Skip to content
8 min Lesezeit

CO₂ in Rechenzentren: Kennzahlen, Pflichten und Hebel

Featured Image

Rechenzentren sind der sichtbarste Teil des KI-Booms: Strom rund um die Uhr, Kühlung, Wasser, Netzanschluss. Was davon prüfbar ist, steht nicht in Pressemeldungen, sondern in Kennzahlen und Meldepflichten. Hier stehen die Zahlen, die Pflichten und die Hebel, die tatsächlich etwas senken.

Stand: September 2026.

Wie viel Strom und CO₂ verursachen KI und Rechenzentren?

Die belastbarsten Zahlen kommen bisher aus den USA. Dort verbrauchten Rechenzentren 2024 rund 200 Terawattstunden Strom, davon entfielen 53 bis 76 Terawattstunden auf KI-spezifische Server. Bis 2028 könnte allein der KI-Anteil auf 165 bis 326 Terawattstunden im Jahr steigen.

Die Internationale Energieagentur rechnet damit, dass sich der weltweite Strombedarf von Rechenzentren bis 2030 mehr als verdoppelt und dann auf dem Niveau des heutigen japanischen Stromverbrauchs liegt. Für Europa wird bis 2030 ein Plus von 60 Prozent erwartet. Die Treibhausgasemissionen der Rechenzentren steigen in derselben Rechnung von 212 Millionen Tonnen (2023) auf 355 Millionen Tonnen (2030).

Damit du eine Größenordnung hast: Die Verarbeitung einer Million Token erzeugt etwa so viel CO₂ wie ein Benziner auf 8 bis 32 Kilometern, ein einzelnes generiertes Bild kostet ungefähr eine Smartphone-Ladung.

Für Deutschland führen das Umweltbundesamt und das Borderstep Institut die Bestandszahlen zu Anzahl, Anschlussleistung und Stromverbrauch der Rechenzentren, ergänzt um das Rechenzentren-Register. Wer deutsche Zahlen zitiert, holt sie dort mit Erhebungsjahr ab, nicht aus Schlagzeilen. Auffällig ist die Standortkonzentration: Ein erheblicher Teil der deutschen Kapazität hängt an der Region Frankfurt am Main und damit an einem Netzknoten.

Welche Kennzahlen muss ein Rechenzentrum in Deutschland melden?

Seit dem Energieeffizienzgesetz (EnEfG) ist die Effizienz eines Rechenzentrums keine Marketingfrage mehr, sondern eine Meldegröße. Vier Kennzahlen tragen die Diskussion:

Kennzahl Was sie misst Anforderung Wo sie landet
PUE Gesamtstrom geteilt durch IT-Strom Neubau ab Juli 2026 höchstens 1,2; Bestand ab Juli 2027 höchstens 1,5, ab Juli 2030 höchstens 1,3 EnEfG, Rechenzentren-Register
WUE Wasserverbrauch je Kilowattstunde IT-Last, was das je KI-Anfrage bedeutet kein Grenzwert, aber anzugeben Rechenzentren-Register
ERF (Abwärmenutzung) Anteil der Abwärme, der weiterverwendet wird Neubau ab Juli 2026 mindestens 10 Prozent, ab Juli 2027 15 Prozent, ab Juli 2028 20 Prozent EnEfG, Rechenzentren-Register
Anteil erneuerbarer Strom Herkunft des bezogenen Stroms 50 Prozent, ab 2027 100 Prozent EnEfG, Nachhaltigkeitsbericht
Energieverbrauch und Scope 1 bis 3 MWh nach Quelle, Bruttoemissionen Pflichtdatenpunkte der Berichterstattung ESRS E1-5 und E1-6

Die Tabelle zeigt das geltende Recht. Die EnEfG-Novelle 2026 liegt seit dem Kabinettsbeschluss vom 24. Juni 2026 im Bundestag, ein Inkrafttreten wird für Herbst oder Winter 2026 erwartet. Sie lockert die PUE-Grenzwerte für Bestandsanlagen auf 1,6 ab Juli 2027 und 1,4 ab Juli 2030, verlängert die Frist für Neubauten auf vier Jahre nach Betriebsaufnahme, verschiebt die vollständige Grünstrom-Deckung von 2027 auf 2030 und ersetzt die investive Abwärmepflicht bei fehlendem Abnehmer durch eine Kosten-Nutzen-Analyse. Der Neubau-PUE von 1,2 bleibt. Bis zur Verkündung gilt die strengere Fassung.

Freiwillig kommt der Blaue Engel DE-UZ 228 für energieeffizienten Rechenzentrumsbetrieb dazu. Er ist kein Klimalabel, sondern ein Effizienznachweis mit denselben Größen. Für den IT-Einkauf ist genau das der Punkt: Ein Anbieter, der PUE, WUE und Abwärmequote nennen kann, hat die Messtechnik. Wer nur mit einem Neutralitätsversprechen antwortet, hat sie meistens nicht.

Welche Hebel senken den Ausstoß wirklich, und welche schönen nur die Bilanz?

Kühlung. Klassische Luftkühlung verbraucht bei hoher Leistungsdichte fast so viel wie die Server selbst. Direct-to-Chip- und Immersionskühlung drücken den PUE spürbar, weil sie die Wärme dort abführen, wo sie entsteht. Der zweite Schritt ist die Abwärmenutzung, und die scheitert selten an der Technik, sondern am fehlenden Abnehmer: Ohne Wärmenetz oder Nachbarn mit Wärmebedarf in Reichweite bleibt die Abwärmequote bei null. Das ist eine Standortentscheidung, keine Betriebsentscheidung.

Hardware und Lebensdauer. Bei einem effizient betriebenen Rechenzentrum verschiebt sich der Schwerpunkt aus dem Betrieb in die Herstellung. KI-Beschleuniger laufen unter Dauerlast und werden nach wenigen Jahren ersetzt, weil die nächste Generation mehr Rechenleistung je Watt liefert. Jeder vorgezogene Austausch bucht eine neue Herstellungslast ein und produziert Elektroschrott. Ob sich der Tausch rechnet, zeigt nur eine Lebenszyklusanalyse über Herstellung, Betrieb und Entsorgung, nicht der Datenblattvergleich.

Strombeschaffung. Hier trennt sich Reduktion von Rechnung. Standortbasiert bilanzierter Scope 2 zeigt den echten Netzmix, marktbasiert bilanzierter Scope 2 zeigt, was du eingekauft hast. Ein Power Purchase Agreement mit einer neuen Anlage verändert die Erzeugung, ein zugekauftes Herkunftsnachweis-Zertifikat verändert nur die Zeile im Bericht. Beides ist zulässig, aber nur das erste senkt Emissionen. Wie viel Spielraum der deutsche Netzmix gerade lässt, siehst du im Fiegenbaum Atlas.

Der wirksamste Hebel bleibt der langweiligste: Auslastung. Konsolidierung, Rightsizing und das Abschalten ungenutzter Instanzen senken den Verbrauch sofort und kosten keine Investition.

Was legen IT- und Hostingunternehmen in ihren Nachhaltigkeitsberichten offen?

Aus meiner Auswertung von 871 öffentlichen Berichten europäischer Konzerne für das Berichtsjahr 2025 enthalten 70 Prozent alle drei Scopes vollständig. 13 Prozent liefern trotz formal eingereichtem Bericht keine extrahierbaren Scope-Daten, und 11 Prozent der Berichte mit Scope-3-Angabe weisen einen Scope-3-Wert unter Scope 1 oder 2 aus, was methodisch ein Alarmsignal ist.

Enger auf den Sektor geschaut: In der Datenbank hinter VSEasy liegen mit Stand September 2026 1.401 ausgewertete europäische Nachhaltigkeitsberichte, 119 davon aus Software, IT-Diensten und Telekommunikation. Von diesen 119 nennen 63 Prozent ihren Energieverbrauch in Megawattstunden, 73 Prozent einen Anteil erneuerbaren Stroms (im Median 62 Prozent, über alle Sektoren 53 Prozent), 79 Prozent Scope-2-Emissionen und 70 Prozent alle drei Scopes. Wasser berichten nur 11 Prozent, über alle Sektoren sind es 18 Prozent. Die Kennzahl, die bei Rechenzentren am heftigsten diskutiert wird, fehlt im Sektor also am häufigsten. Strom und Scope 2 bekommst du auf Anfrage meist geliefert, Wasserentnahme und WUE musst du gezielt nachfragen.

Für Rechenzentrumsleistungen heißt das: Verlass dich nicht darauf, dass die Zahl im Bericht deines Dienstleisters die Zahl ist, die du für deinen eigenen Scope 3 brauchst. In Erstgesprächen sehe ich meist dasselbe Muster: Den Gesamtstromverbrauch und den Anteil erneuerbarer Energie kann ein Anbieter liefern, sobald jemand danach fragt. Sobald es kundenscharf oder standortscharf wird, wird gerechnet, meistens über den Umsatzanteil. Das ist eine Schätzung und gehört auch so gekennzeichnet.

Diese Angaben lohnt es sich schriftlich anzufragen:

  • Stromverbrauch in MWh je Standort und Berichtsjahr
  • Anteil erneuerbarer Energie und wie er nachgewiesen wird, also eigene Erzeugung, PPA oder Zertifikat
  • PUE, WUE und Abwärmequote des Standorts, der deine Last trägt
  • Scope 2 getrennt nach markt- und standortbasiert
  • Scope 3 aus Hardware, also eingekaufte Güter und Anlagevermögen
  • Allokationsschlüssel und Prüfvermerk, damit du siehst, was gemessen und was geschätzt ist

Wann wird ein Rechenzentrumsstandort zum Stranded Asset?

Die knappste Definition von Klimarisiko, die ich kenne, stammt von einem Industriekunden: nicht nur die Wirkung des Unternehmens auf die Umwelt, sondern die Wirkung der Umwelt auf das Unternehmen. Physisch und transitorisch. Bei einem filialisierten Handelsunternehmen dominiert die physische Seite, bei einem energieintensiven Standort die transitorische. Ein Rechenzentrum gehört klar in die zweite Gruppe, und genau diese Hälfte fehlt in den meisten Analysen.

Transitorisch heißt hier konkret: ein steigender CO₂-Preis, der über den Emissionshandel im Strompreis ankommt, der ab 2028 startende Emissionshandel für Gebäude und Verkehr auf der Wärmeseite, verschärfte Effizienzanforderungen und, am härtesten, der Netzanschluss. Wo keine Kapazität frei ist, hilft kein Effizienzgewinn, und Anschlusskosten sowie Wartezeiten sind an Knoten wie Frankfurt längst ein Standortfaktor, wie die Fälle Maintal, Schuby und Langenhorn zeigen. Ein Standort mit teurem Anschluss, schmutzigem Netzmix und ohne Abwärmeabnehmer ist ein Kandidat für ein Stranded Asset, lange bevor die Hardware technisch veraltet. Wer das durchrechnen will, braucht beide Hälften der Klimarisikoanalyse und einen Zeithorizont, der zur Abschreibungsdauer passt, nicht zum Planungshorizont der IT.

Häufige Fragen zu CO₂ in Rechenzentren

Dominiert die Herstellung oder der Betrieb die Emissionen eines Rechenzentrums?

Das hängt am Strommix. Bei fossil geprägtem Netzstrom dominiert der Betrieb deutlich. Je sauberer der bezogene Strom und je besser der PUE, desto stärker verschiebt sich der Schwerpunkt in die Herstellung der Hardware. Beantworten lässt sich das nur mit einer Lebenszyklusanalyse für den konkreten Standort.

Was heißt „CO₂-neutrales Rechenzentrum“ konkret?

Meistens: marktbasiert bilanzierter Scope 2 auf null, erreicht über Herkunftsnachweise, plus Kompensation für den Rest. Physikalisch fließt derselbe Netzstrom. Frag deshalb immer nach dem standortbasierten Wert daneben. Erst die Differenz zwischen beiden Zahlen zeigt, wie viel davon Reduktion und wie viel Rechnung ist.

Warum haben KI-Server eine so kurze Lebensdauer?

Sie laufen unter Dauerlast statt im Teillastbetrieb, und der Effizienzsprung zwischen zwei Beschleuniger-Generationen ist groß genug, dass sich ein Austausch betriebswirtschaftlich früh rechnet. Klimaseitig bucht dieser Austausch eine neue Herstellungslast ein, die ausgebaute Hardware landet im Zweitmarkt oder im Elektroschrott.

Johannes Fiegenbaum

Johannes Fiegenbaum

ESG- und Nachhaltigkeitsberater mit Schwerpunkt auf VSME‑Berichterstattung und Klimarisikoanalysen. Begleitet seit 2014 über 300 Projekte für den Mittelstand sowie für Großbanken und Versicherungskonzerne.

Zur Person