTi-Fortschritt berichten?

Die SBTi verlangt eine jährliche öffentliche Offenlegung der Emissionen im Zielperimeter, üblicherweise über den Nachhaltigkeitsbericht oder den CDP-Fragebogen. Der Fortschritt muss gegen das Basisjahr nachvollziehbar sein, und Ziele sind mindestens alle fünf Jahre zu überprüfen sowie bei wesentlichen Struktur- oder Methodikänderungen neu zu berechnen. Wer nicht offenlegt, riskiert eine Rückstufung im Target Dashboard.

Können Carbon Credits auf SBTi-Scope-3-Targets angerechnet werden?

Nein. Die finale V2.0 (Juni 2026) schließt die Anrechnung von Carbon Credits auf Near-Term- oder Long-Term-Reduktionsziele explizit aus. Credits sind nur zulässig für Residualemissionen am Net-Zero-Datum und für das freiwillige Ongoing-Emissions-Responsibility-Framework.

Was kostet eine SBTi-Validierung?

Die offiziellen Validierungsgebühren reichen von $1.250 für die KMU-Near-Term-Leistung bis $49.800 für Tier-4-Finanzinstitute. Für deutsche Mittelständler ist das kombinierte Near-Term-+-Net-Zero-Paket bei Tier 1 mit $16.750 der häufigste Ansatz. Gesamtprojektkosten inklusive Inventar, Lieferantenengagement und internem Aufwand erreichen typisch €80.000 bis €300.000 für erstmalige Corporate-Near-Term-Einreichungen.

Wie lange dauert eine SBTi-Validierung?

Vom Commitment bis zum veröffentlichten, validierten Target plant realistisch 12 bis 18 Monate bei vorbereiteten Unternehmen. Die eigentliche Prüfung dauert 30 bis 60 Werktage nach Service-Start. Komplexe Scope-3-Situationen oder Revisionsanfragen können den Prozess auf 24 Monate und mehr verlängern.

Quellen und weiterführende Ressourcen

  • Science Based Targets initiative. (2025). Corporate Net-Zero Standard V2.0 (final, Juni 2026). sciencebasedtargets.org.
  • Science Based Targets initiative. (2025). Target Validation Service Offerings V6.
  • Science Based Targets initiative. (2026). SBTi Trend Tracker 2025.
  • EFRAG und CDP. (2025). Correspondence Mapping: CDP Climate Questionnaire and ESRS E1.
  • Carbon Market Watch. (2024). SBTi Board Statement on Carbon Credits: Governance and Scientific Concerns.
  • NewClimate Institute. (2024). Corporate Climate Responsibility Monitor 2024.
  • Europäische Kommission. (2025). Omnibus I, Politische Einigung zu CSRD-Scope.

Wenn ihr gerade eine SBTi-Einreichung vorbereitet und einen Sparringspartner für Scope-3-Architektur, Sektor-Guidance-Fit oder die Transition-Plan-Integration sucht: Ein kurzes Gespräch reicht meist, um einzuschätzen, ob euer Ansatz der Validator-Prüfung standhält und wo die strukturellen Risiken liegen. Erstgespräch vereinbaren.

Johannes Fiegenbaum

Johannes Fiegenbaum

ESG- und Nachhaltigkeitsberater mit Schwerpunkt auf VSME‑Berichterstattung und Klimarisikoanalysen. Begleitet seit 2014 über 300 Projekte für den Mittelstand sowie für Großbanken und Versicherungskonzerne.

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