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8 min Lesezeit

VSME & Wesentlichkeit: So priorisieren Unternehmen ESG-Themen

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VSME ist der freiwillige Berichtsstandard für nicht kapitalmarktorientierte kleine und mittlere Unternehmen. Anders als die ESRS verlangt er keine doppelte Wesentlichkeitsanalyse. Entscheiden müsst ihr trotzdem: Im Basismodul stehen mehrere Angaben unter „if applicable", was für euer Unternehmen nicht einschlägig ist, entfällt mit kurzer Begründung.

Dieser Text zeigt, wie ihr die Themen für euren VSME-Bericht auswählt. Sucht ihr die allgemeine Methodik ohne VSME-Bezug, steht sie auf der Schwesterseite Wesentlichkeitsanalyse für KMU.

Was Wesentlichkeit im VSME-Standard bedeutet, und wo die doppelte Wesentlichkeitsanalyse anfängt

Wesentlich ist ein Nachhaltigkeitsthema dann, wenn es für euer Geschäft oder für Umwelt und Beschäftigte spürbar ins Gewicht fällt. Die doppelte Wesentlichkeitsanalyse nach ESRS prüft dafür zwei Richtungen. Die Impact-Wesentlichkeit fragt, welche Auswirkungen euer Unternehmen auf Umwelt und Gesellschaft hat, das ist die Inside-out-Perspektive. Die finanzielle Wesentlichkeit fragt umgekehrt, welche Nachhaltigkeitsthemen eure Erträge, Kosten und Finanzierung beeinflussen, das ist Outside-in. Die doppelte Wesentlichkeit betrachtet also sowohl finanzielle Auswirkungen als auch externe Effekte. Ein Thema gilt als wesentlich, sobald eine der beiden Richtungen die gesetzte Wesentlichkeitsschwelle überschreitet.

VSME verlangt dieses Verfahren nicht. Der Standard nennt seine Datenpunkte direkt und überlässt euch die Entscheidung, welche davon einschlägig sind. Genau deshalb lohnt die Logik trotzdem: Sie liefert die Begründung, die ihr für weggelassene Angaben ohnehin braucht.

Ein Beispiel: Ein Metallverarbeiter mit 90 Beschäftigten stuft Energieverbrauch als wesentlich ein, weil der Strompreis direkt auf die Marge schlägt (finanziell) und die Emissionen aus dem Ofenbetrieb den größten Umweltbeitrag entlang der Wertschöpfungskette ausmachen (Impact). Wasserverbrauch bleibt draußen, weil beide Richtungen unauffällig sind. Beides gehört dokumentiert, die Aufnahme wie das Weglassen.

So priorisiert ihr ESG-Themen: in vier Schritten zur Themenliste

Die Priorisierung von ESG-Themen gelingt in vier Schritten. Startet mit der Identifikation von ESG-Risiken und -Chancen.

  1. Longlist aus der Wertschöpfungskette ziehen. Der erste Schritt erfordert eine detaillierte Analyse eurer Wertschöpfungskette. Nutzt das VSME-Framework als Grundlage, da es ähnliche Nachhaltigkeitsthemen wie die ESRS abdeckt. Analysiert systematisch alle relevanten Themen, von Energieverbrauch und Emissionen bis hin zu Arbeitsbedingungen und Governance.
  2. Chancen und Risiken je Thema benennen. Arbeitet mit Verantwortlichen aus verschiedenen Geschäftsbereichen zusammen, um die Verfügbarkeit und Qualität der Daten zu prüfen. Definiert Wesentlichkeit, indem ihr regulatorische Anforderungen, lokale Vorgaben und Branchenstandards berücksichtigt.
  3. Einheitlich bewerten. Methoden wie Stakeholder-Umfragen, CO₂-Analysen und Risikobewertungen sind bewährte Ansätze, um Themen effektiv zu priorisieren. Bewertet Ausmaß, Eintrittswahrscheinlichkeit und Behebbarkeit auf einer Skala, die für alle Themen gleich bleibt.
  4. Schwellenwert setzen und Shortlist beschließen. Legt vor der Bewertung fest, ab welchem Punktwert ein Thema wesentlich ist, und haltet die Schwelle danach durch. Die Wesentlichkeitsmatrix stellt ESG-Themen visuell dar, basierend auf ihrer Relevanz für das Unternehmen und den Erwartungen der Stakeholder. Für VSME ist sie Kür, die beschlossene Themenliste ist Pflicht.

Stakeholder einbinden, ohne den Aufwand zu sprengen

Die Einbindung von Stakeholdern ist ein wesentlicher Schritt, um ESG-Strategien zu entwickeln, die Vertrauen aufbauen und unterschiedliche Perspektiven berücksichtigen. Im KMU heißt das keine Großbefragung. Eine strukturierte Stakeholder-Kartierung hilft, die relevanten Akteure zu identifizieren, zu kategorisieren und entsprechend ihrer Priorität einzusetzen. Realistisch sind vier Runden:

  • Ein Workshop mit Geschäftsführung, Produktion, Einkauf und Personal, zwei Stunden.
  • Ein kurzer Fragebogen an die größten Kunden, deren ESG-Anfragen ohnehin auf dem Tisch liegen.
  • Ein Gespräch mit der Hausbank entlang der Punkte aus ihrem ESG-Fragebogen.
  • Eine zusätzliche Frage im Mitarbeitergespräch statt einer eigenen Umfrage.

Die Antworten fließen als eigene Bewertungsspalte in die Themenliste ein, nicht als Vetorecht. Der Fokus sollte zunächst auf der Erfassung präziser Daten und der Messung zentraler ESG-Kennzahlen liegen, bevor tiefere Analysen durchgeführt werden. Wo Bewertungen weit auseinandergehen, zieht mehrere Datenquellen zur Kreuzvalidierung heran.

Welche Themen andere Unternehmen als wesentlich ausweisen

Bevor ihr die Liste beschließt, lohnt ein Blick nach außen. Für den VSEasy-Benchmark habe ich 1.401 europäische Nachhaltigkeitsberichte ausgewertet. Der Nutzen liegt weniger im Durchschnitt als in der Gegenprobe: Taucht bei euch ein Thema auf, das in eurer Branche praktisch niemand ausweist, ist das entweder ein echtes Alleinstellungsmerkmal oder ein Bewertungsfehler. Beides solltet ihr wissen, bevor der Bericht rausgeht.

Aus meiner Mandatspraxis in Handel und Industrie im Mittelstand: Oben landen regelmäßig fünf bis acht Themen, fast immer Energie und Emissionen, Arbeitssicherheit, Mitarbeitergewinnung, Lieferkette und Geschäftsethik. Wieder heraus fallen dagegen die Themen, die im Workshop laut genannt werden, für die aber niemand Daten hat. Biodiversität und Wasser sind die häufigsten Kandidaten. Das ist kein Argument gegen das Thema, sondern eines für eine ehrlich benannte Datenlücke im Bericht.

Von der Themenliste zu den VSME-Datenpunkten

Jetzt der Schritt, den die meisten Anleitungen auslassen: Die Themenliste muss in Datenpunkte übersetzt werden, sonst bleibt sie Papier. Die Kartierung materieller Themen hilft kleinen und mittleren Unternehmen, ESG-Themen aus den ESRS-Standards mit den Offenlegungsanforderungen des VSME-Standards zu verknüpfen.

Wesentliches Thema VSME-Datenpunkt Verwandte ESRS-Themen
Energieverbrauch, CO₂-Emissionen B3 - Energie & Treibhausgasemissionen ESRS E1 (Klimawandel)
Emissionen in Luft, Wasser, Boden B4 - Luft-, Wasser- & Bodenverschmutzung ESRS E2 (Umweltverschmutzung)
Arbeitssicherheit, Mitarbeitergewinnung B8 - Arbeitsbedingungen & Beschäftigungsstruktur ESRS S1 (Eigene Belegschaft)
Geschäftsethik, Korruptionsrisiken B11 - Ethik, Compliance & Korruptionsprävention ESRS G1 (Unternehmensführung)

Im Austausch mit Stakeholdern ist es wichtig, die relevanten Nachhaltigkeitsthemen, wie CO₂-Emissionen, Energieverbrauch oder Arbeitsbedingungen, zu identifizieren und dabei die Erwartungen großer Kunden zu berücksichtigen. Ein strukturierter VSME-Bericht hilft dann auch dabei, ESG-Fragebögen von Banken zu beantworten, weil er klare Daten zu Umwelt-, Sozial- und Governance-Aspekten liefert. Die Einbindung von VSME in die Nachhaltigkeitsberichterstattung bietet zudem eine solide Grundlage, um überzogene Anforderungen großer Kunden abzuwehren.

Was ich beim ersten mit einem KMU umgesetzten VSME-Bericht gelernt habe: Der Wert entsteht nicht im Bericht. Er entsteht in den Folgethemen, die er sichtbar macht, Stromkosten, Klimarisiko, Make-or-Buy bei der Energieversorgung. Das verschiebt die Priorisierung. Themen, die operativ etwas auslösen, gehören nach oben, auch wenn die Matrix sie im Mittelfeld verortet. Wie das in fertigen Berichten aussieht, zeigen die VSME-Beispiele aus der Praxis.

Sehen, wo euer Unternehmen im Branchenvergleich steht, schon beim Schreiben des Berichts.

VSEasy vergleicht eure Kennzahlen mit über 1.400 echten Nachhaltigkeitsberichten (1.000+ Unternehmen, 74 Branchen) und zeigt je VSME-Modul, wo ihr über und unter dem Branchenmedian liegt. Schritt für Schritt durch den Voluntary Standard, mit KI-Unterstützung und konkreten Business Opportunities statt monatelangem Excel-Chaos.

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Häufige Fragen zur Wesentlichkeit im VSME-Bericht

Was ist der Unterschied zwischen Impact-Wesentlichkeit und finanzieller Wesentlichkeit?

Die Impact-Wesentlichkeit betrachtet, welche Auswirkungen euer Unternehmen auf Umwelt und Gesellschaft hat, das ist Inside-out. Die finanzielle Wesentlichkeit betrachtet, wie Nachhaltigkeitsthemen auf Erträge, Kosten und Finanzierung wirken, das ist Outside-in. Beide Richtungen zusammen ergeben die doppelte Wesentlichkeit.

Was ist eine Wesentlichkeitsmatrix und brauche ich sie für VSME überhaupt?

Die Matrix trägt eure Themen nach Auswirkung und finanzieller Relevanz in ein Diagramm ein. Für VSME ist sie nicht vorgeschrieben. Sie hilft im Gespräch mit Geschäftsführung und Kunden, ersetzt aber keine beschlossene Themenliste.

Wie lange dauert eine Wesentlichkeitsanalyse in einem KMU?

Mit vorbereiteter Longlist, einem Workshop und einer Kundenabfrage sind vier bis sechs Wochen realistisch. Der Aufwand steckt selten in der Analyse, sondern im Beschaffen der Daten für die Bewertung.

Muss ich als nicht berichtspflichtiges Unternehmen eine Wesentlichkeitsanalyse machen?

Nein. Der VSME-Standard verlangt sie nicht. Ausgelöst wird sie in der Praxis von großen Kunden und Banken, die eine begründete Themenauswahl sehen wollen, nicht von einer Pflicht.

Wie viele Themen sollten am Ende als wesentlich übrig bleiben?

In der Regel fünf bis acht. Wer fünfzehn Themen als wesentlich ausweist, hat keine Wesentlichkeitsschwelle gesetzt, sondern die Longlist umbenannt.

Was passiert mit den Ergebnissen nach der Analyse?

Jedes wesentliche Thema bekommt einen VSME-Datenpunkt, eine verantwortliche Person und ein Datum. Themen ohne belastbaren Datenpunkt gehören in den Fließtext des Berichts, nicht in die Kennzahlentabelle.

Johannes Fiegenbaum

Johannes Fiegenbaum

ESG- und Nachhaltigkeitsberater mit Schwerpunkt auf VSME‑Berichterstattung und Klimarisikoanalysen. Begleitet seit 2014 über 300 Projekte für den Mittelstand sowie für Großbanken und Versicherungskonzerne.

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