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Hochwassergefahrenkarten richtig lesen: HWGK für Unternehmen

Aerial Hochwasser-Sicht, Symbolbild Hochwassergefahrenkarte HWGK

Ihr habt ein Grundstück im Auge, eine Investition in Sicht, einen Mietvertrag zu prüfen, eine Versicherung zu verlängern. Eine der robustesten Quellen für die Hochwasserlage am Standort liegt frei zugänglich vor: die Hochwassergefahrenkarten (HWGK) der Bundesländer. Sie sind nach EU-Hochwasserrisikomanagement-Richtlinie verpflichtend und werden alle sechs Jahre fortgeschrieben. Wer sie richtig liest, sieht nicht nur Überflutungsflächen, sondern Wassertiefen, Schutzanlagen, Risiken hinter Deichen und Industrieanlagen im Umfeld. Wer sie falsch liest, verwechselt sie mit Starkregenkarten und übersieht die häufigsten Schadensursachen. Dieser Artikel ordnet die drei Szenarien, die 16 Länderportale und die Differenz zu Starkregengefahrenkarten so, dass Standortverantwortliche eine prüfungsfeste Investitionsentscheidung treffen können.

EU-HWRM-Richtlinie und § 74 WHG als Rechtsgrundlage

Die Grundlage aller Hochwassergefahren- und Risikokarten in Deutschland ist die Richtlinie 2007/60/EG (EU-Hochwasserrisikomanagement-Richtlinie, EU-HWRM-RL), in Kraft seit 26. November 2007. Sie schützt die vier Schutzgüter menschliche Gesundheit, Umwelt, Kulturerbe und wirtschaftliche Tätigkeiten. Deutschland hat die Richtlinie mit der WHG-Novelle vom 31. Juli 2009 in nationales Recht überführt. § 74 WHG verpflichtet die Landesbehörden zur Erstellung von HWGK und HWRK für alle Gebiete mit signifikantem Hochwasserrisiko. Überprüfung und Aktualisierung alle sechs Jahre, der dritte Berichtszyklus endete Ende 2024, der nächste reicht bis 2031.

Die Bund/Länder-Arbeitsgemeinschaft Wasser (LAWA) koordiniert bundesweit einheitliche Methodik und Darstellung. Die aktuellste Fassung der LAWA-Empfehlungen wurde im Januar 2024 verabschiedet und ist Grundlage der dritten Generation an Karten.

Die drei Szenarien HQ häufig, HQ100, HQ extrem

Alle HWGK werden für exakt drei statistische Szenarien erstellt:

Szenario Wiederkehrintervall Eintritt p.a. HWRM-RL-Bezeichnung
HQ häufig5–20 Jahre (HQ10 bis HQ25)5–20 %hohe Wahrscheinlichkeit
HQ100100 Jahre1 %mittlere Wahrscheinlichkeit
HQ extrem≥ 200 Jahre (ca. 1,5 × HQ100)< 0,5 %niedrige Wahrscheinlichkeit / Extremereignis

Kritische Lesart: Die Szenarien sind statistische Mittelwerte, keine Obergrenzen. Ein HQ100 kann innerhalb von 100 Jahren auch mehrfach auftreten. Auch HQ extrem ist keine maximale Belastungsgrenze. Das Ahrtal 2021 hat das eindrücklich gezeigt: Am Pegel Altenahr wurde vorläufig eine Jährlichkeit von rund 850 Jahren berechnet, Spitzenabflüsse lagen weit über HQ100. Wer aus der HWGK eine „Sicherheit ohne Restrisiko" liest, verkennt das statistische Fundament der Karten.

Inhalte: Was HWGK und HWRK darstellen

Die HWGK beschreibt das physische Ausmaß eines Hochwasserereignisses. Standardisiert nach LAWA-Empfehlung 2024:

  • Überflutungsfläche für jedes der drei Szenarien (Blautöne nach Wassertiefe)
  • Wassertiefen in fünf Klassen: 0–0,5 m, 0,5–1 m, 1–2 m, 2–4 m, über 4 m
  • Gelbtöne für Gebiete hinter Hochwasserschutzanlagen (mit modelliertem Versagen)
  • Optional Fließgeschwindigkeit und Abfluss
  • Lage von Deichen, Mauern, mobilen Schutzsystemen, Stauanlagen mit Dauerschutzfunktion

Die Hochwasserrisikokarte (HWRK) baut auf der HWGK auf und ergänzt das Schadenpotenzial:

  • Anzahl potenziell betroffener Einwohner als Orientierungsgröße
  • Art der wirtschaftlichen Tätigkeit im Überflutungsgebiet (Flächennutzungen)
  • Umweltrelevante Industrieanlagen (IE-Richtlinie 2010/75/EU, Störfall-VO, 12. BImSchV, EPRTR-Anlagen)
  • Schutzgebiete (Trinkwasserschutzgebiete, Natura 2000)
  • Optional UNESCO-Weltkulturerbe-Stätten

Für Unternehmen besonders relevant: Die HWRK macht Industrieanlagen mit Umweltrelevanz im Umfeld sichtbar. Bei Überflutung dieser Anlagen drohen sekundäre Kontaminationsschäden auf eigenen Flächen oder Gewässern, ein häufig unterschätztes Risiko in dicht bebauten Industriegebieten.

Das Wichtigste auf einen Blick

  • HWGK zeigt fluviales Hochwasser (austretende Gewässer), nicht pluviales (Starkregen auf versiegelten Flächen).
  • Drei Szenarien: HQ häufig (5–20 %), HQ100 (1 %), HQ extrem (< 0,5 %). Alle sind statistisch, keine Obergrenze.
  • HWRK ergänzt HWGK um Schadenpotenzial: Einwohner, Wirtschaft, Industrieanlagen, Schutzgebiete.
  • HQ100 ist die rechtliche Referenz für Überschwemmungsgebiete nach § 76 WHG und für Versicherbarkeit.

Portale aller 16 Bundesländer im Überblick

Bundesland Behörde Portal
Baden-WürttembergLUBWhochwasser.baden-wuerttemberg.de
BayernLfU Bayernlfu.bayern.de / UmweltAtlas Bayern
BerlinSenMVKUGeoportal Berlin
BrandenburgLfU Brandenburgapw.brandenburg.de
BremenSen. Umwelthochwasserrisikomanagement-bremen.de
HamburgLSBGGeoportal Hamburg
HessenHLNUGhlnug.de/themen/wasser/hochwasser
Mecklenburg-VorpommernMinisterium Landwirtschaft/UmweltGeoportal MV
NiedersachsenNLWKNumwelt.niedersachsen.de / hwrm-rl.niedersachsen.de
Nordrhein-WestfalenLANUV / BezirksregierungenHochwasserkarten.NRW, ELWAS, UVO
Rheinland-PfalzLfU Rheinland-Pfalzhochwassermanagement.rlp.de
SaarlandMinisterium Umwelt/VerbraucherschutzGeoportal Saarland
SachsenLfULG / LTVHochwasserportal Sachsen
Sachsen-AnhaltLHWmwu.sachsen-anhalt.de/umwelt/wasser/hochwasserschutz
Schleswig-HolsteinMin. Energiewende/UmweltUmweltkarten SH
ThüringenTLABUG / TLUBNUmweltportal Thüringen

Nationale Schnittstelle: geoportal.bafg.de/karten/HWRM_Aktuell der Bundesanstalt für Gewässerkunde bündelt alle Länderkarten in einem Viewer.

HWGK vs. Starkregengefahrenkarte: Der entscheidende Unterschied

Dieser Unterschied ist betriebspraktisch entscheidend und wird häufig unterschätzt.

Hochwassergefahrenkarte (HWGK, fluvial) betrachtet Überflutung durch austretende Gewässer. Basis sind statistische Abflüsse definierter Jährlichkeiten. Erfasst nur Gewässer mit signifikantem Risiko, kleine Gewässer und reine Straßenflächen können fehlen. Erstellt durch Landesbehörden nach WHG. Überschwemmungsgebiete haben rechtliche Konsequenzen nach § 76 WHG: Bauverbote, Genehmigungspflichten, eingeschränkte Nutzung.

Starkregengefahrenkarte (SRGK, pluvial) betrachtet oberflächigen Abfluss nach Starkniederschlag unabhängig von Gewässernähe. Szenarien sind qualitativ („selten", „außergewöhnlich", „extrem"), nicht über Jährlichkeiten. Zeigt Fließwege, Senken und Aufstaubereiche, in der Regel ohne Kanalsystem. Erstellt durch Kommunen oder das BKG als Bundeshinweiskarte, ohne unmittelbare rechtliche Konsequenzen.

Das Bundesamt für Kartographie und Geodäsie (BKG) erstellt mit LAWA eine flächendeckende Hinweiskarte Starkregengefahren für zwei Szenarien (statistisch hundertjährliches Ereignis und Extremereignis mit 100 mm/h). Mai 2025 liegt die Karte für 11 Bundesländer vor, Bayern, Baden-Württemberg, Hessen und Saarland sind in Bearbeitung. Vollständige bundesweite Abdeckung ab Ende 2026.

Praktische Konsequenz: Beide Karten gehören in die Standortanalyse. Wer urban verdichtet liegt, in Hanglage oder mit Tiefgaragenzufahrt arbeitet, ist auf die Starkregenkarte ebenso angewiesen wie auf die HWGK. Rückstausicherung und Hochwasser-Alarmplan müssen beide Phänomene abdecken.

Wie Unternehmen die Karten lesen sollten

Fünf Schritte für die strukturierte Standortbewertung:

  1. Standortlage prüfen. Liegt der Standort in der HQ100-Überflutungsfläche? Das HQ100 ist die rechtliche Referenz für Überschwemmungsgebiete nach § 76 WHG und für Versicherung, Baugenehmigung und Investitionsplanung.
  2. Wassertiefe ablesen. Die fünf Klassen sind direkt entscheidungsrelevant: 0–0,5 m bedeutet Feuchtekeller und mögliche Produktionsunterbrechung, 0,5–1 m gefährdet Erdgeschoss, Maschinen und IT, über 1 m schwere Sachschäden, über 2 m strukturelle Gebäudeschäden und potenzielle Totalverluste.
  3. Schutzanlagen-Status prüfen. Liegt der Standort in einem gelb dargestellten geschützten Bereich, greift der Schutz nur bis zum Auslegungsszenario. Bei HQ extrem rechnet die HWGK mit Deichversagen, das Restrisiko ist sichtbar gemacht.
  4. HWRK auf Industrieanlagen prüfen. Stehen Störfallanlagen oder EPRTR-Betriebe in unmittelbarer Nähe? Bei Überflutung dieser Anlagen drohen sekundäre Kontaminationsschäden auf eigenen Flächen.
  5. Starkregenkarte zusätzlich heranziehen. HWGK erfasst kein pluviales Hochwasser. Für urban verdichtete oder topografisch exponierte Standorte ist die kommunale oder bundesweite Starkregenhinweiskarte zwingend zusätzlich nötig.

Versicherbarkeit und ZÜRS Geo

Parallel zur amtlichen HWGK betreibt die Versicherungswirtschaft ZÜRS Geo mit über 22 Mio. klassifizierten Adressen. ZÜRS-Klassen GK 1 bis GK 4 entsprechen Wiederkehrintervallen von über 200 bis unter 10 Jahren. In GK 3 sind Prämien deutlich erhöht (in NRW Prämien über 2.000 Euro pro Jahr dokumentiert), in GK 4 oft praktisch nicht mehr versicherbar oder mit Deckungsausschluss. Wichtig: ZÜRS und HWGK stimmen nicht immer überein, weil die Versicherer eigene Daten und Aktualisierungszyklen führen. Klimarisiken und Versicherungen zeigen den Zusammenhang im Detail.

Karten lesen ist erst der Anfang.

HWGK und ZÜRS-Klassen sind der Einstieg in die strukturierte Risikobewertung. Im Erst-Assessment Klimarisiko ordnen wir Standortdaten mit ISO-14091-Methodik, Schadenpotenzialen und Adaptationsmaßnahmen in eine prüfungsfeste Risikoanalyse.

Erst-Assessment Klimarisiko anfragen

Häufig gestellte Fragen

Was ist der Unterschied zwischen HWGK und HWRK?

Die HWGK zeigt das physische Ausmaß einer Überflutung (Überflutungsfläche, Wassertiefe, Schutzanlagen) für die drei Szenarien HQ häufig, HQ100 und HQ extrem. Die HWRK ergänzt das Schadenpotenzial: betroffene Einwohner, Wirtschaftsflächen, Industrieanlagen, Schutzgebiete und ggf. UNESCO-Kulturerbe. Beide gehören zusammen und werden alle sechs Jahre fortgeschrieben.

Was bedeutet ein HQ100 für meine Versicherung?

Das HQ100 ist die Schwelle, ab der § 76 WHG ein gesetzliches Überschwemmungsgebiet definieren kann, mit Bauverboten und Genehmigungspflichten. Für die Versicherbarkeit ist nicht die HWGK, sondern ZÜRS Geo der Versicherer maßgeblich, das eigene Adressdaten nutzt. In ZÜRS-Klassen GK 3 sind Prämien deutlich erhöht, GK 4 ist häufig nicht mehr versicherbar oder mit Deckungsausschluss.

Ist HQ extrem die obere Grenze?

Nein. HQ extrem ist ein statistisches Szenario mit Wiederkehrintervall ab 200 Jahren und rund 1,5-fachem Abfluss des HQ100. Es ist keine Obergrenze. Das Ahrtal 2021 hat eine Jährlichkeit von rund 850 Jahren erreicht und weit über HQ extrem gelegen. Für die Standortplanung heißt das: HQ extrem ist Bemessung für geordneten Rückzug, nicht für dauerhaften Sachschutz.

Warum stehen Starkregen-Risiken nicht in der HWGK?

Die HWGK betrachtet fluviales Hochwasser, also Überflutung durch austretende Gewässer. Pluviales Hochwasser durch Starkregen auf versiegelten Flächen wird separat in Starkregengefahrenkarten dargestellt, die meistens kommunal oder über die BKG-Bundeshinweiskarte erstellt werden. Beide gehören für eine vollständige Standortanalyse zusammen.

Wo finde ich die Karte für meinen Standort?

Jedes Bundesland hat ein eigenes Portal (Tabelle oben). Die nationale Sammelschnittstelle ist geoportal.bafg.de/karten/HWRM_Aktuell der Bundesanstalt für Gewässerkunde, dort sind alle Länderkarten verlinkt. Aktualisierungsstand 2024/2025 nach drittem Berichtszyklus, nächste Aktualisierung bis 2031.

Wie aktuell sind die Karten?

Die EU-HWRM-RL verlangt sechsjährige Überprüfung. Der dritte Berichtszyklus endete Ende 2024, der nächste bis Ende 2031. Bei wesentlichen Änderungen an Schutzanlagen oder Hydrologie können einzelne Karten zwischenzeitlich fortgeschrieben werden. Die LAWA-Empfehlungen Januar 2024 gelten für den aktuellen Zyklus.

Werden Klimawandel-Projektionen einbezogen?

Bisher überwiegend nicht. Die meisten HWGK basieren auf historischen Abflussdaten. KLIWA (Klima und Wasser) und LAWA arbeiten an Methoden, Klimaprojektionen in die HWGK-Aktualisierung einzurechnen. Wer eine zukunftsgerichtete Risikoanalyse braucht, sollte HWGK mit Klimaszenarien (CORDEX EUR-11 oder CMIP6) ergänzen, wie es für CSRD-ESRS-E1-Berichte verlangt wird.

Welche Schäden sind in HQ100-Zonen dokumentiert?

Beim Junihochwasser 2024 entstanden in Bayern und Baden-Württemberg je rund 1,6 Mrd. Euro versicherte Schäden, viele Betriebe in HQ100-Zonen waren betroffen. Die GDV-Statistik zeigt: 20-Jahres-Bilanz Starkregen 12,6 Mrd. Euro, durchschnittlicher Einzelschaden bei Wohngebäuden 7.600 Euro, in Hotspots wie Euskirchen über 45.000 Euro pro Gebäude.

Weiterführende Ressourcen

Johannes Fiegenbaum

Johannes Fiegenbaum

ESG- und Nachhaltigkeitsberater mit Schwerpunkt auf VSME‑Berichterstattung und Klimarisikoanalysen. Begleitet seit 2014 über 300 Projekte für den Mittelstand und Konzerne – unter anderem Commerzbank, UBS und Allianz.

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