Skip to content
17 min Lesezeit

Biodiversitäts-Kennzahlen und -Indikatoren: Was muss in den ESG-Bericht?

Featured Image

Biodiversität ist ein entscheidender Bestandteil eures ESG-Reportings. Warum? Weil über die Hälfte der globalen Wirtschaftsleistung direkt oder indirekt von natürlichen Systemen abhängt. Gleichzeitig wird Biodiversität zunehmend durch regulatorische Vorgaben wie die EU-Biodiversitätsstrategie 2030 oder die Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) zur Pflichtaufgabe.

Was müsst ihr beachten?

  • Regulatorische Anforderungen: Die CSRD und ESRS E4 verlangen, dass Unternehmen ihre Auswirkungen auf Biodiversität und Abhängigkeiten von natürlichen Systemen offenlegen.
  • Wichtige Kennzahlen: Flächennutzung, Artenvielfalt, Verschmutzung und Ökosystemleistungen, diese Daten sind zentral.
  • Tools und Standards: Frameworks wie TNFD, GRI oder SBTN helfen bei der Messung und Berichterstattung.
  • Doppelte Wesentlichkeit: Ihr müsst sowohl eure Einflüsse auf die Natur als auch die Risiken durch Biodiversitätsverluste bewerten.

Warum handeln?

Unternehmen, die Biodiversität in ihre Strategien einbinden, minimieren Risiken, stärken ihre Marktposition und erfüllen künftige Vorgaben. Die Zeit, Biodiversität ernsthaft anzugehen, ist jetzt.

ESRS E4 Biodiversität und Ökosysteme: Einstieg und Webinar-Mitschnitt

Der folgende Mitschnitt geht ESRS E4 einmal von vorn durch: für wen der Standard gilt, was Auswirkungen und Abhängigkeiten unterscheidet und wie die Offenlegungsanforderungen aufgebaut sind. Wenn du lieber liest als schaust, decken die nächsten beiden Kapitel denselben Stoff ab.

Die Frage, die du danach beantworten können solltest, ist nicht "Welche Kennzahl nehme ich?", sondern: Ist Biodiversität für euer Unternehmen überhaupt wesentlich, und wenn ja, an welcher Stelle der Wertschöpfungskette? Erst danach lohnt die Auswahl von Indikatoren. Wer die Reihenfolge dreht, misst am Ende viel und berichtet trotzdem nichts Wesentliches.

Webinar-Mitschnitt zu ESRS E4 Biodiversität und Ökosysteme

Sehen, wo euer Unternehmen im Branchenvergleich steht, schon beim Schreiben des Berichts.

VSEasy vergleicht eure Kennzahlen mit über 1.400 echten Nachhaltigkeitsberichten (1.000+ Unternehmen, 74 Branchen) und zeigt je VSME-Modul, wo ihr über und unter dem Branchenmedian liegt. Schritt für Schritt durch den Voluntary Standard, mit KI-Unterstützung und konkreten Business Opportunities statt monatelangem Excel-Chaos.

Euren Branchen-Benchmark starten

Kostenlos, keine Kreditkarte nötig. Euer Vergleich erscheint nach Eingabe der Kennzahlen.

Lieber machen lassen? VSME-Bericht zum Festpreis, fertiger Bericht in 6 bis 8 Wochen.

Regulatorische Anforderungen und Rahmenwerke für die Biodiversitäts-Berichterstattung

Ein klares Verständnis der regulatorischen Vorgaben ist essenziell, um Biodiversitäts-Kennzahlen erfolgreich in eure ESG-Berichte und Unternehmensstrategien zu integrieren.

Zentrale regulatorische Rahmenwerke

Die Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) legt den Kreis der berichtspflichtigen Unternehmen in der EU eng fest: Berichtspflichtig sind nur Unternehmen, die gleichzeitig mehr als 1.000 Mitarbeitende und mehr als 450 Millionen Euro Nettoumsatz aufweisen. Dadurch fällt ein Großteil der zuvor erfassten Unternehmen, rund 80 Prozent, aus dem Anwendungsbereich heraus. Für die betroffenen Unternehmen in Deutschland gilt die CSRD für Geschäftsjahre ab dem 1. Januar 2027, die ersten Berichte sind 2028 fällig.

Mehr zu diesem Punkt: ESG‑Kriterien Unternehmen 2026: Was Banken, Kunden und Regulatoren wirklich erwarten.

Die European Sustainability Reporting Standards (ESRS) konkretisieren die Anforderungen der CSRD. Besonders relevant ist hier der Standard ESRS E4, der sich speziell mit Biodiversität und Ökosystemen befasst. Unternehmen müssen nicht nur ihre Auswirkungen auf die Biodiversität, sondern auch ihre Abhängigkeit von natürlichen Systemen offenlegen. Das umfasst sowohl quantitative Daten als auch qualitative Bewertungen von Ökosystemleistungen.

Das Thema habe ich hier ausführlicher behandelt: EUDR-Regulierung erklärt: Auswirkungen auf Rohstoffe und Anforderungen an die Compliance.

Die EU-Taxonomie ergänzt diese Anforderungen, indem sie klare Kriterien für ökologisch nachhaltige Wirtschaftsaktivitäten definiert. Der Schutz und die Wiederherstellung von Biodiversität und Ökosystemen gehören zu den sechs Umweltzielen. Unternehmen müssen den Anteil ihrer Umsätze, Investitionen und Betriebsausgaben, die taxonomiekonform sind, offenlegen, eine Kennzahl, die für Investoren immer relevanter wird.

Jozef Síkela, Tschechiens Minister für Industrie und Handel, bringt die Bedeutung dieser Entwicklungen treffend auf den Punkt:

"Die neuen Regeln zwingen Unternehmen, ihre gesellschaftlichen und ökologischen Auswirkungen offenzulegen, für mehr Transparenz und Nachhaltigkeit. Daten über den ökologischen und gesellschaftlichen Fußabdruck werden für jeden öffentlich verfügbar sein, der sich für diesen Fußabdruck interessiert."

Ein weiterer zentraler Aspekt ist das Prinzip der doppelten Wesentlichkeit, das diese Rahmenwerke ergänzt.

Doppelte Wesentlichkeit und Biodiversität

Das Konzept der doppelten Wesentlichkeit (Double Materiality) verändert grundlegend, wie Unternehmen über Biodiversität berichten. Im Gegensatz zu traditionellen Finanzberichten reicht es nicht aus, lediglich die finanziellen Auswirkungen von Umweltrisiken zu betrachten. Unternehmen müssen sowohl die Auswirkungen ihrer Geschäftstätigkeiten auf Biodiversität und Ökosysteme (Impact-Materialität) als auch die finanziellen Folgen eines Biodiversitätsverlusts (finanzielle Materialität) berücksichtigen.

Ein Beispiel: Ein Chemieunternehmen muss dokumentieren, wie seine Produktionsabwässer lokale Gewässerökosysteme beeinträchtigen, selbst wenn dies kurzfristig keine finanziellen Auswirkungen hat. Gleichzeitig erfasst die finanzielle Materialität, wie der Verlust von Ökosystemleistungen, etwa sauberes Wasser, zu erheblichen Kosten führen kann.

Diese doppelte Perspektive sorgt dafür, dass Biodiversitäts-Risiken häufig als wesentlich eingestuft werden, selbst wenn sie bisher nicht im Fokus der Unternehmensführung standen. Die CSRD verpflichtet Unternehmen explizit dazu, darzulegen, wie Umwelt- und Sozialfaktoren ihr Geschäft beeinflussen und umgekehrt, wie ihre Aktivitäten auf Gesellschaft und Umwelt wirken.

Die folgende Übersicht bietet einen kompakten Vergleich der wichtigsten Rahmenwerke und ihrer Anforderungen.

Rahmenwerk-Vergleichstabelle

Rahmenwerk Anwendungsbereich Biodiversitäts-Kennzahlen Berichtshäufigkeit Prüfungspflicht
CSRD/ESRS E4 ~50.000 EU-Unternehmen Quantitative und qualitative Indikatoren zu Auswirkungen und Abhängigkeiten Jährlich Externe Prüfung erforderlich
EU-Taxonomie Alle CSRD-pflichtigen Unternehmen Anteil taxonomiekonformer Aktivitäten in % Jährlich Teil der CSRD-Prüfung
SFDR Finanzmarktteilnehmer Principal Adverse Impacts (PAI) auf Biodiversität Jährlich Interne Kontrolle

Eine Einordnung, die in vielen Übersichten fehlt: Das Kunming-Montreal Global Biodiversity Framework ist kein EU-Recht. Es ist das Zielsystem, das die Vertragsstaaten unter dem UN-Übereinkommen über die biologische Vielfalt beschlossen haben, flankiert von der UN Decade on Ecosystem Restoration. Regulatorisch bindend wird es für euch erst über den europäischen Umweltrahmen und über ESRS E4, das dieselben Ziele in Offenlegungsanforderungen übersetzt. Für die Berichtspraxis heißt das: Ihr berichtet nach ESRS, argumentiert aber gegen die global vereinbarten Ziele.

Ebenso hilfreich ist die Einordnung nach innen. E4-Kennzahlen stehen nicht neben eurem Umweltteil, sondern in einer Reihe mit den übrigen Umwelt-Datenpunkten aus Energie, Emissionen, Wasser und Abfall. Wer diese Themen bereits erhebt, hat Datenwege, Zuständigkeiten und Prüfpfad schon gebaut. Biodiversität kommt als weitere Ebene dazu, nur eben standortbezogen statt konzernweit aggregiert.

Diese regulatorischen Grundlagen sind der Ausgangspunkt für die praktische Umsetzung, der nächste Schritt ist die Identifikation und Messung spezifischer Biodiversitäts-Kennzahlen.

Zentrale Biodiversitäts-Kennzahlen und -Indikatoren für ESG-Berichte

Nachdem die regulatorischen Grundlagen gesetzt sind, geht es nun darum, die passenden Biodiversitäts-Kennzahlen auszuwählen. Diese sollten nicht nur den rechtlichen Anforderungen genügen, sondern auch strategischen Nutzen für euer Unternehmen bieten. Die Wahl der richtigen Kennzahlen ist entscheidend, um sowohl den Berichtspflichten gerecht zu werden als auch langfristigen Mehrwert zu generieren.

Wichtige Kennzahlen für die Biodiversität

Ein zentraler Bereich der Biodiversitätsbewertung ist die Flächennutzung und Landbedeckung. Diese Kennzahlen zeigen, wie viele Hektar natürlicher Lebensräume durch eure Geschäftstätigkeiten in Anspruch genommen, verändert oder wiederhergestellt werden. Besonders relevant ist dabei die Habitatfragmentierung, also die Unterbrechung zusammenhängender Ökosysteme durch Infrastruktur oder andere Eingriffe.

Ebenfalls im Fokus steht die Artenvielfalt und Populationsdynamik. Seit 1970 sind globale Wildtierpopulationen um 69 % zurückgegangen. Unternehmen können diesen Rückgang mithilfe von Indikatoren wie dem Species Threat Abatement and Restoration Metric (STAR) dokumentieren. Dieser zeigt, wie stark eure Aktivitäten das Aussterberisiko verschiedener Arten beeinflussen.

Verschmutzungsindikatoren messen die direkten Auswirkungen eurer Emissionen auf die Umwelt, sei es durch Stickstoff- und Phosphoreinträge, die Eutrophierung fördern, oder durch Schadstoffe wie Pestizide und Schwermetalle. Darüber hinaus helfen Kennzahlen zu Ökosystemleistungen, den Wert natürlicher Systeme zu berechnen. Dazu zählen Leistungen wie Wasserregulierung, Bestäubung, Kohlenstoffspeicherung und Klimaresilienz, allesamt Faktoren, die die wirtschaftliche Relevanz des Biodiversitätsschutzes verdeutlichen.

Diese Kennzahlen bilden die Basis für ein transparentes Monitoring. Der nächste Schritt ist die Entwicklung messbarer Methoden, um Biodiversitätsauswirkungen zu bewerten und zu berichten.

Messung und Berichterstattung von Biodiversitäts-Auswirkungen

Mit dem GRI 101: Biodiversity 2024 Standard, der seit Januar 2024 den früheren GRI 304 ersetzt, wird Unternehmen ein klarer Rahmen zur Erfassung ihrer Biodiversitätsauswirkungen geboten. Dieser Standard hilft, die Verbindung zwischen Geschäftsentscheidungen und Biodiversitätsverlusten nachzuvollziehen und entsprechende Maßnahmen zu ergreifen.

Eine weitere Unterstützung bietet die Task Force on Nature-related Financial Disclosures (TNFD), die risikobasierte Ansätze einführt. Im Juli 2024 veröffentlichten GRI und TNFD eine gemeinsame Interoperabilitätskarte. Diese erleichtert es, die Zusammenhänge zwischen GRI-Standards und TNFD-Empfehlungen zu verstehen und in die ESG-Berichterstattung einzubinden.

Das Science Based Targets Network (SBTN) ist ebenfalls ein wichtiger Akteur bei der Festlegung wissenschaftlich fundierter Ziele. Unternehmen können messbare Ziele definieren, um ihre Biodiversitätsauswirkungen zu reduzieren. Diese Ziele orientieren sich an globalen Rahmenwerken wie dem Kunming-Montreal Global Biodiversity Framework, das darauf abzielt, den Biodiversitätsverlust bis 2050 zu stoppen und umzukehren.

Ansätze auf landschafts- und jurisdiktionaler Ebene fördern die Zusammenarbeit im großen Maßstab und unterstützen gemeinsame Nachhaltigkeitsziele. Ein zentraler Erfolgsfaktor ist dabei die Verknüpfung von Biodiversitätsschutz mit anderen Umweltaspekten wie Klimaschutz und gesellschaftlichen Maßnahmen. Experten sind sich einig: Nur durch integrierte Ansätze, die diese Dimensionen zusammenbringen, lassen sich nachhaltige Ergebnisse erzielen.

Die Komplexität der Biodiversität, sie ist multidimensional und stark standortspezifisch, unterscheidet sie grundlegend von vergleichsweise einheitlichen Kennzahlen wie Kohlenstoffemissionen.

Theo Trabaud bringt die Bedeutung für Unternehmen prägnant auf den Punkt:

"Integrating biodiversity into finance is not only good for the planet - it's smart business."

Die Vernachlässigung von Biodiversitätsaspekten kann zu unmittelbaren finanziellen Konsequenzen führen, ein Risiko, das Unternehmen nicht unterschätzen sollten.

Wie du Auswirkungen auf Ökosysteme bewertest

Die Bewertung läuft in drei Schritten, und zwar in dieser Reihenfolge. Erstens der Standortbezug: Für jeden eigenen Standort und jede relevante Vorstufe klärst du, ob er in oder nahe einem biodiversitätssensiblen Gebiet liegt. Das ist eine Kartenfrage, keine Ökologiefrage, und in wenigen Stunden beantwortet. Zweitens der Treiber: Du ordnest jedem betroffenen Standort zu, worüber ihr überhaupt auf das Ökosystem wirkt, über Flächenverbrauch, Wasserentnahme, Einträge in Boden und Gewässer, Emissionen oder Rohstoffbezug. Drittens die Metrik: Erst jetzt wählst du die Kennzahl, und zwar zum Treiber passend, nicht zum verfügbaren Tool.

Der häufigste Fehler ist der Sprung von Schritt eins zu Schritt drei. Dann steht am Ende eine Flächenzahl im Bericht, aus der niemand ableiten kann, welche Entscheidung sie beeinflusst. Nützlich wird die Bewertung erst, wenn zu jeder Kennzahl ein Treiber und zu jedem Treiber eine Maßnahme gehört.

Wann E4 in der Wesentlichkeitsanalyse durchfällt

In Wesentlichkeitsanalysen, die ich begleite, fällt E4 fast immer an derselben Stelle heraus: Geprüft wird der eigene Standort, und der liegt im Gewerbegebiet. Damit ist die Sache für viele Unternehmen erledigt, obwohl der eigentliche Wirkungsort in der Lieferkette liegt, beim Anbau, im Bergbau, in der Forstwirtschaft oder bei der Flächennutzung von Vorprodukten.

Zwei Fragen tragen die Entscheidung. Erstens: Bezieht ihr Rohstoffe, deren Erzeugung Fläche, Wasser oder Lebensräume beansprucht, direkt oder über wenige Stufen? Zweitens: Gibt es einen Standort im eigenen Betrieb oder bei einem wichtigen Zulieferer in oder nahe einem Schutzgebiet? Lautet eine der beiden Antworten ja, gehört E4 in die Wesentlichkeitsanalyse und die Begründung dokumentiert. Lautet beides nein, schreibst du genau das in den Bericht, mit dem Prüfweg dahinter. Ein sauber begründetes Nein ist ein zulässiges Ergebnis, ein ungeprüftes Nein nicht.

Was Unternehmen ohne ESRS-Pflicht zu Biodiversität berichten

Nach dem gekippten Anwendungsbereich der CSRD fallen die meisten Mittelständler nicht mehr unter die Berichtspflicht. Die Fragen kommen trotzdem, nur von woanders: aus Lieferantenfragebögen großer Kunden, aus Bankgesprächen, aus Ausschreibungen. Dafür braucht es keinen ESRS-Apparat.

Der Voluntary Standard für nicht kapitalmarktorientierte KMU (VSME) führt Biodiversität als eigenen Datenpunkt im Basismodul: Standorte in oder nahe biodiversitätssensiblen Gebieten und die genutzte Fläche. Das ist bewusst schmal gehalten und mit Kartenarbeit zu beantworten. Für einen freiwilligen Nachhaltigkeitsbericht reicht in aller Regel genau dieses Paket: die Standortprüfung mit Ergebnis, die Fläche, ein Satz zum wesentlichen Treiber und, falls vorhanden, eine laufende Maßnahme. Wer darüber hinaus Footprint-Kennzahlen modelliert, ohne dass ein Kunde danach fragt, investiert Geld in Zahlen, die niemand liest.

Tools, Standards und Best Practices für die Biodiversitätsmessung

Die Wahl der richtigen Werkzeuge zur Messung der Biodiversität ist für eine effektive ESG-Berichterstattung unerlässlich. Gleichzeitig steigen die regulatorischen Anforderungen, was den Druck auf Unternehmen erhöht. Die verfügbaren Tools unterscheiden sich in ihrem Schwerpunkt, ihren Datenanforderungen und ihrer Anwendbarkeit, insbesondere für deutsche Unternehmen. Basierend auf definierten Kennzahlen und gesetzlichen Vorgaben bieten sie praxisorientierte Ansätze, um Biodiversität messbar zu machen.

Überblick über wichtige Tools und Frameworks

Das Task Force on Nature-related Financial Disclosures (TNFD) Framework hat sich als zentraler Baustein etabliert. Es passt sich nahtlos an das Task Force on Climate-related Financial Disclosures (TCFD) an und berücksichtigt die neuen ISSB-Standards sowie die EU CSRD-Vorgaben für die Biodiversitätsberichterstattung. Die Interoperabilitätskarte von GRI und TNFD zeigt dabei deutlich die Verknüpfungen zwischen den verschiedenen Standards auf.

Für die praktische Umsetzung stehen unterschiedliche spezialisierte Werkzeuge bereit:

  • Der Biodiversity Footprint for Financial Institutions (BFFI) fokussiert auf die Auswirkungen von Ökosystemen und Landnutzung und benötigt Umweltdruckdaten.
  • Der Global Biodiversity Score (GBS) verfolgt einen ähnlichen Ansatz, während die Species Threat Abatement and Restoration Metric (STAR) primäre Biodiversitätsdaten für artenbezogene Analysen nutzt.

Deutsche Unternehmen können zusätzlich auf Tools wie ENCORE zurückgreifen, das Abhängigkeiten und Auswirkungen auf Ökosystemleistungen kartiert und branchenspezifische Risiken identifiziert. Für wasserintensive Branchen bietet Water Watch ergänzende Indikatoren, die sich auf die wasserbezogene Biodiversität konzentrieren.

Schritte zur Integration von Biodiversität

Der erste Schritt besteht darin, die Unternehmensleitung sowie alle relevanten Abteilungen mit den Konzepten, Tools und Frameworks zur Biodiversität vertraut zu machen. Dies ist besonders wichtig, da Biodiversität, im Gegensatz zu Kohlenstoff, keinen direkt messbaren Wert besitzt und deutlich komplexer zu bewerten ist.

Ein sinnvoller Einstieg ist die Kartierung der Betriebsstandorte und ihrer Nähe zu biodiversitätssensiblen Gebieten. So können direkte und indirekte Auswirkungen besser erfasst werden. Darauf aufbauend sollte die Lieferkette analysiert werden. Hierbei ist die Zusammenarbeit mit lokalen Akteuren, Naturschutzorganisationen und Forschungseinrichtungen entscheidend, um regionale Herausforderungen zu verstehen und anzugehen.

Die Implementierung sollte schrittweise erfolgen, beispielsweise durch ein Pilotprojekt in einem klar abgegrenzten Geschäftsbereich oder einer bestimmten Region. So lassen sich erste Erfahrungen sammeln und Prozesse optimieren, bevor die Methoden unternehmensweit eingeführt werden. Parallel dazu sollten Unternehmen ihre Fortschritte überwachen und regelmäßig über Maßnahmen zur Identifikation, Messung und Verwaltung von Biodiversitätsrisiken berichten.

Vergleich der Tools

Tool/Framework Schwerpunkt Datenanforderungen Eignung für deutsche Unternehmen
TNFD Offenlegung naturbezogener Risiken Governance, Strategie, Risikomanagement Hoch, EU CSRD-konform
BFFI Ökosystem-/Habitatauswirkungen Umweltdruckdaten Mittel, besonders für den Finanzsektor
STAR Artenbedrohung Primäre Biodiversitätsdaten Hoch, wissenschaftlich fundiert
Environmental P&L Monetäre Bewertung Geldwerte Mittel, anspruchsvoll in der Umsetzung
Product Biodiversity Footprint Produktbezogene Auswirkungen THG-Emissionen, Wasserverbrauch Hoch, gut für bestehende Daten nutzbar

Die Wahl des passenden Tools hängt von eurer Branche, den verfügbaren Ressourcen und den regulatorischen Anforderungen ab. Während das TNFD-Framework einen umfassenden Rahmen für die Berichterstattung bietet, eignen sich spezialisierte Tools wie STAR besonders für detaillierte Analysen im Artenschutz.

Prognosen zeigen, dass ohne neue politische Maßnahmen die globale terrestrische Biodiversität bis 2050 um 10 % abnehmen könnte. Unternehmen sollten daher auf Frameworks setzen, die sowohl verpflichtende Vorgaben wie die CSRD und die EU-Taxonomie als auch freiwillige Standards wie GRI und SASB berücksichtigen.

Integration von Biodiversität in die Unternehmens-ESG-Strategie

Die Einbindung von Biodiversitätskennzahlen in die ESG-Strategie ist ein anspruchsvoller, aber notwendiger Schritt, der strategische Klarheit und messbare Fortschritte verlangt. Warum? Weil 58 Billionen US-Dollar an wirtschaftlicher Wertschöpfung, mehr als die Hälfte des globalen BIP, direkt von der Natur und ihren Ökosystemleistungen abhängen. Umso wichtiger ist es, Biodiversität gezielt mit den ESG-Zielen eines Unternehmens zu verknüpfen.

Biodiversität und ihre Verbindung zu ESG-Zielen

Leider wird Biodiversität in ESG-Strategien oft vernachlässigt, obwohl sie für die langfristige Unternehmensstabilität unverzichtbar ist. Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Laut dem World Wildlife Fund sind die globalen Wildtierpopulationen seit 1970 im Durchschnitt um 69 % zurückgegangen. Diese dramatische Entwicklung macht klar, dass Unternehmen Biodiversität als festen Bestandteil ihrer Nachhaltigkeitsstrategie einplanen müssen.

Ziele setzen und Fortschritte messen

Obwohl 51 % der Unternehmen den Verlust der Biodiversität als Risiko anerkennen, haben nur 5 % konkrete, messbare Ziele definiert. Hier bietet das Science Based Targets Network (SBTN) mit seinem AR3T-Framework (Avoid, Reduce, Restore, Regenerate, Transform) einen spezifischen Ansatz für die Zielsetzung.

Die Entwicklung solcher Ziele sollte strukturiert ablaufen: Zunächst wird die aktuelle Leistung bewertet, anschließend das Feedback der Stakeholder integriert und schließlich die Ziele mit der langfristigen Unternehmensstrategie abgestimmt. Sobald die Ziele definiert sind, kommt es auf eine klare Governance-Struktur und verlässliche Datenqualität an.

Governance und verlässliche Daten

Damit Biodiversität in der Strategie verankert bleibt, braucht es klare Verantwortlichkeiten, eine nachvollziehbare Datenablage und die Verbindung zu den übrigen Umweltthemen, etwa zum ökologischen Fußabdruck eurer Produktlinie. Die Sicherstellung der Datenqualität ist dabei entscheidend. Unternehmen sollten auf robuste interne Kontrollen und anerkannte Frameworks wie die Task Force on Nature-related Financial Disclosures (TNFD) setzen. Partnerschaften mit Naturschutzorganisationen können zusätzlich helfen, Glaubwürdigkeit zu schaffen und die Wirkung zu steigern.

Ein oft übersehener Punkt: Biodiversitätsdaten sind komplexer als etwa Kohlenstoff-Metriken. Sie haben keinen direkt messbaren Wert und erfordern spezialisierte Expertise. Daher ist eine kontinuierliche Weiterbildung der zuständigen Teams unverzichtbar, um die Herausforderungen in diesem Bereich zu meistern.

Fazit

Die Einbindung von Biodiversitätskennzahlen in ESG-Berichte ist längst keine Option mehr, sondern eine Notwendigkeit, sowohl aus regulatorischer als auch wirtschaftlicher Sicht. Unternehmen, die frühzeitig handeln, ihre Biodiversitätsauswirkungen systematisch erfassen und darauf basierend Maßnahmen ergreifen, sichern sich einen klaren Wettbewerbsvorteil.

Ein effektives Biodiversitätsreporting lässt sich in drei wesentliche Schritte gliedern:

  • Primäre Biodiversitätsrisiken identifizieren: Eine detaillierte Analyse der Lieferkette und Geschäftstätigkeit bildet die Grundlage, um die größten Risiken aufzudecken.
  • Geeignete Indikatoren auswählen: Für besonders risikobehaftete Bereiche bieten etablierte Frameworks wie TNFD oder SBTN hilfreiche Leitlinien.
  • Enger Austausch mit Lieferanten und Stakeholdern: Ohne eine aktive Zusammenarbeit bleiben selbst die besten Kennzahlen wirkungslos.

Diese Maßnahmen schaffen nicht nur die Basis für die Erfüllung künftiger regulatorischer Vorgaben, sondern bieten auch strategische Vorteile. Wie im Bericht betont, sind verlässliche Biodiversitätskennzahlen entscheidend, nicht nur für das ESG-Reporting, sondern auch für eine langfristige Unternehmensstrategie. Die regulatorischen Anforderungen entwickeln sich rasant: Bis 2030 müssen Unternehmen Standards wie das Kunming-Montreal Global Biodiversity Framework oder die deutsche Nationale Biodiversitätsstrategie 2030 umsetzen. Wer diese Entwicklungen ignoriert, riskiert nicht nur regulatorische Sanktionen, sondern auch erhebliche Reputations- und Marktverluste.

FAQs

Wie können Unternehmen Biodiversitätskennzahlen wirksam in ihre ESG-Berichte integrieren?

Fangt bei der Wirkung an, nicht bei der Kennzahl: Erst klären, über welche Treiber ihr auf Ökosysteme wirkt, dann die passenden Indikatoren wählen und mit messbaren Zielen verknüpfen. Für die Erhebung helfen etablierte Standards wie ISO 14001 oder der Global Reporting Initiative (GRI) Standard. Wichtig ist, dass jede berichtete Zahl eine Entscheidung oder Maßnahme trägt, sonst bleibt sie Dekoration.

Wie können Unternehmen die doppelte Wesentlichkeit bei der Biodiversitätsberichterstattung berücksichtigen?

Die doppelte Wesentlichkeit verlangt zwei getrennte Bewertungen:

  • Impact-Wesentlichkeit: Welche direkten und indirekten Einflüsse üben eure Geschäftstätigkeiten auf Biodiversität und Ökosysteme aus?
  • Finanzielle Wesentlichkeit: Wie wirken Biodiversitätsverluste auf euch zurück, über Regulierung, Rohstoffverfügbarkeit oder veränderte Marktbedingungen?

Beide Seiten werden einzeln begründet. Ein Thema kann auf einer Seite wesentlich sein und auf der anderen nicht, das ist ein Ergebnis, kein Widerspruch.

Welche Methoden und Frameworks eignen sich, um Biodiversitätsauswirkungen zu messen?

Für die Berichterstattung ist GRI 101: Biodiversity 2024 der spezifischste Standard, für die Risikosicht das TNFD-Rahmenwerk. Auf der Messseite hängt die Wahl am Treiber: STAR für artenbezogene Fragen, footprintbasierte Ansätze wie GBS oder BFFI für Flächenwirkungen entlang der Lieferkette. Für die meisten Unternehmen reicht zunächst die Standortkartierung.

Wie grenze ich Beeinträchtigung, Wiederherstellung und Kompensation voneinander ab?

Die drei Begriffe gehören in eine feste Reihenfolge. Beeinträchtigung ist die Wirkung selbst, also Flächenverbrauch, Zerschneidung von Lebensräumen, Einträge oder Entnahmen. Wiederherstellung heißt, ein beeinträchtigtes Ökosystem am selben Ort wieder in Richtung seines Ausgangszustands zu bringen, etwa durch Renaturierung einer Fläche im eigenen Betrieb. Kompensation ist der Ausgleich einer verbleibenden Beeinträchtigung an anderer Stelle.

Im Bericht sind die drei nicht gegeneinander verrechenbar. Kompensation zählt erst, wenn Vermeidung und Verringerung ausgeschöpft sind, und sie ersetzt keine Angabe zur Beeinträchtigung selbst.

Woher bekomme ich Standortdaten zu Schutzgebieten, wenn ich keine eigenen Erhebungen habe?

Eigene Kartierungen braucht ihr dafür nicht. Für die Prüfung, ob ein Standort in oder nahe einem Schutzgebiet liegt, genügen öffentliche Geodatenquellen: der Natura-2000-Viewer der Europäischen Umweltagentur für die EU-Schutzgebiete und Protected Planet für die weltweite Schutzgebietsdatenbank. Für Deutschland kommen die Geodatendienste des Bundesamts für Naturschutz und der Länder hinzu. Praktisch reicht eine Liste eurer Standortkoordinaten und ein definierter Prüfradius; Ergebnis und Stichtag gehören in den Bericht.

Johannes Fiegenbaum

Johannes Fiegenbaum

ESG- und Nachhaltigkeitsberater mit Schwerpunkt auf VSME‑Berichterstattung und Klimarisikoanalysen. Begleitet seit 2014 über 300 Projekte für den Mittelstand sowie für Großbanken und Versicherungskonzerne.

Zur Person