Von Johannes Fiegenbaum am 01.01.70, 01:00 · Zuletzt aktualisiert 8. September 2026
Eine Textanfrage an ein KI-Modell verbraucht im Rechenzentrum selbst etwa einen Viertelmilliliter Wasser, fünf Tropfen. Rechnet man das Wasser der Stromerzeugung dazu, sind es je nach Standort ein bis zwei Milliliter. Beide Zahlen sind klein. Groß wird es erst über die Menge und über den Ort: Ein Viertel der in Deutschland geplanten Rechenzentren liegt in Regionen, die schon heute mit Wasserknappheit kämpfen. Hier steht, wie die Zahlen zustande kommen, warum sie in der Presse um den Faktor 100 auseinanderliegen und was du daraus für deinen Standort und deinen Bericht ziehen kannst.
Stand: September 2026.
Es gibt drei belastbare Quellen, und sie liegen näher beieinander, als die Debatte vermuten lässt.
| Quelle | Wert je Textanfrage | Was gezählt wird |
|---|---|---|
| Google, Messung im eigenen Betrieb (August 2025) | 0,24 Wh Strom, 0,26 ml Wasser, 0,03 g CO₂e | Median einer Gemini-Textanfrage, nur Wasser im Rechenzentrum |
| OpenAI, Angabe des CEO (Juni 2025) | 0,34 Wh Strom, rund 0,32 ml Wasser | Durchschnittliche ChatGPT-Anfrage, Rechenweg nicht veröffentlicht |
| UC Riverside, Li et al. (2023, ACM 2025) | 500 ml je 10 bis 50 Antworten, also 10 bis 50 ml je Antwort | GPT-3 in US-Rechenzentren, Kühlwasser plus Wasser der Stromerzeugung |
Die Spanne von 0,26 bis 50 Milliliter ist kein Widerspruch, sondern drei verschiedene Fragen. Google misst ein aktuelles, effizientes Modell und zählt nur das Wasser vor Ort. Die Studie aus Riverside rechnet ein älteres, größeres Modell durch und nimmt das Wasser der Kraftwerke dazu, in einem Land, in dem Kohle und Gas noch viel Kühlwasser verdunsten. Wer die 50 Milliliter zitiert, ohne das zu sagen, verkauft eine Schlagzeile. Wer die 0,26 Milliliter zitiert, ohne das Kraftwerk zu nennen, ebenfalls.
Ein Rechenzentrum verbraucht Wasser auf zwei Wegen, und der zweite ist meistens der größere.
Direkt, in der Kühlung. Viele große Rechenzentren kühlen mit Verdunstung: Wasser wird versprüht, verdampft und nimmt die Wärme mit. Das spart Strom und ist deshalb bei den Hyperscalern beliebt, aber das Wasser ist danach weg. Nach den an die EU gemeldeten Daten, die das Borderstep Institut für den Bitkom ausgewertet hat, brauchen Rechenzentren im Schnitt 0,58 Liter Wasser je verbrauchter Kilowattstunde Strom. Geschlossene Kreisläufe und Trockenkühlung kommen fast ohne Wasser aus, brauchen dafür mehr Strom. Die Kennzahl dafür heißt WUE (Water Usage Effectiveness), Liter je Kilowattstunde IT-Last, und sie gehört in Deutschland ins Rechenzentren-Register.
Indirekt, im Kraftwerk. Kohle-, Gas- und Kernkraftwerke verdunsten Kühlwasser, Wasserkraft verdunstet aus Stauseen. Wind und Photovoltaik brauchen im Betrieb praktisch keins. Meta hat für 2023 einen indirekten Wasserverbrauch von 3,62 Litern je Kilowattstunde ausgewiesen, das ist mehr als das Sechsfache des direkten Werts. Für den deutschen Strommix gibt es keinen amtlichen Faktor. Rechnet man die Verbrauchsfaktoren des US-Energielabors NREL (Kohle und Biomasse rund 2 Liter, Gas unter 1 Liter, Wind und Photovoltaik nahe null je Kilowattstunde) mit dem deutschen Erzeugungsmix 2024 durch, landet man bei etwa 0,5 bis 1 Liter je Kilowattstunde. Das ist eine Schätzung, keine Messung, und sie sinkt mit jedem Prozent Wind und Sonne im Netz.
Die Rechnung für eine Anfrage sieht dann so aus: 0,3 Wh im Server, mal PUE 1,46 (deutscher Durchschnitt 2024 laut Borderstep) für Kühlung und Gebäudetechnik, ergibt 0,44 Wh am Netzanschluss. Mal 0,58 Liter je Kilowattstunde sind 0,25 Milliliter direkt. Das trifft Googles Messwert fast genau. Mal 3,6 Liter je Kilowattstunde wären weitere 1,6 Milliliter im Kraftwerk, in einem fossil geprägten Netz. In einem Netz mit viel Wind schrumpft dieser zweite Posten auf einen Bruchteil.
Stell die Regler auf deine Nutzung und deinen Standort. Die Voreinstellung ist ein deutsches Durchschnitts-Rechenzentrum mit einem heutigen Modell.
Richtwerte: Wind- und Solarstrom nahe 0, deutscher Mix geschätzt 0,5 bis 1 (eigene Rechnung mit NREL-Faktoren und Strommix 2024), Meta-Konzernwert 2023 in den USA 3,6.
| Strom pro Jahr | 0 kWh |
| Kühlwasser im Rechenzentrum pro Jahr | 0 Liter |
| Wasser der Stromerzeugung pro Jahr | 0 Liter |
| Je Anfrage gesamt | 0 ml |
Bei 1.000 Anfragen am Tag, also einem mittleren Unternehmen mit KI im Alltag, kommen im Jahr rund 160 Kilowattstunden und etwa 90 Liter Kühlwasser zusammen, plus 80 bis 160 Liter im Kraftwerk. Das ist eine Badewanne. Bei einem Modell, das Bilder erzeugt oder lange Dokumente liest, liegt der Strom je Anfrage um das Fünf- bis Zehnfache höher, und die Wanne wird zum Wassertank. Und bei den Milliarden Anfragen, die weltweit täglich laufen, wird aus der Badewanne der Grund, warum die Vereinten Nationen das Thema 2026 auf die Tagesordnung gesetzt haben.
| Größe | Wasser | Quelle, Jahr |
|---|---|---|
| Eine Textanfrage, nur Rechenzentrum | 0,26 bis 0,32 ml | Google 2025, OpenAI 2025 |
| Eine Textanfrage, mit Stromerzeugung in den USA | 10 bis 50 ml | Li et al. 2023, GPT-3 |
| Training von GPT-3, nur Kühlwasser | rund 700.000 Liter | Li et al. 2023 |
| Ein 100-Megawatt-Rechenzentrum in den USA | rund 1 Million Liter am Tag | NDR nach Branchenschätzungen, 2026 |
| Ein mittelgroßes Rechenzentrum im Jahr | etwa zwei Golfplätze, mit Wasserrecycling deutlich weniger | The Economist, Juni 2026 |
| Alle Rechenzentren in Deutschland, Strom 2025 | 21,3 Mrd. kWh, bei 0,58 l/kWh rund 12 Mrd. Liter direkt | Borderstep für Bitkom, 2025; eigene Multiplikation |
| KI weltweit 2030 | Wasserbedarf wie der Grundbedarf von 1,3 Mrd. Menschen | UN University, Juni 2026 |
Die 12 Milliarden Liter für Deutschland klingen gewaltig, sind aber weniger als 0,1 Prozent der jährlichen Wasserentnahme in Deutschland, die das Umweltbundesamt für 2022 mit 17,9 Milliarden Kubikmetern angibt. Das Problem ist nicht die Summe. Das Problem ist, wo sie anfällt: Ein Rechenzentrum entnimmt sein Wasser an einem Punkt, aus einem Grundwasserkörper, das ganze Jahr, und am meisten an heißen Tagen, wenn auch alle anderen es brauchen.
Beide Lager haben recht und beide liegen daneben. Der Mythos vom Wasserfresser stammt aus einer Zeit, in der Modelle ineffizienter waren und die Zahlen ungeprüft weitergereicht wurden. The Economist führt die populäre Version auf ein Buch von 2025 mit einem gravierenden Rechenfehler zurück. Pro Anfrage ist der Verbrauch heute winzig, und die Betreiber haben die stärksten Hebel längst in der Hand: geschlossene Kühlkreisläufe, Trockenkühlung, Strom aus Wind und Sonne.
Die Beschwichtigung übersieht dafür den Ort. NDR und Süddeutsche Zeitung haben im August 2026 die Liste der 99 in Deutschland geplanten Rechenzentren mit Grundwasserdaten abgeglichen: 23 Projekte, rund ein Viertel, liegen in Regionen, die seit 2019 unter Wasserknappheit leiden, manche schwer. Nur sieben der befragten Kommunen wollen eine Kühlung im geschlossenen Kreislauf, nur fünf haben einen Plan für Hitzeperioden. Marina Köhn vom Umweltbundesamt formuliert den Kern: Ein Rechenzentrum steht mindestens zehn Jahre, und die Wasserlage einer Region kann in einem einzigen trockenen Sommer kippen.
Genau das ist die Frage, die eine Wasser-Risikoanalyse beantwortet: nicht wie viel Wasser ein Standort heute verbraucht, sondern wie viel in den trockenen Sommern der 2030er Jahre noch da ist, und wer sonst noch daran hängt. Für Rechenzentren ist das keine Frage der Umweltbilanz, sondern des Betriebs. Die Kühlung fällt bei Wasserknappheit als Erstes, und die Hitze, die die Kühlung nötig macht, kommt im selben Sommer. Wie man das für einen konkreten Standort rechnet, steht im Leitfaden zur Klimarisikoanalyse.
Erstaunlich wenig. In der Datenbank hinter VSEasy liegen mit Stand September 2026 1.401 ausgewertete europäische Nachhaltigkeitsberichte, 119 davon aus Software, IT-Diensten und Telekommunikation. Von diesen 119 nennen 73 Prozent einen Anteil erneuerbaren Stroms und 79 Prozent ihre Scope-2-Emissionen. Wasser berichten nur 11 Prozent. Über alle Sektoren sind es 18 Prozent. Die Kennzahl, über die bei KI am lautesten gestritten wird, fehlt ausgerechnet im Sektor am häufigsten.
Wenn du als Unternehmen KI-Dienste nutzt, landet deren Wasser nicht in deiner Bilanz, sondern in der deines Anbieters, und dort meistens gar nicht. Was du anfragen kannst, sobald jemand danach fragt: die WUE des Standorts, der deine Last trägt, die Kühltechnik (Verdunstung, geschlossener Kreislauf, Trockenkühlung), die Wasserquelle (Grundwasser, Oberflächenwasser, Trinkwassernetz) und den Strommix, weil er den indirekten Posten bestimmt. Dieselbe Anfrage liefert dir gleich die Daten für Scope 2 mit. Welche Kennzahlen ein Rechenzentrum in Deutschland ohnehin melden muss und wie die EnEfG-Novelle sie gerade verändert, steht im Artikel zu CO₂ in Rechenzentren.
Ja, aber die Größenordnung ist dieselbe. Eine Textanfrage an ein aktuelles Modell liegt bei 0,24 bis 0,34 Wattstunden, eine klassische Suchanfrage nach Googles eigener Angabe aus dem Jahr 2009 bei rund 0,3 Wattstunden, neuere Werte hat Google nicht veröffentlicht. Das Wasser folgt dem Strom. Der Unterschied entsteht bei langen Antworten, Bildern und Video, nicht bei der einfachen Frage.
Für GPT-3 haben Forscher der UC Riverside rund 700.000 Liter direkt verdunstetes Kühlwasser in US-Rechenzentren geschätzt. Neuere Modelle sind größer, die Rechenzentren effizienter, belastbare Zahlen veröffentlichen die Anbieter nicht. Nach dem UN-Bericht vom Juni 2026 entfallen 80 bis 90 Prozent des Energiebedarfs von KI ohnehin auf die tägliche Nutzung, nicht auf das Training.
Fast. Geschlossene Kreisläufe und direkte Chipkühlung mit Flüssigkeit verbrauchen im Betrieb kaum Wasser und lassen sich mit Abwärmenutzung koppeln. Der Preis ist mehr Strom für die Rückkühlung, vor allem an heißen Tagen. Deshalb entscheidet der Standort: Wo Wasser knapp und Windstrom reichlich ist, gewinnt der geschlossene Kreislauf, wo es umgekehrt ist, die Verdunstung.
Nein. Weder ESRS E3 noch der VSME-Standard verlangen das Wasser eingekaufter Rechenleistung. Berichtspflichtig ist der Betreiber des Rechenzentrums, und der meldet in Deutschland WUE und Energiedaten an das Rechenzentren-Register. Für dich wird es relevant, wenn ein Standort mit eigenem Rechenzentrum oder eigener Serverfläche in einer Wasserstress-Region liegt. Dann gehört das Wasser in die Wesentlichkeitsanalyse, nicht die KI-Nutzung.
Quellen: Google, Measuring the environmental impact of delivering AI at Google scale (arXiv 2508.15734, August 2025); Li et al., Making AI Less Thirsty (arXiv 2304.03271, 2023, Communications of the ACM 2025); OpenAI, Blogbeitrag des CEO vom 10. Juni 2025; Borderstep Institut, Zahlen aus der Welt der Rechenzentren, Bitkom-Studie Rechenzentren in Deutschland 2025; UN University, Environmental Cost of AI, Juni 2026; IEA, Energy and AI, 2025; NDR und Süddeutsche Zeitung, Recherche zu geplanten Rechenzentren, 28. August 2026; The Economist, 23. Juni 2026; Umweltbundesamt, Rechenzentren; Umweltbundesamt, Wasserressourcen und ihre Nutzung (Entnahme 2022); Macknick et al., Operational water consumption and withdrawal factors for electricity generating technologies (Environmental Research Letters 2012); Fraunhofer ISE, Energy-Charts, Stromerzeugung 2024; Google, Powering a Google search, Blog vom 11. Januar 2009.
ESG- und Nachhaltigkeitsberater mit Schwerpunkt auf VSME‑Berichterstattung und Klimarisikoanalysen. Begleitet seit 2014 über 300 Projekte für den Mittelstand sowie für Großbanken und Versicherungskonzerne.
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