Von Johannes Fiegenbaum am 06.11.25, 15:36 · Zuletzt aktualisiert 5. September 2026
ESG-Kriterien sind die Kennzahlen, an denen Banken, Großkunden und Regulierung messen, wie ein Unternehmen mit Umwelt, Menschen und der eigenen Führung umgeht. Wer wissen will, welche das konkret sind, braucht keine Regulierungstheorie, sondern eine Liste mit Kennzahl und Adressat. Genau die steht hier, dazu die Regeln, die in Deutschland wirklich gelten, und der Weg zu Zahlen, die einer Prüfung standhalten.
ESG-Kriterien sind messbare Anforderungen an die Umwelt-, Sozial- und Führungsleistung eines Unternehmens. E steht für Environmental und meint Emissionen, Energie, Abfall und Klimarisiken. S steht für Social und meint Arbeitssicherheit, Weiterbildung, Entlohnung und Menschenrechte in der Lieferkette. G steht für Governance und meint Korruptionsprävention, Verhaltensregeln, Datenschutz und die Zusammensetzung der Führungsgremien.
Der Unterschied zu CSR liegt im Nachweis. CSR beschreibt, was ein Unternehmen freiwillig tut, und wird kommuniziert. ESG-Kriterien werden geprüft, verglichen und in Kredit- und Einkaufsentscheidungen eingerechnet. Ein Nachhaltigkeitskapitel im Imagebericht hilft deshalb nicht weiter, wenn die Bank nach den Emissionen aus Scope 1 und 2 fragt.
Eine amtliche Gesamtliste gibt es nicht. In der Praxis landen die Anfragen aber immer wieder bei denselben Punkten. Diese fünfzehn Kriterien decken ab, was in Lieferantenfragebögen, Kreditgesprächen und im freiwilligen Berichtsstandard tatsächlich abgefragt wird, jeweils mit der Kennzahl, die ihr dafür braucht, und mit dem, der danach fragt.
| # | Kriterium | Beispielkennzahl | Wer fragt danach |
|---|---|---|---|
| 1 | Treibhausgase Scope 1 und 2 (Umwelt) | t CO₂e pro Jahr | Bank, Großkunde |
| 2 | Scope 3 in den wesentlichen Kategorien | t CO₂e pro Jahr | Großkunde, Investor |
| 3 | Energieverbrauch und Anteil erneuerbarer Energie | MWh, Anteil in Prozent | Bank, Förderstelle |
| 4 | Abfall und Kreislaufwirtschaft | t Abfall, Recyclinganteil | Großkunde |
| 5 | Klimarisiken je Standort | bewertete Standorte, betroffener Umsatzanteil | Bank, Versicherer |
| 6 | Arbeitssicherheit (Soziales) | Unfälle je Million Arbeitsstunden | Großkunde, Versicherer |
| 7 | Weiterbildung | Stunden je Beschäftigten und Jahr | Investor, Bericht |
| 8 | Entlohnung und Tarifbindung | Anteil der Belegschaft unter Tarif | Großkunde |
| 9 | Fluktuation | Austritte in Prozent der Belegschaft | Investor |
| 10 | Menschenrechte in der Lieferkette | Anteil geprüfter Lieferanten | Kunde mit Sorgfaltspflicht |
| 11 | Korruption und Bestechung (Führung) | Verurteilungen, Bußgelder in Euro | Bank, Kunde |
| 12 | Verhaltenskodex und Compliance | vorhanden, Datum der letzten Schulung | Kunde |
| 13 | Zusammensetzung des Leitungsgremiums | Frauenanteil in Prozent | Investor |
| 14 | IT-Sicherheit und Datenschutz | meldepflichtige Vorfälle pro Jahr | Kunde, Versicherer |
| 15 | Umsatz aus ausgeschlossenen Geschäftsfeldern | Anteil am Umsatz in Prozent | Bank, Investor |
Der Realitätscheck dazu: In der Auswertung von 1.401 europäischen Nachhaltigkeitsberichten wiederholen sich genau diese Kennzahlen. Die Berichte stammen allerdings ganz überwiegend von großen Unternehmen, übertragbar sind für kleinere Betriebe deshalb die Intensitätswerte je Beschäftigten oder je Million Umsatz, nicht die Absolutzahlen. Welche Kennzahlen sich zur internen Steuerung eignen, steht in der Übersicht zu den wichtigsten ESG-Kennzahlen.
In Deutschland wirken drei Ebenen: die europäischen Berichtsstandards, die Sorgfaltspflichten in der Lieferkette und die EU-Taxonomie für alles, was als nachhaltige Wirtschaftstätigkeit gelten soll. Was davon euch trifft, hängt an der Größe.
Unterhalb von 1.000 Beschäftigten gilt zusätzlich ein Deckel: Kunden dürfen nicht mehr Daten verlangen, als der freiwillige Standard vorsieht. Das ist ein Recht, kein Automatismus, im Einkaufsgespräch müsst ihr es aussprechen.
Meine Position zum Omnibus-Paket, das diese Schwellen gebracht hat: Das ist kein Bürokratieabbau, das ist Datenlöschung auf Raten. Wer die Schwelle auf 1.000 Beschäftigte anhebt und gleichzeitig behauptet, am Klimaschutz ändere sich nichts, rechnet nicht nach. Klima- und Biodiversitätsdaten, die nie erhoben werden, tauchen in keinem Finanzrisikomodell auf. Die Lücke zahlen später Kreditgeber und Investoren.
Gefragt wird nicht nach einer Strategie, gefragt wird nach Nachweisen. Diese fünf liegen bei Banken und Großkunden fast immer zuerst auf dem Tisch:
Ratings sortieren diese Nachweise, sie ersetzen sie nicht. Ecovadis und ähnliche Scores sind Boxticking-Theater: Der Score steigt durch hochgeladene Dokumente, nicht durch weniger Emissionen. Wer das als ESG-Strategie verkauft, verfehlt den Punkt. Bei der Bank entscheidet, ob eure Zahlen aus einer nachvollziehbaren Quelle kommen, und die Aufsicht verschärft diese Frage laufend, wie die 9. MaRisk-Novelle zeigt.
Der erste Durchlauf dauert länger als erwartet, weil die Daten verstreut liegen, nicht weil der Standard schwierig wäre. Ab dem zweiten Jahr ist es Routine.
Sehen, wo euer Unternehmen im Branchenvergleich steht, schon beim Schreiben des Berichts.
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Es gibt keine feste Zahl, weil keine Behörde eine abschließende Liste führt. Der Voluntary Standard, früher als VSME bekannt, kommt im Basismodul auf elf Angabenblöcke von B1 bis B11 und im Zusatzmodul auf neun weitere. Die fünfzehn Kriterien in der Tabelle oben decken ab, was in der Praxis abgefragt wird.
Gesetzlich berichtspflichtig sind Unternehmen mit mehr als 1.000 Beschäftigten und mehr als 450 Millionen Euro Umsatz, für Geschäftsjahre ab 2027. Alle anderen erfüllen keine Pflicht, bekommen die Fragen aber trotzdem: von Großkunden im Einkauf und von der Bank bei der Kreditverlängerung.
Ausschlusskriterien sind Geschäftsfelder, die Fonds und Banken von vornherein nicht finanzieren, etwa Rüstung, Tabak, Kohle oder Glücksspiel. Betroffen sind nicht nur die Hersteller: Auch Zulieferer mit einem Umsatzanteil in diesen Feldern fallen aus dem Anlageuniversum, oft ohne es zu erfahren.
Meist Scope 1 und 2, den Energieverbrauch, die Klimarisiken der Standorte und die Frage, ob es ein Klimaziel mit Basisjahr gibt. Dahinter steht die Aufsicht: Banken müssen Klimarisiken im Kreditprozess berücksichtigen und reichen die Frage an euch weiter.
Der Aufwand liegt in der Datenbeschaffung, nicht in der Software. Wer Energierechnungen, Lohndaten und Fuhrparkdaten beisammen hat, kommt für den ersten Bericht mit wenigen Tagen Arbeit aus. Teuer wird es, wenn jede Zahl einzeln zusammengesucht oder der Bericht dreimal umgebaut wird.
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Zur PersonAuf einen Blick: Die Lebenszyklusanalyse (LCA) ist die umfassendste Methode zur Bewertung von Umweltauswirkungen über den gesamten Produktlebenszyklus, von der Rohstoffgewinnung ...
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