Von Johannes Fiegenbaum am 25.06.25, 21:30 · Zuletzt aktualisiert 1. Oktober 2026
Die thermoelektrische Wärmepumpe arbeitet mit dem Peltier-Effekt statt mit einem Kältemittelkreislauf: kältemittelfrei, kompakt, ohne bewegte Teile, aber mit einer Leistungszahl, die bisher deutlich unter der einer Kompressionswärmepumpe liegt. Dieser Vergleich ordnet sie neben Elastokalorik, Kompressions-, Hochtemperatur- und Flusswärmepumpe ein und zieht daraus die Investmentlogik.
Über neue Wärmeerzeuger laufen zwei Debatten durcheinander: die eine über Physik und Wirkungsgrade, die andere über Marktreife und Kapitalbedarf. Ich schaue aus beiden Richtungen darauf, als Berater für Klimarisiken und aus der Investorenperspektive. Bei Hardware-DeepTech entscheidet sich genau zwischen Prüfstand und Serienfertigung, ob aus einer Technologie ein Geschäft wird.
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Ein Peltier-Element ist ein Halbleitermodul aus zwei unterschiedlich dotierten Schenkeln. Fließt Strom hindurch, wird die eine Seite kalt und die andere warm. Kehrt man die Stromrichtung um, tauschen die Seiten die Rolle. Genau das macht die Thermoelektrik für Heizen und Kühlen im selben Gerät interessant: kein Kompressor, kein Kältemittel, keine Verschleißteile, nur eine Spannung und ein Stapel Module.
Der Preis dafür steht in der Leistungszahl COP. Die Effizienz eines Peltier-Elements bricht ein, sobald der Temperaturhub zwischen kalter und warmer Seite steigt. Kompressionswärmepumpen sind hier physikalisch im Vorteil, und dieser Abstand ist der Grund, warum die Technologie bisher nicht im Heizungskeller angekommen ist. Sinnvoll wird sie dort, wo der Hub klein bleibt und andere Eigenschaften mehr zählen als der letzte Effizienzpunkt.
Reale Anwendungen gibt es, aber im Kleinen. An der FH Aachen läuft eine thermoelektrische Mikrowärmepumpe im Testbetrieb, und als Abluftwärmepumpe im Einzelraum arbeitet das Prinzip mit einem kleinen Hub gegen bereits erwärmte Fortluft. Das sind Pilotanlagen, keine Serienprodukte. Wer die Technologie einordnen will, vergleicht sie am besten mit den Wärmepumpenfamilien, die heute tatsächlich gebaut werden:
| Technologie | Temperaturhub | Reifegrad | Einsatzfeld | Kostenlogik | Nachweislage |
|---|---|---|---|---|---|
| Thermoelektrisch (Peltier) | klein, COP fällt mit steigendem Hub steil ab | Labor und Einzelpiloten, keine Serie | Einzelraum, Abluft, Kleinstleistungen | Stückkosten der Halbleitermodule, noch keine Skalenkurve | Prüfstandswerte und Testbetrieb, keine unabhängige Feldstudie |
| Elastokalorik (Festkörper, mechanisch) | klein bis mittel, materialabhängig | Forschung und Demonstratoren | Kühlen und Heizen im Kleinleistungsbereich | Formgedächtnislegierungen, Materialermüdung offen | Institutsveröffentlichungen, keine Marktprodukte |
| Kompressionswärmepumpe | trägt Flächenheizung und ertüchtigte Heizkörper | ausgereift, Massenmarkt | Wohn- und Nichtwohngebäude | Skaleneffekte im Gerät, Installation dominiert die Rechnung | Normprüfung, Branchenstatistik, Feldmessprogramme |
| Hochtemperatur-Industriewärmepumpe | groß, bis in den Prozesswärmebereich | erste kommerzielle Anlagen | Prozesswärme, Abwärmenutzung in der Industrie | CapEx je thermischer Leistung, Amortisation über den Strom-Gas-Spread | Referenzanlagen mit Betriebsdaten |
| Flusswärmepumpe (Großwärmepumpe) | moderat, Flusswasser als ganzjährige Quelle | im Bau und Betrieb, unter anderem in Mannheim, Köln und Bamberg | Fernwärme im Megawattbereich | Infrastrukturprojekt, setzt ein Fernwärmenetz voraus | öffentlich dokumentierte kommunale Projekte |
Belastbare Vergleichswerte kommen aus der Branchenstatistik des Bundesverbands Wärmepumpe, der VDI-Richtlinienarbeit und den Prüfstandsdaten der Fraunhofer-Institute, nicht aus Herstellerangaben.
Der interessante Markt für die Thermoelektrik ist nicht der Neubau, sondern der schlecht sanierbare Bestand. Plug-and-Play, ohne Kältemittel, mit CE-Zertifizierung und in wenigen Stunden installiert, das adressiert massive Schwächen heutiger Systeme. Gerade schlecht sanierbare oder kleine Wohnungen profitieren, ein echtes Narrativ für alle, die den Gebäudebestand erschließen wollen (Nachhaltigkeit als Wachstumsmotor).
Ein Beispiel dafür ist das Londoner Climate-Tech-Startup Anzen, das mit seiner Climate Wall eine kältemittelfreie Solid-State-Wärmepumpe für Bestandswohnungen entwickelt und 2024 eine Pre-Seed-Runde über 1,1 Millionen Pfund eingesammelt hat. Die Zielgruppe der Mieter, energiearmen Haushalte und schlecht sanierbaren Gebäude wurde bisher von klassischen Wärmepumpen kaum erreicht (Neue Maschinen, weniger Emissionen).
Total Addressable Market: Der adressierte Markt ist substanziell, über 25 Millionen schlecht sanierbare britische Haushalte, fokussiert auf energiearme Haushalte und Mietwohnungen. Dieser Bereich ist stark unterversorgt, da klassische Wärmepumpen hier nicht wirtschaftlich einsetzbar sind.
Go-to-Market Herausforderungen: Der kritische Punkt liegt in der Monetarisierung der Zielgruppe. Low-to-middle-income Haushalte und Mieter werden klassisch von CAPEX-intensiven Lösungen ausgeschlossen. Ohne attraktive Finanzierungsmodelle (Pay-per-Use, Leasing) oder massive staatliche Förderung bleibt der Marktzugang begrenzt.
Gerade im Wärmepumpensektor stagnierte das Wachstum 2023/2024 trotz politischer Förderung. Gründe sind schwankende Gaspreise, hohe Stromsteuern, komplexe Installationen und zu wenige Fachkräfte. Diese strukturellen Hindernisse betreffen jede neue Wärmepumpenfamilie, auch die thermoelektrische (Klimarisiken und Versicherungen). Im Climate-Tech-Sektor beobachten VCs zugleich eine Zurückhaltung bei Hardware- und DeepTech-Themen, Stichwort FOAK-Fatigue. Viele Investoren konzentrieren sich inzwischen auf Software oder kapitalleichte Geschäftsmodelle.
Vertiefend dazu: Wärmepumpen für Gewerbeimmobilien 2026: Dimensionierung, Förderung und ROI-Realitäten für Büro und Produktion.
Kältemittelfreiheit ist der stärkste Impact-Hebel der Thermoelektrik und zugleich ein regulatorischer Pluspunkt, weil F-Gas-Emissionen aus Leckage und Entsorgung entfallen (Bewertung von Klimaschutztechnologien mit LCAs und Project FRAME). Dagegen steht die Materialintensität der Halbleitermodule. Ob eine Ökobilanz positiv ausfällt, entscheiden aus meiner Praxis drei Parameter: Modulmaterialien und ihre Herkunft, der Strommix über die Nutzungsdauer und die tatsächliche Lebensdauer im Feld. Kippt einer davon, kippt das Ergebnis.
Anbieter versprechen erhebliche CO₂-Einsparungen, laut eigenen Angaben zwei- bis dreimal effizienter als klassische Elektroheizungen. Impact-Attribution basiert (wie oft in der Branche) auf „volle Substitution“ (d.h. Annahme, jede installierte Einheit ersetzt vollständig eine schlechtere Technik). Zusätzliche CO₂-Reduktion ist nicht unabhängig validiert, Lebensdauer, Wartung und Rebound-Effekte sind unklar.
Für echte Artikel-9-Finanzierung und die Einordnung als Impact-Investment ist dies zentral: Ohne belastbare Nachweise bleibt der CO₂-Claim angreifbar (Wie man den Nachhaltigkeitsaspekt frühzeitig in die Produktentwicklung einbezieht). Positiv fällt auf, wenn ein Anbieter bereits im Vorserienbetrieb eine Bilanzierung der Scope 1, 2 und 3-Emissionen und einen Transitionsplan mit Materialoptimierung, lokalen Lieferketten und Kreislaufwirtschaft vorlegt. In der Pre-Seed-Phase ist das nicht selbstverständlich und erleichtert die Due Diligence für Artikel-9-Investoren.
Reifegrad ist bei Wärmetechnik keine Marketingfrage, sondern ein Raster. Ich trenne Forschungsprojekte von marktnahen Lösungen an vier Punkten: Gibt es einen belegten TRL-Stand statt einer Selbsteinschätzung? Existiert mindestens eine Pilotanlage im Dauerbetrieb mit fremdgemessenen Werten? Ist der nächste Skalierungsschritt benannt und finanziert? Und liegt eine Stückkostenkurve vor, die zeigt, wie die Modulkosten mit der Menge fallen sollen? Wer drei dieser vier Punkte nicht beantworten kann, ist Forschung, nicht Markt.
Meine Position dazu: Neue Wärmeerzeuger sind für wärmeintensive Standorte weniger eine Effizienz- als eine Risikofrage. Wer heute auf fossile Prozesswärme setzt, trägt ein Technologie- und Stranded-Asset-Risiko, das transitorisch ist, nicht physisch. Das Mischungsverhältnis aus physischem und transitorischem Risiko ist der Bewertungsrahmen, der über den Zeitpunkt einer Investition entscheidet, nicht die Frage, welche Technologie am elegantesten ist.
Für Impact- und Hardware-Fonds: Bedingt interessant, aber nur mit klarer Due Diligence zu:
Für klassische VCs: Abwarten, bis Product-Market-Fit und skalierbare Serienfertigung nachgewiesen sind. Für institutionelle Investoren: Zu früh, erst ab Series B mit bewiesener kommerzieller Skalierung relevant.
Due Diligence Priorities: Unabhängige technische Validierung der Effizienzversprechen, LCA und Impact-Measurement Framework, Manufacturing-Roadmap und Partnerstrategie, Customer Discovery und GTM-Validierung sowie die Prüfung der Emissionsbilanz, ihrer Methoden und Annahmen. Red Flags zu klären: Warum keine Fertigungs-Kooperationen sichtbar? Wie wird die Zielgruppe monetarisiert? Wie verteidigt sich das Startup gegen die etablierten Hersteller?
Fließt Strom durch ein Halbleitermodul aus zwei unterschiedlich dotierten Schenkeln, wird eine Seite warm und die andere kalt. Das Peltier-Element pumpt Wärme also elektrisch, ohne Kompressor und ohne Arbeitsmedium.
Deutlich schlechter, und der Abstand wächst mit dem Temperaturhub. Für Heizungsvorlauf im Gebäude ist die Kompressionswärmepumpe klar überlegen, für kleine Hübe wie in der Abluftnutzung wird der Abstand kleiner.
Ja. Der Wärmetransport läuft rein elektrisch im Feststoff, damit entfallen Füllmengen, Leckageverluste und die F-Gas-Pflichten des Kältemittelkreislaufs.
Für Gebäudeheizung ist derzeit kein Serienprodukt in Sicht. Realistisch sind zunächst Nischen mit kleinem Temperaturhub, etwa Abluft- und Mikrowärmepumpen, während Fernwärme und Industrie über Groß- und Hochtemperaturwärmepumpen dekarbonisiert werden.
Disclaimer & Methodische Einschränkungen
Die Einordnung einzelner Anbieter in diesem Text basiert auf öffentlich verfügbaren Informationen und stellt eine externe Fernanalyse ohne Zugang zu internen Unternehmensdaten dar. Die Bewertung erfolgte ausschließlich anhand von Pressemitteilungen, öffentlichen Finanzierungsankündigungen, Medienberichten und branchenüblichen Marktdaten.
Die Angaben zu Emissionsbilanzen und Transitionsplänen beruhen auf unternehmensseitigen Annahmen und öffentlich kommunizierten Daten. Eine unabhängige Validierung liegt nicht vor.
Wichtige Einschränkungen:
Zweck: Die Analyse dient ausschließlich der allgemeinen Markteinschätzung und exemplarischen Darstellung von Investment-Bewertungsmethoden im Climate Tech-Sektor. Für konkrete Investment-Entscheidungen sollten professionelle Due Diligence-Prozesse mit direktem Unternehmenszugang durchgeführt werden.
Haftungsausschluss: fiegenbaum.solutions übernimmt keine Haftung für die Vollständigkeit, Richtigkeit oder Aktualität der analysierten Informationen oder daraus abgeleitete Investment-Entscheidungen.
Für Beratung und Due-Diligence-Unterstützung im Climate-Tech-Bereich sprich mich direkt an.
Quellen
Carbon13. (2024, June 19). Anzen secures £1.1m pre-seed funding to revolutionise home heating. https://carbonthirteen.com/news/anzen-secures-1-1m-pre-seed-funding-to-revolutionise-home-heating/
CAN Europe. (2025). Submission to public consultation on EU's Heat Pump Plan. https://caneurope.org/public-consultation-EU-heat-pump-plan/
ESG- und Nachhaltigkeitsberater mit Schwerpunkt auf VSME‑Berichterstattung und Klimarisikoanalysen. Begleitet seit 2014 über 300 Projekte für den Mittelstand sowie für Großbanken und Versicherungskonzerne.
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