Rückstausicherung Gewerbe: DIN, Pflichten, Versicherung 2026
2,6 Milliarden Euro versicherte Starkregenschäden allein 2024, rund eine Milliarde über dem...
Von Johannes Fiegenbaum am 14.05.26 11:36
25 Zentimeter am Pegel Kaub am 22. Oktober 2018, ein neuer Tiefstwert seit Beginn verlässlicher Messungen 1970. BASF beziffert den Schaden im Stammwerk Ludwigshafen auf rund 250 Mio. Euro, Thyssenkrupp erklärt gegenüber seinen Kunden höhere Gewalt, das Kiel-Institut schätzt den BIP-Effekt für Deutschland auf 0,4 Prozent. 2022 wiederholt sich das Szenario unter verschärften Bedingungen, am Pegel Emmerich wird zeitweise Pegelnull erreicht. Für produzierende Betriebe am Rhein, Stahl, Chemie, Mineralölwirtschaft und Energieversorger, ist Niedrigwasser kein Wetterphänomen, sondern eine strukturelle Risikolage. Dieser Artikel ordnet Pegelstände, Schäden, Klimaprojektionen und die belastbaren Anpassungsstrategien für Standortverantwortliche.
Inhaltsverzeichnis
2018 markiert den schwersten Niedrigwasserzyklus seit Beginn der systematischen Aufzeichnungen. Anhaltende Trockenheit ab Februar, ab Juni monatelanges Absinken. Am Pegel Kaub am 22. Oktober 2018 nur 25 Zentimeter, deutlich unter dem bisherigen Rekord von 35 cm aus 2003. Mittlerer Wasserstand am Pegel Kaub liegt bei rund 224 cm, die Abweichung zur Spitze des Ereignisses lag bei rund 90 Prozent. Am Pegel Worms 16 cm, am Pegel Emmerich an der niederländischen Grenze rund 20 cm. Die Bundesanstalt für Gewässerkunde (BfG) klassifizierte das Ereignis als Extremereignis, Dauer und Intensität übertrafen 2003 deutlich.
Praktisch relevant für die Schifffahrt: Die kritische Marke am Pegel Kaub für Mittelrhein-Binnenschifffahrt liegt bei 78 cm gleichwertigem Wasserstand. Im Oktober/November 2018 lag die Fahrrinnentiefe zeitweise unter 1,40 Meter (gegenüber 3,25 Metern langjährigem Durchschnitt). Nur ein Bruchteil des normalen Betriebs war möglich.
2022 wiederholt sich das Szenario unter verschärften Rahmenbedingungen. Niedrigwasserphase ab Juli, Tiefpunkt im August. Am Pegel Kaub rund 33–36 cm, die 2018er-Marken wurden knapp verfehlt. Am Pegel Emmerich zeitweise 0 Zentimeter Pegelnull, ein neuer absoluter Rekord. Am Pegel Köln 76 cm, nur 7 cm über dem dortigen Allzeittief. Die kritische Verschärfung gegenüber 2018 lag in der energiepolitischen Lage: Durch den Ukrainekrieg und die Gaskrise mussten Kohlekraftwerke stärker laufen, und genau dieser Kohletransport auf dem Rhein war besonders beeinträchtigt.
| Pegel | Tiefststand 2018 | Tiefststand 2022 | Mittlerer Stand |
|---|---|---|---|
| Kaub | 25 cm (22.10.2018) | ~33 cm (Aug. 2022) | ~224 cm |
| Worms | 16 cm | nicht separat dok. | ~130 cm |
| Emmerich | ~20 cm | 0 cm (Rekord) | ~270 cm |
| Köln | ~69 cm (Allzeittief) | 76 cm | ~185 cm |
BASF Ludwigshafen transportiert am Stammwerk normalerweise täglich rund 20 Schiffe, 40 Prozent des Gütervolumens läuft über den Wasserweg. Im Herbst 2018 konnte trotz Vollauslastung aller Alternativen (Pipeline, LKW, Bahn) nur ein Drittel der entfallenden Schiffskapazität substituiert werden. Drosselungen bei vier Weichmachern und drei Acrylaten, kompletter Produktionsstopp der erst im Juli 2018 in Vollbetrieb genommenen Toluoldiisocyanat (TDI)-Anlage, Investitionsvolumen rund 1 Mrd. Euro. BASF bezifferte den EBIT-Schaden im dritten Quartal 2018 auf rund 50 Mio. Euro, die Gesamtjahresschätzung auf rund 200 Mio. Euro, nach späteren Angaben sogar bis 250 Mio. Euro.
Thyssenkrupp Steel Europe erhielt im Herbst 2018 nicht mehr ausreichend Rohstoffe für den Duisburger Hüttenbetrieb. Das Unternehmen erklärte gegenüber Kunden höhere Gewalt (Force Majeure), ein rechtlich weitreichender Schritt. Der Jefferies-Analyst Seth Rosenfeld kommentierte, die Einschränkungen würden das Ergebnis im laufenden und folgenden Quartal deutlich belasten. Die Aktie verlor an dem Tag rund 4 Prozent. Für die Stahlindustrie zeigt das die strukturelle Verwundbarkeit: Direkter Schüttguttransport (Erz, Kohle) per Schiff ist kurzfristig kapazitiv kaum durch Bahn ersetzbar.
Covestro korrigierte im November 2018 die Jahresprognose nach unten, explizit unter Verweis auf gestiegene Transportkosten durch Niedrigwasser. Verluste im mittleren zweistelligen Millionenbereich durch Produktionsdrosselung und höhere Logistikkosten. Intern wurde eine Rhein-Taskforce eingerichtet, parallel charterte Covestro zwei niedrigwasseroptimierte Schiffe.
Shell Rheinland-Raffinerie 2022: Im August 2022 reduzierte Shell die Produktionskapazität seiner Rheinland-Raffinerie (bis zu 17 Mio. Tonnen Jahreskapazität, eine der größten Europas). Der BDI warnte zu diesem Zeitpunkt vor Abschalten von Anlagen in Chemie- und Stahlindustrie sowie Versorgungsengpässen bei Mineralölen. Die deutsche Mineralölwirtschaft (en2x) bestätigte Tankstellen-Versorgungsengpässe in Süd- und Westdeutschland, weil Tankstellen anders als Raffinerien nicht an Pipelines angeschlossen sind.
K+S und EnBW waren Kollateralbetroffene: K+S korrigierte 2018 den Jahresausblick wegen Logistik-Einschränkungen auf der Werra, EnBW schmälerte die Ergebnisprognose Erneuerbare Energien wegen zu geringer Wasserstände in Neckar und Iller.
Die volkswirtschaftliche Referenz stammt vom Kiel-Institut für Weltwirtschaft (IfW). Prof. Stefan Kooths, Vizepräsident und Konjunkturchef, hat die Berechnungen seiner Forschungsgruppe in mehreren öffentlichen Stellungnahmen erläutert:
Die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) ergänzte 2022: Das Bruttoinlandsprodukt werde durch das Niedrigwasser voraussichtlich um einen Viertel bis einen halben Prozentpunkt belastet. Der Deutsche-Bank-Chefvolkswirt Stefan Schneider schätzte 2022, dass das Wirtschaftswachstum ohne das Niedrigwasser bei rund 1,2 Prozent gelegen hätte, durch das Niedrigwasser aber unter ein Prozent fallen könnte.
Kooths betonte 2022 ausdrücklich: Die 2018er-Situation sei nicht eins zu eins auf 2022 übertragbar, weil die industrielle Ausgangsstärke 2018 größer war und die Energieversorgungskrise 2022 eine eigene, vom Niedrigwasser unabhängige Belastung darstellte. Für die methodische Sauberkeit von ESRS-E1-Berichten ist das relevant: BIP-Effekte sind kontextabhängig, nicht durchgängig.
Das Wichtigste auf einen Blick
Das Lehrstück 2018 hat in der Binnenschifffahrt ein Umdenken im Schiffsbau ausgelöst. Konzept: Geringerer Tiefgang durch Leichtbauweise und breiteres Rumpfprofil statt konventioneller Stromlinienform, fehlende Tiefe wird durch mehr Breite kompensiert.
BASF hat nach 2018 den Bau einer Niedrigwasserflotte aus drei Schiffen beauftragt. Das erste, der Gas94, wurde im September 2021 in Dienst gestellt. 110 Meter lang, 12,5 Meter breit, transportiert bei nur 30 cm Pegel Kaub noch mindestens 200 Tonnen verflüssigter Gase. Bei mittlerem Niedrigwasser ist die Transportkapazität mit rund 2.500 Tonnen doppelt so hoch wie bei konventionellen Binnenschiffen.
Covestro charterte nach 2018 zwei niedrigwasseroptimierte Schiffe, die Kunden auch bei Rheinpegeln in Köln von 40 cm noch mit Salzsäure versorgen können. Die Mineralölwirtschaft setzte ein erstes tiefgangoptimiertes Tankschiff ein, das nach en2x-Verbandsangaben noch bei 20 cm Pegelstand fahren kann, gegenüber 70 cm bei konventionellen Schiffen.
Multimodale Logistik als zweiter Hebel: Pipelines und Kesselwagenzüge als Alternative zur Binnenschifffahrt, Lagerkapazitäten an Land ausgebaut für Puffervorräte bei Niedrigwasser. BASF konnte 2018 trotzdem nur ein Drittel der entfallenden Schiffskapazität durch Pipeline, Straße und Bahn substituieren, was die Grenzen multimodaler Diversifizierung zeigt.
Politisch trieb der 8-Punkte-Plan gegen Niedrigwasser im Rhein von Juli 2019 (Bundesverkehrsministerium, VCI, Stahl- und Mineralölindustrie, Binnenschifffahrt) das Thema voran: Schleusen-Ertüchtigung, verbesserte Wasserstandsvorhersagen, Abladeoptimierung Mittelrhein (Fahrrinnenvertiefung um bis zu 20 cm zwischen Budenheim und St. Goar). Der VCI kritisiert 2026 weiterhin den schleppenden Umsetzungsstand, auch BASF klagt öffentlich über Verzögerungen.
Kraftwerke entlang des Rheins sind doppelt betroffen: eingeschränkte Kühlwasserentnahme bei niedrigen Abflussmengen und gleichzeitig steigende Wassertemperaturen, die die zulässige Wärmeeinleitung begrenzen. Die gesetzliche Grenze liegt bei Rheintemperaturen von 28 Grad.
Während der Hitzeperiode 2018 (23. Juli bis 12. August) näherten sich die Temperaturen von Rhein und Neckar dieser Schwelle bei gleichzeitigem Niedrigwasser. Die Bundesregierung stellte in ihrer offiziellen Antwort auf eine Bundestagsanfrage fest, es habe Leistungsreduzierungen bei einzelnen konventionellen Kraftwerken gegeben, aber keine kritischen Phasen für die Versorgungssicherheit. Der IKSR-Bewirtschaftungsplan 2022–2027 (Entwurf) enthält Hinweise auf „genehmigte Wärmeeinleitung bei Niedrigwasser" als ausdrückliche Kategorie für Kraftwerke am Rhein.
2022 war die Konstellation gefährlicher: Wegen der Gaskrise sollten Kohlekraftwerke stärker zur Stromerzeugung beitragen, genau im Moment, in dem Kohletransport per Schiff und Kühlwasserverfügbarkeit kritisch eingeschränkt waren. Uniper kündigte Reduktionen einzelner Kraftwerke an. Ökonomen stuften diese Konstellation als gefährlicher ein als 2018. Für die Standortbewertung in der Klimarisiko-Szenarienanalyse heißt das: Energie- und Wassersystem müssen gemeinsam betrachtet werden.
Für die nahe Zukunft (2021–2050) liefern die Projektionen der Internationalen Kommission zum Schutz des Rheins (IKSR) noch keine eindeutige Entwicklung beim Niedrigwasser: Bandbreite von Abnahmen um 10 Prozent bis Zunahmen um 10 Prozent gegenüber der Referenz 1961–1990. Eine einseitige Verschlechterung ist für diesen Zeitraum nicht statistisch belegt.
Für die ferne Zukunft (2071–2100) dagegen weisen alle Abflussprojektionen übereinstimmend auf deutliche Niedrigwasserabflussminderungen im hydrologischen Sommerhalbjahr hin. Neueste Projektionen auf Basis IPCC AR6 (KNMI'23-Szenarien) zeigen für den 7-Tage-Niedrigwasserabfluss (NM7Q) in allen Szenarien einen Rückgang von 10 bis 30 Prozent bis 2100.
Die Kommission für die Hydrologie des Rheins (KHR) zeigt: Der entscheidende strukturelle Treiber ist das Ausbleiben von Schnee- und Gletscherschmelzwasser. Schmelzwasser dient bisher als wichtige Reserve in niederschlagsärmeren Sommer- und Herbstmonaten. Fällt dieser Beitrag durch wärmere Winter und schmelzende Gletscher weg, treten Niedrigwasserphasen häufiger und intensiver auf. Eine BfG/Deltares-Studie 2025 im Auftrag der IKSR prognostiziert bis 2100 einen Temperaturanstieg des Rheins um bis zu 4,2 Grad gegenüber 1980–2010, die Zahl der Tage mit Wassertemperaturen über 25 Grad verdoppelt sich bereits in der nahen Zukunft.
KLIWA und KLIWAS bestätigen für das Rheineinzugsgebiet bis 2060 einen Lufttemperaturanstieg von 1,5 bis 2,5 °C gegenüber 1971–2000, im Sommer lokal Niederschlagsabnahmen bis 10 Prozent. Für 2071–2100 Sommerniederschlags-Rückgänge bis 25 Prozent. Für die ISO-14091-konforme Klimarisikoanalyse ist das die Grundlage, mit der man Niedrigwasser-Szenarien für Rheinanrainerstandorte fundiert berichten kann.
Niedrigwasser ist nur ein Klimarisiko von vielen.
Wer Niedrigwasserrisiken am Rhein in eure Risikoanalyse aufnimmt, sollte sie an die übergreifende Klimarisikoanalyse anschließen. Im Erst-Assessment ordnen wir Pegelprognosen, Logistikkette und Versicherungsdeckung in eine ROI-Sicht.
Erst-Assessment Klimarisiko anfragenDer Pegel Kaub. Die kritische Marke für Binnenschifffahrt liegt bei 78 cm gleichwertigem Wasserstand. Unter dieser Schwelle wird die Fahrrinnentiefe für viele Schiffe unzureichend. 2018 fiel der Stand auf 25 cm, 2022 auf 33 cm.
BASF bezifferte den EBIT-Schaden im dritten Quartal 2018 auf rund 50 Mio. Euro, die Gesamtjahresschätzung auf rund 200 Mio. Euro, nach späteren Angaben sogar bis 250 Mio. Euro. Inklusive des kompletten Produktionsstopps der erst Juli 2018 in Vollbetrieb genommenen TDI-Anlage (Investition rund 1 Mrd. Euro).
Das Kiel-Institut schätzt für 2018 rund 0,4 Prozent BIP-Effekt auf Jahressicht. Die Industrieproduktion fiel in der Spitze um etwa 1,5 Prozent. Für 2022 schätzten LBBW und Deutsche Bank Belastungen von einem Viertel bis einem halben Prozentpunkt BIP.
Tiefgangoptimierte Binnenschiffe mit Leichtbauweise und breiterem Rumpfprofil. BASFs Gas94 transportiert bei 30 cm Pegel Kaub noch 200 Tonnen verflüssigte Gase, bei mittlerem Niedrigwasser doppelt so viel wie konventionelle Schiffe. Die Mineralölwirtschaft fährt mit tiefgangoptimierten Tankschiffen bei 20 cm Pegel, gegenüber 70 cm bei konventionellen.
Kraftwerke sind doppelt betroffen: weniger Kühlwasserentnahme möglich und gleichzeitig steigende Wassertemperaturen begrenzen die zulässige Wärmeeinleitung (28-Grad-Grenze). 2022 verschärfte die Gaskrise die Lage, weil Kohlekraftwerke stärker laufen sollten, aber Kohletransport und Kühlwasser knapp waren.
Für 2021–2050 ist die Bandbreite der Projektionen ±10 Prozent, eine eindeutige Trendaussage gibt es noch nicht. Für 2071–2100 zeigen alle Modelle übereinstimmend einen Rückgang des 7-Tage-Niedrigwasserabflusses (NM7Q) um 10 bis 30 Prozent. Der entscheidende Treiber ist der Wegfall von Schnee- und Gletscherschmelzwasser.
Politisches Großprojekt zur Fahrrinnenvertiefung zwischen Budenheim und St. Goar um bis zu 20 cm. Teil des 8-Punkte-Plans von Juli 2019. Umsetzung stockt im Genehmigungsverfahren, BASF und VCI kritisieren die Verzögerung öffentlich. Umweltverbände sprechen sich gegen die Vertiefung aus, mit Verweis auf ökologische Eingriffe.
Kurzfristig: Niedrigwasser-Notfallplan mit Pegelstand-Triggern, Rahmenverträge mit Bahn und LKW, Pegelprognose-Tools (BfG-10-Tages-Vorhersagen) im Supply-Chain-System. Mittelfristig: Beteiligung oder Charter tiefgangoptimierter Schiffe, Lageraufbau flussaufwärts. Langfristig: Standortentscheidungen unter NM7Q-Indikator, ESRS-E3- und E1-konforme Risikoberichterstattung.
ESG- und Nachhaltigkeitsberater mit Schwerpunkt auf VSME‑Berichterstattung und Klimarisikoanalysen. Begleitet seit 2014 über 300 Projekte für den Mittelstand und Konzerne – unter anderem Commerzbank, UBS und Allianz.
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