Skip to content
15 min Lesezeit

ESG-Backlash: Wie Unternehmen jetzt auf die wachsende Skepsis gegenüber nachhaltigen Investments reagieren sollten

Featured Image

Nachhaltige Investments stehen weltweit unter Druck. Unternehmen müssen auf den wachsenden Widerstand gegen ESG (Umwelt, Soziales, Unternehmensführung) reagieren, um Risiken zu minimieren und Chancen zu nutzen.

ESG-Backlash: was gerade wirklich passiert

Der Begriff stammt aus der US-Debatte, und dort meint er etwas anderes als hier: Gesetze einzelner Bundesstaaten, Rückzüge aus Klimaallianzen, Streit über Fondsprodukte. Wer in Deutschland nach ESG-Backlash oder nach der Variante backlash ESG sucht, sucht meist etwas Nüchterneres, nämlich eine Antwort auf die Frage, ob sich der Aufwand noch lohnt.

Was mir in Gesprächen begegnet, ist selten ideologischer Gegenwind. Es ist Ermüdung. Teams haben Datenpunkte gesammelt, Prozesse gebaut und Beratungsrechnungen bezahlt, und dann hat Brüssel den Anwendungsbereich zusammengestrichen. Die Frage lautet nicht, ob ihr noch an ESG glaubt. Sie lautet, ob das jetzt umsonst war.

Dazu kommt eine Verschiebung in der Risikowahrnehmung. Geschäftsführungen stufen geopolitische, regulatorische und soziale Risiken als unmittelbarer bedrohlich ein als physische Klimarisiken. Das ist nicht irrational: Ein Lieferstopp wirkt in Wochen, eine veränderte Starkregenstatistik in Jahrzehnten. Es erklärt aber, warum Nachhaltigkeitsthemen in der Prioritätenliste nach unten rutschen, ohne dass jemand sie offiziell absagt.

Meine Position dazu: Der Backlash trifft das Label, nicht die Sache. Der betriebswirtschaftlich harte Teil von ESG ist ohnehin nicht die Wirkung des Unternehmens auf die Umwelt, sondern die Wirkung der Umwelt auf das Unternehmen. Standorte, Lieferketten, Versicherbarkeit und Kreditkonditionen verändern sich unabhängig davon, wie ein Bericht heißt oder ob er verpflichtend ist. Wer die Anpassung an Klimafolgen als Kostenposition führt statt als Compliance-Thema, verliert dieses Argument auch in einer Deregulierungsphase nicht.

Risiken und Chancen für deutsche Unternehmen

Der ESG-Backlash bringt für deutsche Unternehmen eine komplexe Gemengelage mit sich: Während die Kritik an nachhaltigen Investitionen wächst, verschwindet die Datennachfrage nicht, auch wenn die Berichtspflicht für viele entfällt. Diese Situation birgt nicht nur Herausforderungen, sondern auch Möglichkeiten. Schauen wir uns zunächst die Risiken an, bevor wir auf die Chancen eingehen.

Zentrale Risiken: Compliance, Reputation und Marktveränderungen

Deutsche Unternehmen stehen vor drei zentralen Risikofeldern, die ihre Geschäftstätigkeit beeinflussen können.

Regulatorische Unsicherheit ist das erste. Mit dem Omnibus-Paket hat die EU den Kreis der berichtspflichtigen Unternehmen stark verkleinert: Die Richtlinie (EU) 2026/470 knüpft die Pflicht zur Nachhaltigkeitsberichterstattung an mehr als 1.000 Mitarbeitende und mehr als 450 Millionen Euro Umsatz, anzuwenden auf Geschäftsjahre ab 2027. Für Unternehmen, die sich bereits vorbereitet hatten, heißt das: Die Pflicht fällt weg, die Vorarbeit liegt da.

Der Deckel gilt allerdings nur für die formale Berichtspflicht. Kunden, Banken und Versicherer fragen weiter Daten ab, risikobasiert, im Rahmen eigener Sorgfaltspflichten oder schlicht als Vergabekriterium. Diese Nachfrage kennt keinen Schwellenwert.

Auch die politische Unsicherheit spielt eine Rolle. Marie-Theres Husken, Nachhaltigkeitsexpertin beim BVMW, betont:

"Viele betroffene KMU haben sich vorbereitet. Eine Aufweichung der Regeln auf EU-Ebene würde Entlastung bedeuten, aber auch, dass Unternehmen, die sich bereits vorbereitet haben, all das umsonst getan haben."

Reputationsrisiken durch Greenwashing-Vorwürfe nehmen ebenfalls zu. Ein Beispiel: Im April 2023 entschied das Landgericht Düsseldorf, dass die Deutsche Umwelthilfe mit ihrer Klage gegen TotalEnergies recht hatte. Die Werbung für Thermoplus-Heizöl wurde wegen fragwürdiger CO2-Kompensationsprogramme als irreführend eingestuft. Ab dem 27. September 2026 gilt zusätzlich die Richtlinie (EU) 2024/825, die allgemeine Umweltaussagen ohne Nachweis ausdrücklich als unlautere Geschäftspraxis einstuft.

Doch wo Risiken bestehen, gibt es auch Potenziale, die genutzt werden können.

Wer entscheidet: Geschäftsführung, Aufsichtsrat und Sorgfaltspflichten

In der Debatte um den Backlash geht meist unter, wer die Rücknahme eines Ziels eigentlich verantwortet. Das ist keine Kommunikationsfrage, sondern eine Organentscheidung. Geschäftsführung und Vorstand schulden die Sorgfalt eines ordentlichen Geschäftsleiters (§ 43 GmbHG, § 93 AktG). Wer ein öffentlich zugesagtes Klimaziel streicht, sollte das mit derselben Sorgfalt begründen und dokumentieren wie jede andere wesentliche Investitionsentscheidung.

Für den Aufsichtsrat heißt das: Seine Überwachung erstreckt sich auch auf die Nachhaltigkeitsberichterstattung und die Prozesse dahinter, nicht nur auf die Finanzzahlen. Wird ein Ziel kassiert, gehört die Frage auf die Tagesordnung, ob damit ein Risiko verschwunden ist oder nur dessen Dokumentation. Praktisch bedeutet das drei Dinge: ein Beschluss statt einer stillen Anpassung der Website, eine dokumentierte Begründung, und eine Prüfung, ob laufende Verträge, Kreditvereinbarungen oder Kundenzusagen an dem Ziel hängen. Ein Ziel, das in einer Finanzierungsvereinbarung steht, lässt sich nicht per Pressemitteilung aufheben.

Geschäftschancen: Bessere Strategie und Marktposition

Trotz der Herausforderungen bietet der ESG-Backlash deutschen Unternehmen große Chancen, sich neu zu positionieren und Wettbewerbsvorteile zu sichern.

Strategische Neuausrichtung ist ein entscheidender Hebel. Der Druck, ESG-Strategien zu überdenken, kann dazu führen, dass Unternehmen glaubwürdigere Programme entwickeln, die echten Nutzen schaffen.

Marktpositionierung durch Transparenz und Glaubwürdigkeit wird ein entscheidender Vorteil. Während viele Unternehmen mit Greenwashing-Vorwürfen kämpfen, können diejenigen, die auf datenbasierte und transparente ESG-Ansätze setzen, das Vertrauen von Investoren und Kunden stärken. Laut einer Umfrage der Triodos Bank unterstützt eine Mehrheit der Menschen weiterhin den Übergang zu einer nachhaltigeren Wirtschaft.

Kosteneffizienz wird durch wirtschaftlich sinnvolle Maßnahmen gestärkt. Lewis Johnston von ShareAction erklärt:

"Es macht wirtschaftlich keinen Sinn. Die Prinzipien des ESG-Investierens stehen im Einklang nicht nur mit langfristigem Wohlstand, sondern auch mit aktuellen Marktgegebenheiten, wie den sinkenden Kosten erneuerbarer Energien."

Auch Finanzierungsvorteile bleiben ein Pluspunkt. Bereits 2021 enthielten über 40 % der in Europa syndizierten Akquisitionsfinanzierungen ESG-Kriterien. Unternehmen mit soliden ESG-Strategien profitieren weiterhin von besserem Zugang zu Kapital.

Risiko-Chancen-Analyse

Die folgende Übersicht zeigt, wie Unternehmen Risiken in Chancen umwandeln können:

Risiko Chance
Regulatorische Unsicherheit Wettbewerbsvorteile durch proaktive Compliance
Hohe Compliance-Kosten Effizienz durch systematische ESG-Integration
Greenwashing-Vorwürfe Vertrauen durch transparente Kommunikation stärken
Investorenabwanderung Langfristig orientierte, qualitätsbewusste Investoren gewinnen
Politischer Gegenwind Eigenständige, wirtschaftlich fundierte ESG-Strategien entwickeln
Marktskepsis Messbare Ergebnisse und echten Mehrwert schaffen

Ein Blick in die Berichte selbst hilft gegen Bauchgefühl. Für den Benchmark habe ich 1.401 europäische Nachhaltigkeitsberichte ausgewertet, und die Frage, die Unternehmen dabei am häufigsten stellen, ist genau die richtige: Was berichten Vergleichbare in meiner Branche und Größenklasse gerade wirklich, und wo ziehen sie sich zurück? Wer die eigene Position gegen diesen Bestand hält, diskutiert über Belege statt über Stimmung. Im nächsten Abschnitt geht es um die konkreten Maßnahmen dahinter.

Aufbau starker und vertrauensvoller ESG-Programme

Unternehmen stehen vor der Herausforderung, ihre Nachhaltigkeitsstrategien grundlegend zu überdenken. Halbherzige Ansätze reichen nicht aus, stattdessen sind glaubwürdige, messbare und transparente ESG-Programme gefragt. Angesichts regulatorischer Unsicherheiten und des Risikos von Greenwashing wird es entscheidend, auf klare Kommunikation, systematisches Risikomanagement und strukturierte Datenprozesse zu setzen.

Verbesserung der ESG-Kommunikation

Eine offene und klare Kommunikation ist das Herzstück eines erfolgreichen ESG-Programms. Transparenz ermöglicht es den Stakeholdern, die Fortschritte und Bemühungen eines Unternehmens objektiv zu bewerten. Doch viele Unternehmen tun sich schwer, dies konsequent umzusetzen.

Ein gutes Beispiel liefert Microsoft: Das Unternehmen hat sich verpflichtet, bis 2030 kohlenstoffnegativ zu werden, und veröffentlicht regelmäßig Berichte, die den Fortschritt dokumentieren. Solche klaren Ziele und die damit verbundene Offenheit schaffen Vertrauen und demonstrieren echtes Engagement.

Auch Storytelling spielt eine wichtige Rolle. Patagonias "Worn Wear"-Programm zeigt, wie Unternehmen ihre Botschaften emotional und nachvollziehbar vermitteln können. Durch die Förderung von Reparaturen anstelle von Neukäufen reduziert Patagonia Abfall, und unterstreicht gleichzeitig seine Umweltverantwortung.

Ehrlichkeit über Herausforderungen und Erfolge ist ebenfalls entscheidend. Unternehmen, die nicht nur ihre Errungenschaften, sondern auch ihre Schwierigkeiten offenlegen, wirken glaubwürdiger. Dies zeigt, dass sie ernsthaft an der Erreichung ihrer Nachhaltigkeitsziele arbeiten.

Die Bedeutung solcher Maßnahmen wird durch Zahlen unterstrichen: Laut einer PwC-Umfrage aus 2021 betrachten 79 % der Investoren das Management von ESG-Risiken und -Chancen als zentralen Faktor bei Investitionsentscheidungen. Fast die Hälfte der Befragten gab an, sich von Unternehmen zu trennen, die ESG-Faktoren nicht ausreichend berücksichtigen.

Rechtliche Compliance und Risikomanagement

Neben einer klaren Kommunikation müssen Unternehmen ihre Prozesse so gestalten, dass sie den regulatorischen Anforderungen gerecht werden, auch wenn diese Anforderungen sich verschieben. Ein strukturierter Ansatz trägt durch beide Richtungen, durch Verschärfung wie durch Deregulierung.

Risikomanagement-Systeme, wie sie in den BAFA-Richtlinien beschrieben werden, sind unverzichtbar. Dabei sollten Unternehmen sowohl abstrakte als auch konkrete Risiken analysieren und präventive sowie korrigierende Maßnahmen ergreifen. Dazu gehören unter anderem die Dokumentation von Due-Diligence-Bemühungen, die Einrichtung von Beschwerdeverfahren und die Veröffentlichung von Grundsatzerklärungen.

Die Dynamik regulatorischer Anforderungen wird an der EU-Entwaldungsverordnung deutlich: Sie gilt für große und mittlere Unternehmen ab dem 30. Dezember 2026 und verbietet den Handel mit bestimmten Rohstoffen, die mit Entwaldung in Verbindung stehen. Unternehmen müssen ihre Lieferketten entsprechend anpassen und dies dokumentieren.

Mitarbeiterschulungen zu ESG-relevanten Themen und Vorschriften sind ein weiterer zentraler Baustein. Nur wenn alle Beteiligten die Anforderungen verstehen, können die Strategien erfolgreich umgesetzt werden. Gleichzeitig sollten Unternehmen in leistungsfähige Datenmanagementsysteme investieren, um den wachsenden Datenabfragen gerecht zu werden.

Datenbasierte Berichterstattung und klare Kommunikation

Die Qualität der ESG-Berichterstattung hängt maßgeblich von der Datenqualität ab. Dennoch nutzen 47 % der Unternehmen immer noch fehleranfällige Tabellenkalkulationen für ihr ESG-Datenmanagement. Angesichts steigender Anforderungen ist dies nicht mehr ausreichend.

Eine strukturierte Datenerfassung ist der Schlüssel zu einer effektiven Berichterstattung. Unternehmen sollten standardisierte ESG-Frameworks wie die GHG-Protocol-Standards, GRI oder TCFD verwenden. Auch die europäischen Standards ESRS bieten Orientierung, selbst wenn ihr Anwendungsbereich enger geworden ist.

Ein gutes Beispiel für eine strukturierte ESG-Datengovernance liefert PepsiCo. Dort durchlaufen ESG-Daten fünf Verifikationsebenen, bevor sie freigegeben werden. Das sorgt für Konsistenz, Verantwortlichkeit und Compliance.

Die wichtigsten Datenquellen für die ESG-Berichterstattung lassen sich wie folgt zusammenfassen:

Primäre Datenquellen Sekundäre Datenquellen
Lieferantenumfragen Benchmarking-Daten
Standortbesuche Regierungs- und Aufsichtsberichte
Interne Datenbanken Nachrichten und Medienberichte
Versorgungsrechnungen Drittanbieter-Bewertungen und -Zertifizierungen
Mitarbeiterumfragen Branchenverbände

Wesentlichkeitsanalysen helfen dabei, die relevanten ESG-Themen zu identifizieren. Alle Kennzahlen sollten klar definiert und im Kontext präsentiert werden. Visuelle Hilfsmittel wie Diagramme und Grafiken erleichtern dabei das Verständnis.

Eine externe Verifizierung durch Dritte erhöht die Glaubwürdigkeit von ESG-Berichten. Unternehmen sollten zudem transparent über ihre Datensammlungsprozesse informieren und eventuelle Lücken offenlegen. Es ist besser, fehlende Informationen zuzugeben, als wichtige Details zu verschweigen.

"ESG-Daten sollten als Daten-'Ökosystem' betrachtet werden"
, Iyngaran Panchacharam, Experte für Nachhaltigkeitstechnologie und KI

Empfehlungen für Startups und mittelständische Unternehmen

Startups und mittelständische Unternehmen haben die Möglichkeit, Nachhaltigkeit gezielt und effizient in ihr Geschäftsmodell zu integrieren, auch wenn Ressourcen und Fachkenntnisse begrenzt sind. Gerade für kleinere Unternehmen bietet sich die Chance, ESG-Prinzipien von Anfang an strategisch zu verankern. Das verschafft ihnen nicht nur einen Vorsprung, sondern hilft auch, Risiken zu minimieren. Im Folgenden findest du konkrete, kostengünstige Maßnahmen, die auf die Bedürfnisse kleiner Unternehmen zugeschnitten sind.

Praktische und skalierbare ESG-Ansätze

Ein guter Ausgangspunkt sind einfache und dennoch wirkungsvolle Maßnahmen. Dazu gehören digitale Strategien, die Einführung messbarer Nachhaltigkeitskennzahlen wie Energieeffizienz, Abfallvermeidung und die Förderung des Wohlbefindens der Mitarbeitenden. Soziale Medien können genutzt werden, um diese Initiativen authentisch und kostengünstig zu kommunizieren.

Für Startups bietet es sich an, ESG-Aspekte direkt in die Geschäftsmodelle zu integrieren. So lassen sich teure Anpassungen an bestehenden Strukturen und Lieferketten später vermeiden.

Darüber hinaus gibt es eine Vielzahl von Fördermöglichkeiten, wie staatliche Zuschüsse, grüne Kredite oder Impact-Investitionen, die speziell auf KMU zugeschnitten sind. Auch die Zusammenarbeit mit ethischen Lieferanten und die Optimierung der Logistik bieten Einsparpotenziale und reduzieren operationelle Risiken.

Lebenszyklusanalysen und CO₂-Messung

Digitale Tools ermöglichen es auch kleineren Unternehmen, Lebenszyklusanalysen (LCA) durchzuführen. Der Fokus sollte dabei auf zentralen Umweltauswirkungen wie Energieverbrauch und CO₂-Emissionen liegen. Diese Analysen liefern eine Grundlage, um gezielte Reduktionsmaßnahmen zu entwickeln.

Ein einfacher Einstieg ist die Berechnung des CO₂-Fußabdrucks. Kostenlose Online-Rechner bieten eine unkomplizierte Möglichkeit, Emissionen zu quantifizieren. Dies schafft nicht nur Transparenz, sondern bildet auch die Basis für konkrete Reduktionsstrategien und eine glaubwürdige externe Kommunikation.

Mit Impact-Modellierungen könnt ihr zudem eure positiven Effekte messbar machen, sei es durch CO₂-Einsparungen oder durch die Schaffung neuer Arbeitsplätze. Solche Daten sind besonders wertvoll in Gesprächen mit Investoren oder für die Kundenkommunikation.

Regulatorische Entwicklungen im Blick behalten

Ein proaktiver Umgang mit regulatorischen Entwicklungen ist entscheidend. Auch wer aus der Berichtspflicht herausfällt, bleibt über das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz, über Kundenanforderungen und über Kreditvergabeprozesse in der Datenpflicht. Eine vorausschauende Planung ist deshalb weiterhin ratsam.

Für Unternehmen ohne Berichtspflicht steht seit Dezember 2024 der freiwillige Standard von EFRAG zur Verfügung, der VSME-Standard. Seit Juli 2026 ist er als delegierter Rechtsakt offiziell der europäische Standard für freiwillige Nachhaltigkeitsberichterstattung. Er ist der pragmatische Einstieg: deutlich weniger Datenpunkte als die ESRS, aber dieselbe Sprache, sodass Kunden und Banken die Angaben einordnen können. Wer den Bericht nicht in einer Tabellenkalkulation bauen möchte, kann ihn mit einem Werkzeug wie VSEasy strukturiert erfassen und später auf die volle Berichtstiefe hochziehen.

Ausblick: Nachhaltigkeitsberichterstattung nach dem Backlash

Stand September 2026 sieht der Rahmen so aus: Das Omnibus-Paket ist beschlossen, der Anwendungsbereich der Berichtspflicht ist deutlich enger, und die ESRS werden mit dem erklärten Ziel überarbeitet, die Zahl der Datenpunkte zu senken. Parallel hat die EU-Kommission den VSME-Standard als delegierten Rechtsakt verabschiedet und damit auch begrenzt, was große Unternehmen von kleineren Zulieferern an Daten verlangen dürfen.

Meine Erwartung ist unspektakulär: Die Zahl der Pflichtberichte sinkt, die Zahl der Datenabfragen nicht. Was als Regulierungsthema begonnen hat, wird zu einer Frage der Geschäftsbeziehung, und die verhandelt sich bilateral, nicht in Brüssel. Wer jetzt seine Datengrundlage aufgibt, weil die Pflicht entfällt, baut sie in zwei Jahren unter Zeitdruck neu auf, dann für einen Kunden mit einer Frist.

Zentrale Erkenntnisse und nächste Schritte

Daraus ergeben sich konkrete Maßnahmen:

"Im Kern bietet ESG Unternehmen ein Werkzeug, um wesentliche Risiken und Chancen zu identifizieren. Klug zu handeln, um Chancen zu maximieren und Risiken zu minimieren, wird nie aus der Mode kommen." - Miriam Wrobel, Senior Managing Director, FTI Consulting

Der ESG-Gegenwind ist damit mehr als eine Herausforderung. Er sortiert aus, was ein Unternehmen aus Überzeugung tut und was es aus Pflicht getan hat. Wer jetzt auf Transparenz und messbare Ergebnisse setzt, geht gestärkt aus dieser Phase hervor.

Häufige Fragen zum ESG-Backlash

Wie entwickelt ihr glaubwürdige ESG-Strategien und vermeidet Greenwashing?

Setzt klare, messbare und realistische Ziele, die durch überprüfbare Daten gestützt und regelmäßig extern geprüft werden. Berichtet Fortschritte und Rückschläge gleichermaßen, entlang eines standardisierten Rahmenwerks wie GRI oder VSME. Wer offen über offene Baustellen spricht, ist angreifbarer für Nachfragen, aber deutlich schlechter angreifbar für Greenwashing-Vorwürfe.

Welche Maßnahmen sind nötig, um die Anforderungen der europäischen Berichtspflicht zu erfüllen?

Zuerst prüfen, ob ihr überhaupt noch unter die Pflicht fallt: Seit dem Omnibus-Paket gilt sie für Unternehmen mit mehr als 1.000 Mitarbeitenden und mehr als 450 Millionen Euro Umsatz. Fallt ihr darunter, braucht ihr eine Wesentlichkeitsanalyse, ein belastbares Datenmanagement und einen dokumentierten Prozess, der eine Prüfung übersteht. Fallt ihr heraus, bleibt die Wesentlichkeitsanalyse trotzdem sinnvoll, weil sie die Grundlage für jede Datenabfrage von Kunden und Banken ist.

Welche Vorteile hat eine datenbasierte ESG-Strategie?

Sie erlaubt präzisere Messungen statt Behauptungen, macht Risiken früher sichtbar und beantwortet Investorenfragen ohne Nachrecherche. Der Weg dahin: relevante Daten erfassen und Kennzahlen definieren, daraus messbare Ziele ableiten, Fortschritte digital nachhalten. Welche Kennzahlen sich lohnen, steht in der Übersicht zu den wichtigsten ESG-Kennzahlen.

In welchen Fällen fällt ein Unternehmen unter ESG-Kontroversen?

Ratingagenturen erfassen dokumentierte Vorfälle, meist aus vier Fallgruppen: Arbeits- und Menschenrechte (Arbeitsunfälle, Diskriminierungsklagen, Verstöße in der Lieferkette), Umwelt (Störfälle, Grenzwertüberschreitungen, Bußgelder), Governance (Korruption, Kartellverfahren, Bilanzthemen) und Produktverantwortung (Rückrufe, irreführende Werbung). Ausschlaggebend ist die belegte Meldung durch Medien, Behörden oder Gerichte, nicht die Schwere allein. Deshalb kann ein kleiner, gut dokumentierter Vorfall im Rating schwerer wiegen als ein großes, aber unbelegtes Problem.

Was unterscheidet ESG-Kontroversen von ESG-Backlash?

Eine Kontroverse ist ein Ereignis, das einem einzelnen Unternehmen zugerechnet wird und in dessen Bewertung einfließt. Der Backlash ist eine Marktstimmung, die alle betrifft, unabhängig vom eigenen Verhalten. Die praktische Konsequenz: Gegen eine Kontroverse hilft Aufklärung und Abstellen der Ursache, gegen den Backlash hilft nur, den betriebswirtschaftlichen Nutzen der eigenen Maßnahmen belegen zu können.

Welche Pflichten hat der Aufsichtsrat, wenn ein Unternehmen ESG-Ziele zurücknimmt?

Der Aufsichtsrat überwacht die Geschäftsführung auch in Nachhaltigkeitsfragen und damit die Prozesse hinter den berichteten Angaben. Wird ein Ziel zurückgenommen, gehört das in die Sitzung und ins Protokoll, mit einer Begründung, die den Unterschied zwischen einem entfallenen Risiko und einer entfallenen Dokumentation benennt. Zu prüfen ist außerdem, ob das Ziel in Kredit-, Kunden- oder Vergütungsvereinbarungen verankert ist.

Bleiben Berichtspflichten bestehen, wenn Investoren das Interesse verlieren?

Ja, denn die Pflicht folgt aus dem Gesetz, nicht aus der Nachfrage. Wer die Schwellenwerte erfüllt, berichtet, unabhängig davon, wer den Bericht liest. Und selbst außerhalb der Pflicht bleibt die Datennachfrage bestehen, sie kommt dann nur von Kunden, Banken und Versicherern statt von Fondsmanagern.

Lohnt sich ein freiwilliger Bericht nach VSME trotz des Backlash?

Wenn ihr regelmäßig Fragebögen von Kunden oder Banken beantwortet, ja. Ein VSME-Bericht ersetzt viele Einzelabfragen durch ein Dokument in einer Sprache, die Gegenüber kennen. Wenn niemand fragt und die Lieferkette euch nicht erreicht, wartet ab und haltet stattdessen die Datengrundlage sauber, das ist der teure Teil, nicht das Layout des Berichts.

Johannes Fiegenbaum

Johannes Fiegenbaum

ESG- und Nachhaltigkeitsberater mit Schwerpunkt auf VSME‑Berichterstattung und Klimarisikoanalysen. Begleitet seit 2014 über 300 Projekte für den Mittelstand sowie für Großbanken und Versicherungskonzerne.

Zur Person