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Lebenszyklusanalyse (LCA) 2026: Methoden, Software & Schritt-für-Schritt-Leitfaden

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Auf einen Blick: Die Lebenszyklusanalyse (LCA) ist die umfassendste Methode zur Bewertung von Umweltauswirkungen über den gesamten Produktlebenszyklus – von der Rohstoffgewinnung bis zur Entsorgung. Sie ist das methodische Fundament für Environmental Product Declarations (EPD), regulatorische Anforderungen wie den Digital Product Passport und die EU Battery Regulation sowie für glaubwürdige Green-Claims-Kommunikation. Dieser Leitfaden erklärt alle vier Phasen nach ISO 14040/14044, vergleicht die wichtigste LCA-Software 2026 und führt Sie Schritt für Schritt durch Ihre erste Ökobilanz.

Was ist eine Lebenszyklusanalyse (LCA)? Definition und Grundlagen

Eine Lebenszyklusanalyse (kurz: LCA, englisch: Life Cycle Assessment) ist eine standardisierte, wissenschaftlich fundierte Methode zur systematischen Erfassung und Bewertung aller Umweltauswirkungen, die ein Produkt, eine Dienstleistung oder ein Prozess über seinen gesamten Lebenszyklus verursacht. Im deutschsprachigen Raum wird die LCA auch als Ökobilanz bezeichnet – beide Begriffe sind vollständig synonym.

Der Kerngedanke ist das sogenannte Cradle-to-Grave-Prinzip: Von der Rohstoffgewinnung und Materialverarbeitung über die Produktion und Distribution bis hin zur Nutzungsphase und zur Entsorgung oder dem Recycling am Ende des Produktlebens. Kein Lebensabschnitt bleibt unberücksichtigt.

Daneben existieren weitere Systemgrenzen-Varianten:

  • Cradle-to-Gate: Von der Rohstoffgewinnung bis zum Werkstor – geeignet für Business-to-Business-Produkte
  • Gate-to-Gate: Nur ein einzelner Produktionsschritt, z. B. für Prozessoptimierungen
  • Cradle-to-Cradle: Vollständige Kreislaufwirtschaft, bei der Abfall als Ressource wieder in den Lebenszyklus einfließt

Die LCA dient mehreren strategischen und operativen Zwecken. Im Kern geht es darum, Umwelt-Hotspots entlang der Wertschöpfungskette zu identifizieren – also jene Punkte, an denen die größten Umweltbelastungen entstehen. Diese sind oft überraschend: Häufig liegt der Hotspot nicht in der eigenen Produktion, sondern in vorgelagerten Rohstoffketten oder in der Nutzungsphase beim Kunden.

Typische Anwendungsfelder umfassen:

  • Produktdesign und Eco-Design: Umweltfreundlichere Produktentwicklung von Beginn an – bis zu 80 % der späteren Umweltwirkungen werden bereits in der Designphase festgelegt
  • Vergleichende Bewertungen: Zwei Materialien oder Herstellungsverfahren gegenüberstellen
  • Umweltdeklarationen (EPD): Grundlage für Environmental Product Declarations nach ISO 14025
  • Regulatorische Compliance: EU Battery Regulation, Digital Product Passport, CSRD, Green Claims Directive
  • Green Marketing: Wissenschaftlich belegbare Umweltkommunikation ohne Greenwashing-Risiko
  • Lieferantenauswahl: Umweltperformance von Zulieferern quantitativ vergleichen

ISO 14040 und ISO 14044: Die Normen hinter der LCA

Die LCA ist durch zwei internationale ISO-Normen standardisiert, die Transparenz, Konsistenz und globale Vergleichbarkeit sicherstellen.

ISO 14040:2006 (überarbeitet 2021) definiert den übergeordneten Rahmen und die Grundsätze der Ökobilanzierung: die vier Phasen der LCA, grundlegende Anforderungen an Transparenz und Vollständigkeit sowie den iterativen Charakter des Prozesses. ISO 14040 beschreibt das „Was" – das methodische Rahmenwerk.

ISO 14044:2006 (überarbeitet 2021/2022) liefert die technischen Details: konkrete Anforderungen an Systemgrenzen, Allokationsmethoden, Datenqualität und Wirkungsabschätzung. Sie regelt zudem die Critical Review – eine unabhängige externe Prüfung, die für vergleichende öffentliche Aussagen verpflichtend ist.

ISO-Konformität ist erforderlich für Environmental Product Declarations (EPD), öffentliche Umweltkommunikation (z. B. „unser Produkt ist 30 % klimafreundlicher"), regulatorische Anforderungen (EU Battery Regulation, PEF, DPP) sowie überall dort, wo externe Glaubwürdigkeit notwendig ist. Für interne Screening-LCAs oder erste Orientierungsanalysen sind vereinfachte Ansätze ohne vollständige Normkonformität zulässig.

Die Critical Review nach ISO 14044 ist eine unabhängige externe Prüfung durch qualifizierte Gutachter. Sie ist verpflichtend für vergleichende Aussagen gegenüber der Öffentlichkeit und empfehlenswert für alle LCAs mit regulatorischem oder kommunikativem Zweck. Die Critical Review prüft, ob die LCA methodisch korrekt durchgeführt wurde, ob Daten und Berechnungen nachvollziehbar sind und ob die Schlussfolgerungen durch die Ergebnisse gestützt werden.

Die 4 Phasen einer LCA – kompakt erklärt

Jede Ökobilanz nach ISO 14040/14044 folgt einem strukturierten, iterativen Prozess in vier Phasen. Die Phasen beeinflussen sich gegenseitig: Erkenntnisse aus der Sachbilanz können eine Anpassung der Systemgrenzen erforderlich machen.

Phase 1: Ziel und Untersuchungsrahmen (Goal & Scope)

Die wichtigste Phase definiert den Untersuchungsrahmen und bestimmt alle weiteren Schritte. Die Zieldefinition klärt den Anlass der LCA, die beabsichtigten Nutzer der Ergebnisse und den erforderlichen Detaillierungsgrad. Die funktionale Einheit ist das Herzstück: Sie beschreibt die Funktion des Produkts, nicht seine physische Form – z. B. „1.000 Liter Erfrischungsgetränk an Endverbraucher liefern" statt „1 kg Verpackungsmaterial". Die Systemgrenzen legen fest, welche Lebensphasen und Prozesse einbezogen werden – ob Cradle-to-Grave, Cradle-to-Gate oder Gate-to-Gate. Cut-off-Regeln definieren, welche vernachlässigbaren Inputs und Outputs ausgeschlossen werden dürfen; typischerweise Prozesse unter 1 % der Masse, Energie oder Umweltrelevanz.

Phase 2: Sachbilanz (Life Cycle Inventory, LCI)

Die Sachbilanz ist die datenintensivste Phase. Sie erfasst alle relevanten Stoff- und Energieflüsse: Inputs (Rohstoffe, Energie, Wasser) und Outputs (Produkte, Emissionen, Abwasser, Abfall). Primärdaten aus eigener Produktion liefern die genauesten Ergebnisse und sollten für alle eigenen Prozesse sowie Schlüsselmaterialien erhoben werden. Sekundärdaten aus Datenbanken wie ecoinvent ermöglichen eine effiziente Modellierung von Hintergrundprozessen wie Stromerzeugung, Rohstoffgewinnung oder Standardtransporten. Bei Prozessen mit mehreren Koprodukten muss eine Allokation der Umweltlasten nach physischen oder ökonomischen Parametern vorgenommen werden – ISO 14044 bevorzugt dabei stets den Ansatz der Systemerweiterung.

Phase 3: Wirkungsabschätzung (Life Cycle Impact Assessment, LCIA)

Die Sachbilanzdaten werden mithilfe von Charakterisierungsfaktoren in Umweltwirkungsindikatoren übersetzt. Die LCIA umfasst Klassifizierung (Zuordnung der Sachbilanzdaten zu Wirkungskategorien) und Charakterisierung (Umrechnung in Wirkungsindikatoren). Gängige LCIA-Methoden sind ReCiPe (verbreitetste europäische Methode, Midpoint und Endpoint), CML-IA (klassische europäische Methode der Universität Leiden), TRACI (USA) und EF (Environmental Footprint) – für EU-regulatorische Zwecke zunehmend vorgeschrieben. Die Wahl der Methode beeinflusst die Ergebnisse und muss transparent begründet werden.

Phase 4: Auswertung und Interpretation

Die Auswertungsphase integriert die Ergebnisse aus Sachbilanz und Wirkungsabschätzung und macht die LCA für Entscheidungsträger handlungsorientiert. Sie identifiziert Hotspots – jene Lebensphasen oder Prozesse mit überdurchschnittlich hohen Umweltwirkungen. Eine Sensitivitätsanalyse prüft die Robustheit der Ergebnisse gegenüber Unsicherheiten in Schlüsselparametern. ISO 14044 schreibt zudem Vollständigkeits- und Konsistenzprüfungen vor. Auf dieser Basis werden konkrete Handlungsempfehlungen abgeleitet, z. B. Wechsel zu erneuerbaren Energieträgern, Materialsubstitution, Optimierung der Transportlogistik oder Design-Änderungen für bessere Recyclingfähigkeit.

LCA-Wirkungskategorien: Was wird gemessen?

Eine LCA bewertet nicht nur den CO₂-Fußabdruck, sondern ein breites Spektrum an Umweltwirkungen. Die folgende Tabelle zeigt die wichtigsten Kategorien:

Wirkungskategorie Kürzel Einheit Was wird erfasst Relevanz für Unternehmen
Klimawandel (Global Warming Potential) GWP kg CO₂-Äquivalente Alle Treibhausgasemissionen (CO₂, CH₄, N₂O, F-Gase), umgerechnet über 100 Jahre Zentral für Carbon Footprint, CSRD-Berichterstattung, Scope-3-Emissionen, Science Based Targets
Versauerung (Acidification Potential) AP kg SO₂-Äquivalente Emissionen von SO₂, NOₓ und NH₃, die sauren Regen und Bodenversauerung verursachen Wichtig für energieintensive Industrie, Landwirtschaft, Transport
Eutrophierung (Eutrophication Potential) EP kg Phosphat-Äquivalente Stickstoff- und Phosphoreinträge in Gewässer und Böden, die Algenblüten verursachen Relevant für Landwirtschaft, Lebensmittelindustrie, Abwasserbehandlung
Abiotischer Ressourcenabbau (Abiotic Depletion Potential) ADP kg Sb-Äquivalente oder MJ Verbrauch nicht erneuerbarer mineralischer, metallischer Rohstoffe und fossiler Energieträger Kritisch für Elektronikindustrie (seltene Erden), Bergbau, Energiewirtschaft
Wasserverbrauch (Water Use) WU m³ Wasseräquivalente Entnahme und Verbrauch von Süßwasserressourcen unter Berücksichtigung regionaler Wasserknappheit Wichtig für Lebensmittel, Textilien, Halbleiter, wasserintensive Prozesse
Humantoxizität (Human Toxicity Potential) HTP kg 1,4-DB-Äquivalente Freisetzung toxischer Substanzen, die die menschliche Gesundheit beeinträchtigen Relevant für Chemie, Pharma, Elektronik, Bergbau

Nicht alle Wirkungskategorien sind für jedes Produkt gleich relevant. Die Auswahl erfolgt in Phase 1 und sollte die für das Produkt und seine Lieferkette relevanten Umweltprobleme abdecken. Ausschließlich auf CO₂ zu fokussieren birgt das Risiko von Burden Shifting: Maßnahmen, die den CO₂-Fußabdruck senken, können andere Umweltwirkungen erhöhen.

LCA-Methoden: attributional, consequential, Cradle-to-Grave & Co.

Neben den vier ISO-Phasen gibt es grundlegende methodische Entscheidungen, die den Charakter einer LCA bestimmen. Die wichtigsten betreffen die Modellierungsperspektive und die Wahl der Systemgrenzen.

Attributionale LCA (ALCA): Bildet den Ist-Zustand eines Produktsystems ab und beschreibt die durchschnittlichen Umweltauswirkungen des Produkts im bestehenden Marktkontext. Sie ist der Standardansatz für EPDs, regulatorische Anforderungen und öffentliche Umweltkommunikation. Daten stammen in der Regel aus bestehenden Prozessdatenbanken wie ecoinvent.

Konsequentiale LCA (CLCA): Bewertet die Konsequenzen einer Entscheidung – wie sich Umweltauswirkungen verändern, wenn eine bestimmte Maßnahme ergriffen wird oder eine Nachfrageänderung eintritt. CLCA erfordert Marktmodellierung (marginale statt durchschnittliche Prozesse) und ist methodisch aufwändiger. Sie eignet sich für Politikbewertungen, Investitionsentscheidungen und Szenarienvergleiche.

Die Systemgrenzen-Wahl bestimmt den Untersuchungsumfang: Cradle-to-Grave umfasst alle Lebensphasen vom Rohstoffabbau bis zur Entsorgung (Standardansatz für Produktökobilanzen). Cradle-to-Gate endet am Werkstor und eignet sich für Industriematerialien und EPDs von Bauprodukten. Gate-to-Gate fokussiert auf einen einzelnen Produktionsschritt. Für EU-regulatorische Zwecke ist die EF-Methode (Environmental Footprint) mit 16 Wirkungskategorien und produktspezifischen PEFCR-Regeln zunehmend vorgeschrieben – insbesondere im Rahmen der geplanten Green Claims Directive ab 2027.

LCA-Software im Vergleich 2026

Die Wahl der richtigen LCA-Software beeinflusst Aufwand, Qualität und Nutzbarkeit der Ergebnisse erheblich. Die folgende Tabelle vergleicht die wichtigsten Tools:

Tool Hersteller Eignung Stärken Preis-Kategorie
SimaPro PRé Sustainability (NL) LCA-Profis, Berater, Forschung Marktführer, umfangreiche LCIA-Methoden, starke Visualisierung, breite Datenbankintegration Hoch (ab ca. 3.000–8.000 € /Jahr)
openLCA GreenDelta (DE) Einsteiger, Forschung, budgetbewusste Unternehmen Kostenlos (Open Source), aktive Community, alle gängigen Datenbanken kompatibel Kostenlos; Datenbanken separat kostenpflichtig
GaBi (Sphera) Sphera (DE/US) Industrie, Automotive, Chemie Starke Industriedatenbank, detaillierte Prozessmodellierung, etabliert in der Automobilindustrie Hoch (Lizenz + Datenbankzugang)
One Click LCA Bionova (FI) Bau- und Immobiliensektor, Architekten Spezialisiert auf Baubereich, EPD-Integration, Level(s)-konform, BIM-Integration Mittel bis hoch (Abonnement)
Ecochain Helix Ecochain (NL) Unternehmen für Unternehmens-LCA, Hotspot-Screening Cloud-basiert, benutzerfreundlich für Nicht-Spezialisten, Lieferantenmanagement Mittel (SaaS-Abonnement)

Empfehlung für Einsteiger: openLCA ist die beste Wahl für Unternehmen, die LCA erstmals einführen und Kosten begrenzen wollen. Die Software ist kostenlos, professionell, wird weltweit eingesetzt und unterstützt alle gängigen Datenbanken und LCIA-Methoden. In Kombination mit einem ecoinvent-Abonnement steht eine vollwertige, professionelle LCA-Umgebung zur Verfügung. Für Profis und Beratungsunternehmen bietet SimaPro die umfangreichsten Analysemöglichkeiten und die breiteste Methodenabdeckung; im Baubereich ist One Click LCA mit BIM-Integration und Level(s)-Konformität die spezialisierte Lösung der Wahl.

Regulatorische Anforderungen: Wann ist eine LCA Pflicht?

Die Zeiten der rein freiwilligen LCA neigen sich dem Ende. In immer mehr regulatorischen Kontexten wird eine Ökobilanz oder LCA-basierte Datenbasis zur Pflicht:

  • EU Battery Regulation (2023/1542): Verlangt für Industriebatterien und EV-Batterien ab 2025/2026 die Angabe des Carbon Footprints pro kWh auf Basis eines LCA-Ansatzes; ab 2027 gelten Carbon-Footprint-Schwellenwerte.
  • Digital Product Passport (DPP): Im Rahmen der Ökodesign-Verordnung (ESPR) werden ab 2026 Batterien und Textilien mit digitalen Produktpässen ausgestattet; LCA-Daten bilden die methodische Grundlage.
  • Green Claims Directive (geplant ab 2027): Verbietet unsubstantiierte Umweltaussagen; Unternehmen müssen Aussagen wie „klimaneutral" oder „CO₂-reduziert" mit einer PEF- oder gleichwertigen LCA-basierten Bewertung belegen.
  • CSRD / ESRS: Verpflichtet große Unternehmen zur Nachhaltigkeitsberichterstattung; LCA-Daten liefern die methodisch sauberste Grundlage für Scope-3-Emissionen (ESRS E1) und Ressourcennutzung (ESRS E5).
  • KfW-Förderungen (BEG): Seit Juli 2025 ist für KfW-Neubauprogramme eine LCA-Qualifikation für Energieeffizienz-Expertinnen und -Experten verpflichtend.

LCA-Branchenanwendungen: Überblick nach Sektor

Die Anforderungen an eine LCA unterscheiden sich erheblich je nach Branche. Funktionale Einheiten, relevante Wirkungskategorien und typische Herausforderungen variieren stark. Die folgende Tabelle gibt branchenspezifische Orientierung:

Branche Typische funktionale Einheit Wichtigste Wirkungskategorien Besondere Herausforderungen
Industrie / Manufacturing 1 produziertes Bauteil, 1 kg Ausgangsmaterial GWP, ADP, AP, HTP Viele Koprodukte (Allokation), komplexe Lieferketten, fehlende Lieferantendaten
Bau und Immobilien 1 m² Nutzfläche über 50 Jahre, 1 Gebäude GWP, ADP (fossile Energie), AP, EP, WU Lange Nutzungsphase, Instandhaltungsszenarien, Gebäudeabriss schwer zu modellieren
Lebensmittel und Landwirtschaft 1 kg verzehrbares Produkt, 1.000 kcal GWP, LU, EP (Eutrophierung), WU, AP Landwirtschaftliche Emissionen (N₂O, CH₄) schwer zu quantifizieren, Herkunftsregion entscheidend
Elektronik und IKT 1 Gerät über Nutzungsdauer, 1 Server-Betriebsstunde GWP, ADP (seltene Erden), HTP, WU Kurze Produktlebenszyklen, opake Lieferketten für seltene Erden, Nutzungsphase oft dominant

Schritt-für-Schritt: Ihre erste LCA in 5 Schritten

Der folgende Leitfaden führt Sie durch die praktische Umsetzung einer LCA – kompakt und praxisorientiert. Er richtet sich an Einsteiger und Unternehmen, die ihre erste Ökobilanz selbst oder mit externer Unterstützung durchführen möchten.

Schritt 1: Zweck und Ziel klären
Klären Sie vorab: Warum führen Sie diese LCA durch, und wer nutzt die Ergebnisse? Für interne Produktoptimierung gelten andere Anforderungen als für eine EPD oder regulatorische Compliance. Der Zweck bestimmt den erforderlichen Detaillierungsgrad, die Wahl der LCIA-Methode und ob eine Critical Review notwendig ist.

Schritt 2: Funktionale Einheit und Systemgrenzen definieren
Definieren Sie die funktionale Einheit – die Bezugsgröße aller Ergebnisse – so, dass sie die tatsächliche Funktion des Produkts beschreibt, nicht seine physische Größe. Zeichnen Sie ein Flussdiagramm aller relevanten Lebensphasen und legen Sie Cut-off-Regeln fest: Welche Inputs und Outputs sind mengenmäßig so gering, dass sie vernachlässigt werden können?

Schritt 3: Software, Datenbank und Daten auswählen
Wählen Sie eine geeignete Software (Einsteiger: openLCA kostenlos; Profis: SimaPro oder GaBi) und eine Hintergrunddatenbank (Standard: ecoinvent v3.10). Erheben Sie Primärdaten für Ihre eigene Produktion, alle Schlüsselprozesse und Hotspot-Materialien. Nutzen Sie Sekundärdaten für Hintergrundprozesse wie Stromerzeugung und Standardtransporte.

Schritt 4: Modell aufbauen, berechnen und Hotspots identifizieren
Verknüpfen Sie Primär- und Sekundärdaten im LCA-Modell, berechnen Sie Sachbilanz und Wirkungsabschätzung (empfohlen: ReCiPe oder EF-Methode für EU-Kontext) und führen Sie eine Sensitivitätsanalyse durch. Welche Lebensphasen, Materialien oder Prozesse dominieren die Umweltwirkungen? Sind die Ergebnisse robust gegenüber den wichtigsten Datenannahmen?

Schritt 5: Ergebnisse nutzen und kommunizieren
Leiten Sie aus den Hotspots konkrete Verbesserungsmaßnahmen ab – z. B. Materialsubstitution, Energieeffizienz oder Logistikoptimierung. Planen Sie die Ergebnisse für Produktoptimierungen, EPD-Erstellung oder CSRD-Berichterstattung ein. Bei externer Kommunikation prüfen Sie, ob eine Critical Review erforderlich ist, und dokumentieren Sie alle Annahmen und Datenquellen transparent gemäß ISO 14044.

Häufige Fragen zur Lebenszyklusanalyse (FAQ)

Was ist der Unterschied zwischen LCA und Ökobilanz?
LCA (Life Cycle Assessment) und Ökobilanz sind vollständig synonyme Begriffe und bezeichnen exakt dieselbe Methode nach ISO 14040/14044. LCA ist der international gebräuchliche englische Begriff, Ökobilanz der deutsche Standardbegriff.

Was ist der Unterschied zwischen einer attributionalen und einer konsequentialen LCA?
Die attributionale LCA (ALCA) bildet den Ist-Zustand eines Produktsystems ab und ist der Standardansatz für EPDs und regulatorische Anforderungen. Die konsequentiale LCA (CLCA) bewertet die Konsequenzen einer Entscheidung und erfordert Marktmodellierung – geeignet für Politikbewertungen und strategische Investitionsentscheidungen.

Wie lange dauert eine LCA?
Eine Screening-LCA kann in 1–3 Wochen durchgeführt werden. Eine vollständige ISO-konforme LCA mit Primärdatenerhebung und Critical Review dauert typischerweise 3–6 Monate. Der zeitaufwändigste Teil ist fast immer die Datenbeschaffung – insbesondere wenn Lieferantendaten fehlen.

Muss eine LCA nach ISO 14040/14044 durchgeführt werden?
Nicht jede LCA muss ISO-konform sein. Für interne Zwecke oder erste Orientierungen sind vereinfachte Ansätze zulässig. ISO-Konformität ist jedoch erforderlich für öffentliche Umweltkommunikation, EPD-Erstellungen und regulatorische Anforderungen (EU Battery Regulation, PEF, DPP).

Welche LCA-Software ist für Einsteiger empfehlenswert?
openLCA (GreenDelta) ist die beste Wahl für Einsteiger: kostenlos, professionell, weit verbreitet und mit allen gängigen Datenbanken kompatibel. In Kombination mit einem ecoinvent-Abonnement steht eine vollwertige LCA-Umgebung zur Verfügung.

Fazit: LCA als strategisches Unternehmensinstrument

Die Lebenszyklusanalyse hat sich in den letzten Jahren vom Nischen-Instrument für Nachhaltigkeitsexperten zum strategischen Kerninstrument für Unternehmen jeder Größe entwickelt. Mit EU Green Deal, Green Claims Directive, Digital Product Passport und einer Reihe weiterer Regulierungen wird die LCA bis 2030 in nahezu allen Industrien zur regulatorischen Grundvoraussetzung.

Unternehmen, die heute in systematische Ökobilanzierung investieren, sichern sich mehrfache Vorteile: Sie kennen ihre echten Umwelt-Hotspots und können gezielt Ressourceneffizienz steigern. Sie sind für kommende regulatorische Anforderungen vorbereitet und können ihre Nachhaltigkeitskommunikation wissenschaftlich belegen. Sie schaffen Vertrauen bei Investoren, Kunden und Geschäftspartnern – und schützen sich vor kostspieligen Greenwashing-Vorwürfen.

Der Einstieg muss nicht mit einer aufwändigen Full-LCA beginnen. Eine gut konzipierte Screening-LCA mit klarer Zielsetzung liefert in wenigen Wochen erste handlungsrelevante Erkenntnisse. Die Kombination aus openLCA als kostenloser Software, ecoinvent als Hintergrunddatenbank und einem klar definierten Untersuchungsrahmen ist für die meisten Unternehmen der richtige erste Schritt in eine evidenzbasierte Nachhaltigkeitsstrategie.

Bereit für Ihre erste Ökobilanz? Kontaktieren Sie uns für ein unverbindliches Erstgespräch – wir begleiten Sie von der Zieldefinition über die Datenerhebung bis zur prüffähigen ISO-konformen LCA-Studie und unterstützen Sie bei der regulatorischen Kommunikation Ihrer Ergebnisse.

Johannes Fiegenbaum

Johannes Fiegenbaum

ESG- und Nachhaltigkeitsberater mit Schwerpunkt auf VSME‑Berichterstattung und Klimarisikoanalysen. Begleitet seit 2014 über 300 Projekte für den Mittelstand und Konzerne – unter anderem Commerzbank, UBS und Allianz.

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