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SBTi auf Deutsch: Komplettleitfaden zu Science-Based Targets für Unternehmen [2026]

Strategie-Workshop zur Entwicklung von SBTi-Klimazielen — Foto: Thirdman via Pexels

SBTi auf Deutsch: Komplettleitfaden zu Science-Based Targets für Unternehmen [2026]

Stand: April 2026, Alle Angaben zu Gebühren, Fristen und Standards basieren auf den aktuell verfügbaren SBTi-Dokumenten.

Executive Summary

Die Science Based Targets initiative ist 2026 kein optionales Differenzierungsmerkmal mehr, sie ist für viele deutsche Unternehmen zur faktischen Anforderung geworden. 531 deutsche Unternehmen stehen committed oder validiert im SBTi-Target Dashboard, Rang drei weltweit. Gleichzeitig hat SBTi im März 2024 in einer aufsehenerregenden Compliance-Welle 239 Unternehmen wegen verpasster Fristen entfernt, darunter globale Konzernmarken, die zeigen sollten, dass Commitment ohne zügige Umsetzung inzwischen ein Reputationsrisiko ist.

Parallel läuft die Entwicklung des Corporate Net-Zero Standard v2.0, dessen finale Version bis Ende 2026 erwartet wird und der ab 1. Januar 2028 verbindlich gilt. Für Unternehmen, die CSRD-pflichtig sind und ihren ESRS-E1-Transition-Plan mit belastbarer Methodik unterlegen müssen, sind SBTi-validierte Ziele de-facto zum anerkannten Goldstandard geworden.

Dieser Leitfaden macht die zwei größten Schmerzpunkte im Mittelstand transparent: erstens Validierungskosten und realistische Timelines, zweitens pragmatische Ansätze für Scope-3-Datenverfügbarkeit und interne Governance, bevor du das erste Commitment-Formular absendest.

Wo steht dein Unternehmen heute?
Bevor du in den Validierungsprozess einsteigst, lohnt sich ein strukturierter Blick auf deine Scope-1-, -2- und -3-Datenbasis. Unser Scope-3-Quick-Check zeigt dir in kurzer Zeit, welche Emissionskategorien für dein Geschäftsmodell relevant sind, und wo noch Datenlücken bestehen.

Was ist die Science Based Targets initiative (SBTi)?

Die Science Based Targets initiative wurde 2015 als Partnerschaft von CDP, UN Global Compact, World Resources Institute (WRI) und WWF gegründet. Das Ziel war von Anfang an klar: Unternehmen sollen nicht mehr beliebige Klimaziele kommunizieren, sondern solche, die wissenschaftlich nachweisbar mit dem 1,5-Grad-Pfad des Pariser Abkommens vereinbar sind.

Was das in der Praxis bedeutet: SBTi überprüft, ob die Reduktionsziele eines Unternehmens die nötige Tiefe und Geschwindigkeit haben, um die globale Erderwärmung auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen. Über 10.000 Unternehmen weltweit hatten sich bis Anfang 2026 SBTi-Ziele gesetzt; 4.299 verfügten Ende 2025 über validierte Ziele.

SBTi ist kein Zertifikat im klassischen Sinne

Ein häufig übersehener Aspekt: SBTi validiert Reduktionsziele, es stellt aber keine Zertifikate im Sinne von ISO-Normen aus. Es gibt keine akkreditierte Zertifizierungsstelle, keine physisch ausgehändigte Urkunde. Was Unternehmen erhalten, ist die öffentliche Listung ihrer Ziele im SBTi-Target Dashboard sowie die Nutzungsrechte am SBTi-Approved-Logo für genau diese validierten Ziele.

Dieser Unterschied ist entscheidend, wenn du SBTi mit ISO-basierten Produktbewertungen oder Carbon-Neutral-Claims kombinieren willst. Mehr dazu im Abschnitt zu ISO 14068 weiter unten.

Corporate Net-Zero Standard v2.0: Was sich 2026/2028 ändert

Wer heute eine SBTi-Validierung plant, kommt am Corporate Net-Zero Standard v2.0 nicht vorbei, auch wenn er noch nicht in Kraft ist. Draft v1 erschien im März 2025, Draft v2 folgte im November 2025, die finale Version wird bis Ende 2026 erwartet. Neue Ziele, die ab 1. Januar 2028 eingereicht werden, müssen dem neuen Standard entsprechen. Bis Ende 2027 gilt der bisherige Net-Zero Standard v1.3 weiter.

Die wichtigsten inhaltlichen Änderungen

Die bisher getrennten Dokumente für Near-Term- und Net-Zero-Ziele werden in einem einheitlichen Standard integriert. Das vereinfacht die Struktur, schafft aber neue Anforderungen:

  • Kategorien A und B: Kategorie A umfasst große Unternehmen in Hochlohnländern, mit Pflicht zu Third-Party-Assurance der eingereichten Daten. Kategorie B gilt für kleinere Unternehmen oder Schwellenländer und bietet mehr Flexibilität, insbesondere bei Scope-3-Anforderungen.
  • Scope 1 und 2 separat: Kombinierte Ziele für Scope 1+2 sind nicht mehr zulässig. Zusätzlich gilt eine Pflicht zu 100 Prozent kohlenstoffarmem Strom bis 2040.
  • Neue Scope-3-Logik: Der bisherige Mindestdeckungsgrad von 66/67 Prozent der Scope-3-Emissionen entfällt. Stattdessen müssen alle Kategorien, die mindestens fünf Prozent der Gesamtemissionen ausmachen, mit eigenen Zielen adressiert werden. Das entspricht einer Wesentlichkeitslogik, methodisch konsistenter, in der Umsetzung aber je nach Datenlage anspruchsvoller.
  • Basisjahre: Für neue Ziele ab 2027 darf das Basisjahr höchstens drei Jahre zurückliegen.
  • Beyond-Value-Chain-Mitigation (BVCM): Freiwillige Klimafinanzierung, Carbon Credits oder Naturschutzinvestitionen bleiben zusätzlich möglich, aber explizit nicht auf Net-Zero-Ziele anrechenbar. Die Trennung zwischen Reduktion und BVCM ist in v2.0 noch klarer gezogen als bisher.

Die Erfahrung aus der Projektarbeit zeigt: Unternehmen, die 2026 noch mit dem Aufbau ihrer GHG-Inventur beschäftigt sind, sollten den Zeitdruck realistisch einschätzen. Wer bis Ende 2027 validieren will, hat noch genug Zeit unter v1.3, wer 2028 oder später plant, muss v2.0 von Anfang an mitdenken.

CSRD und Klimastrategie zusammendenken:
SBTi-Ziele und ESRS-E1-Transition-Plan sind methodisch eng verzahnt. Unser CSRD-Leitfaden 2025 erklärt, welche Angaben du im Rahmen der Nachhaltigkeitsberichterstattung zusätzlich erbringen musst, unabhängig davon, ob du SBTi-validiert bist oder nicht.

SBTi für KMU: Wer kann die SME-Route nutzen?

Gerade für Mittelständler ist die Frage entscheidend: Komme ich für die vereinfachte SME-Route in Frage, oder muss ich den vollständigen Corporate-Prozess durchlaufen?

Die SBTi-Definition eines SME (Stand 2024) orientiert sich an EU-ähnlichen Schwellenwerten: weniger als 500 Mitarbeitende sowie in der Regel Umsatz unter 50 Millionen Euro und Bilanzsumme unter 25 Millionen Euro. Drei von mehreren Kriterien müssen gleichzeitig erfüllt sein. Tochterunternehmen größerer Konzerne sind explizit ausgeschlossen, ebenso Finanzinstitute und Unternehmen aus dem Öl- und Gassektor, diese Gruppen müssen unabhängig von ihrer Größe die vollständige Corporate-Route nutzen.

Was die SME-Route inhaltlich enthält

Die SME-Route bietet ein standardisiertes 1,5-Grad-Ziel für Scope 1 und 2: mindestens 42 Prozent absolute Reduktion bis 2030 gegenüber dem Basisjahr. Scope-3-Emissionen müssen gemessen werden, aber ein eigenes Reduktionsziel ist nicht zwingend erforderlich.

Tatsächlich liegt hier ein wichtiges Missverständnis vor, das in der Beratungspraxis häufig auftaucht: Die meisten deutschen Mittelständler mit 250 bis 2.000 Mitarbeitenden liegen deutlich über der SME-Schwelle. Wer 600 Mitarbeitende hat und 80 Millionen Euro Umsatz, geht zwingend den Corporate-Weg, mit allen Anforderungen an Scope-3-Abdeckung, vollständiger GHG-Inventur und deutlich höheren Validierungsgebühren.

Für kleinere Betriebe im unteren Mittelstandssegment bietet die SME-Route hingegen einen pragmatischen Einstieg. Die Anforderungen an KMU-Berichterstattung sind mit dem VSME-Standard kombinierbar, dazu mehr im Abschnitt zu Alternativen.

Validierungsprozess und Kosten 2026

Transparenz über Kosten und Timelines ist im Mittelstand einer der häufigsten Gesprächspunkte, und gleichzeitig der Bereich, in dem die meisten Informationen im Netz veraltet oder unvollständig sind. Hier die aktuellen Zahlen.

Der Sechs-Schritte-Prozess

  1. Commitment abgeben: Öffentliche Selbstverpflichtung auf der SBTi-Plattform. Ab diesem Moment läuft die 24-Monats-Frist.
  2. GHG-Inventur aufbauen: Vollständige Emissionsbilanz nach GHG Protocol für Scope 1, 2 und relevante Scope-3-Kategorien. Das ist regelmäßig der zeitintensivste Schritt, besonders wenn Lieferkettendaten fehlen oder Datensysteme nicht integriert sind.
  3. Zielentwurf entwickeln: Reduktionspfade für alle relevanten Scopes, Auswahl des Zieljahrs, Methodik-Auswahl (absolute oder Intensitätsziele, wo zulässig).
  4. Einreichung und Gebühr: Formular-Upload über das SBTi-Portal, Zahlung der Validierungsgebühr.
  5. Technische Prüfung: SBTi-interne Reviewer prüfen Ziele und Daten, aktuell 60 Geschäftstage veranschlagt, in der Praxis mitunter länger bei Rückfragen.
  6. Veröffentlichung: Bei Genehmigung werden Ziele im öffentlichen Target Dashboard gelistet.

Realistische Gesamttimeline

Vom Commitment bis zur Validierung vergehen in der Praxis neun bis achtzehn Monate, je nach vorhandener Datenqualität, interner Governance und Kapazität für die GHG-Inventur. Wer die 24-Monats-Frist einhalten will, sollte spätestens sechs Monate nach dem Commitment mit der technischen Vorbereitung der Einreichung beginnen.

Aktuelle Gebührenstruktur

  • Standard Corporate Near-Term: ca. 9.500-10.000 USD
  • Net-Zero allein: ca. 10.000-13.250 USD
  • Paket Near-Term + Net-Zero: ca. 14.500-21.000 USD je nach Unternehmenstier
  • SME-Route: ca. 1.000-1.250 USD pro Service, kombiniertes Paket ca. 2.000-2.500 USD
  • Finanzinstitute: ca. 21.000-25.000 USD (FI Near-Term/Net-Zero inklusive Gebäude-Targets)

Hinzu kommen interne Aufwände für die GHG-Inventur, gegebenenfalls externe Beratungskosten und, unter dem neuen Standard v2.0 für Kategorie A, Third-Party-Assurance-Gebühren. Realistisch kalkuliert landen große Mittelständler beim Gesamtaufwand der ersten Validierung schnell im sechsstelligen Bereich, wenn man alle Vorstufen einrechnet.

Häufige Ablehnungsgründe

Nach unserer Einschätzung lassen sich die häufigsten Ablehnungen auf einige wenige Fehlerquellen zurückführen:

  • Scope 1 und 2 decken nicht mindestens 95 Prozent der direkten Emissionen ab
  • Das Scope-3-Ziel unterschreitet die methodisch geforderte Ambition
  • Offset-Anrechnungen in Near-Term-Zielen, nach SBTi-Regeln nicht zulässig
  • Falsche Einstufung als SME trotz Konzernzugehörigkeit oder überschrittener Schwellenwerte
  • Basisjahr-Wahl, die nicht den aktuellen Richtlinien entspricht

Gerade wenn der erste VSME- oder CSRD-Bericht zeitgleich ansteht, ist eine sauber aufgebaute CO₂-Bilanz die Grundlage für beide Prozesse, und spart erheblichen Doppelaufwand.

Bereit für die Wesentlichkeitsanalyse?
Eine valide doppelte Wesentlichkeitsanalyse ist sowohl für CSRD als auch für die strategische Priorisierung deiner SBTi-Scope-3-Kategorien wertvoll. Unser CSRD-Materiality-Screening hilft dir, den Prozess strukturiert anzugehen, und die richtigen Emissionskategorien von Anfang an zu priorisieren.

Marktstatus Deutschland: 531 Unternehmen, und 239 globale Removals 2024

Ende 2025 waren 531 deutsche Unternehmen im SBTi-System committed oder validiert. Das entspricht Rang drei weltweit, hinter den USA mit 943 und China mit 598 Unternehmen. Über-repräsentiert sind verarbeitende Industrie, Maschinenbau, Chemie, Konsumgüter und Handel, also genau die Sektoren, die den deutschen Mittelstand prägen.

Die Compliance-Welle von 2024

Im März 2024 entfernte SBTi 239 Unternehmen aus dem Dashboard, weil sie die 24-Monats-Frist nach ihrem Commitment verpasst hatten. Darunter waren prominent Microsoft, P&G, Unilever und Walmart, Unternehmen, deren Commitment-Ankündigungen bis dahin prominent in Nachhaltigkeitskommunikation eingesetzt worden waren. Die Botschaft war eindeutig: Commitment ohne nachfolgende Validierung ist nicht nur wirkungslos, sondern inzwischen reputationsriskant.

Investoren, Banken und zunehmend auch Einkaufsabteilungen großer Konzerne unterscheiden heute explizit zwischen dem Status "Committed" und "Targets set". Wer eine ESG-Due-Diligence durchläuft, sei es im Rahmen einer Finanzierungsrunde, einer M&A-Transaktion oder einer Lieferantenqualifizierung, sollte sich auf diesen Unterschied einstellen.

Der globale Trend beschleunigt sich

Die Zahl globaler Net-Zero-Validierungen stieg von 980 auf 1.729 zwischen 2024 und 2025, ein Anstieg von 76 Prozent innerhalb eines Jahres. Interessanterweise beschleunigt sich die Validierungsrate trotz, oder gerade wegen, der strengeren Compliance-Prüfung. Unternehmen bewegen sich weg vom Signal "wir haben uns verpflichtet" hin zum Nachweis "unsere Ziele sind geprüft und öffentlich".

SBTi und CSRD: Wie sich die Pflichten ergänzen

Für CSRD-pflichtige Unternehmen ist die Verbindung zu SBTi keine theoretische, sondern eine sehr praktische Frage. ESRS E1 verlangt im Rahmen der Nachhaltigkeitsberichterstattung einen glaubwürdigen Transition Plan, inklusive quantifizierter Emissionsziele für Scope 1, 2 und 3 in Einklang mit dem 1,5-Grad-Pfad.

SBTi-validierte Ziele gelten dabei als de-facto Methodik-Standard, um diese Anforderung zu erfüllen. Die Reduktionspfade sind nach identischer wissenschaftlicher Logik aufgebaut, die Abdeckungsanforderungen für alle Scopes sind kompatibel mit den ESRS-E1-Vorgaben. Entscheidend dabei ist aber: SBTi ersetzt CSRD-Berichterstattung nicht. Unternehmen müssen nach wie vor gemäß ESRS über Maßnahmen, finanzielle Auswirkungen, Governance-Strukturen und qualitative Beschreibungen des Transformationspfads berichten.

Praktisch betrachtet schließt SBTi die methodische Lücke zwischen der formalen CSRD-Pflicht und einer realen, überprüfbaren Klimastrategie. Wer bereits SBTi-validierte Ziele hat, kann diese direkt in den Transition Plan nach ESRS-Logik integrieren, statt eine parallele Zielentwicklung von Grund auf neu aufzubauen.

Ein häufig unterschätzter Aspekt betrifft die Klimarisikoanalyse: ESRS E1 fordert neben den Emissionszielen auch eine fundierte Bewertung physischer und transitorischer Klimarisiken. Die Klimarisikoanalyse ist ein eigenständiger Baustein, der methodisch separat aufgebaut werden muss, auch wenn die Datengrundlage teilweise überlappt.

ESRS-E1-Konformität strukturiert angehen:
Unser CSRD-Klimarisiko-Quick-Check hilft dir einzuschätzen, wo du bei der Klimarisikoanalyse nach ESRS E1 heute stehst, und welche Schritte als nächstes notwendig sind.

SBTi vs. ISO 14068, CDP und EU-Taxonomie

Im Markt der Klimastandards und Nachhaltigkeitsrahmenwerke gibt es inzwischen eine Vielzahl von Optionen, die sich teilweise ergänzen und teilweise in Konkurrenz zueinander stehen. Für deutsche Unternehmen sind vier Vergleichsdimensionen besonders relevant.

ISO 14068-1:2023 und SBTi

ISO 14068-1:2023 ist der internationale Standard für Carbon-Neutral-Claims. Er ist akkreditiert zertifizierbar, über Stellen wie BSI oder SGS, und eignet sich für standort- oder produktbezogene Klimaneutralitätsaussagen. Der entscheidende Unterschied zu SBTi: ISO 14068 erlaubt nach Reduktionspriorisierung die Anrechnung von Offsets auf Klimaneutralitätsziele. SBTi hingegen schließt Offsets in Near-Term-Zielen explizit aus.

Beide Standards sind kombinierbar, und es gibt gute Gründe, das zu tun. SBTi deckt den 1,5-Grad-kompatiblen Unternehmenstransitionspfad ab; ISO 14068 kann für produkt- oder standortspezifische Claims ergänzend genutzt werden. Wer Produktfußabdrücke kommunizieren will, ohne gegen die Green Claims Directive zu verstoßen, sollte beide Systeme kennen.

CDP und SBTi

CDP ist Gründungspartner von SBTi, und fragt im Rahmen des jährlichen Disclosure-Prozesses explizit nach dem SBTi-Status eines Unternehmens. Validierte Ziele führen typischerweise zu höheren CDP-Scores, was sich in Einkaufs- und Investitionsentscheidungen großer Abnehmer niederschlägt.

EU-Taxonomie und SBTi

SBTi-Validierung ist kein automatischer DNSH-Nachweis (Do No Significant Harm) nach EU-Taxonomie-Verordnung. Die Taxonomie bewertet einzelne wirtschaftliche Aktivitäten anhand spezifischer technischer Screening-Kriterien, nicht das Unternehmen als Ganzes. Ein validierter 1,5-Grad-Pfad auf Unternehmensebene ist aber ein starkes Indiz für DNSH-Konformität und unterstützt die entsprechende Offenlegung erheblich. Für eine vollständige Taxonomie-Konformität braucht es dennoch die aktivitätsspezifische Prüfung, das sind zwei verschiedene Analyseebenen.

Alternativen zu SBTi für deutsche Mittelständler

SBTi ist nicht für jedes Unternehmen der richtige erste Schritt. Die Erfahrung zeigt, dass es in bestimmten Situationen sinnvollere Einstiegspunkte gibt, ohne dabei substanzielle Klimaarbeit zu umgehen.

VSME-Standard (EFRAG)

Der VSME-Standard ist ein freiwilliges, vereinfachtes Reporting-Framework für kleinere Unternehmen, das CSRD-kompatibel aufgebaut ist und Übergangspfade enthält, ohne SBTi-Pflicht. Für Unternehmen unterhalb der CSRD-Pflichtgrenze, die von Kunden oder Banken zunehmend nach Nachhaltigkeitsdaten gefragt werden, ist VSME ein pragmatischer Einstieg. Der VSMEasy-Ansatz ermöglicht eine strukturierte Umsetzung mit vertretbarem Aufwand.

ISO-Frameworks ohne 1,5-Grad-Pfadvalidierung

ISO 14064-1 für GHG-Bilanzierung, ISO 14068-1 für Carbon-Neutral-Claims und ISO 50001 für Energiemanagement bieten strukturierte Systeme mit zertifizierbarer Drittprüfung. ihr liefern keine explizite 1,5-Grad-Pfadvalidierung, sind aber kombinierbar mit SBTi und bauen komplementäre Kompetenzen auf.

Science-aligned ohne formale Einreichung

Einige Unternehmen wählen einen Kompromissweg: ihr entwickeln 1,5-Grad-kompatible Zielpfade nach SBTi-Methodik, reichen sie aber nicht formal ein. Das spart kurzfristig Kosten und Zeit, hat aber einen wichtigen Nachteil, die externe Validierung fehlt, und damit auch die Glaubwürdigkeit gegenüber Investoren und Kunden, die explizit nach "Targets set" im SBTi-Dashboard suchen.

Ein Hinweis zur Glaubwürdigkeitsdebatte 2024

Im Juli 2024 trat SBTi-CEO Luiz Amaral zurück, nach einer internen Debatte über die mögliche Einbeziehung von Carbon Credits in SBTi-Ziele. Das löste in der ESG-Community erhebliche Diskussionen aus. SBTi reagierte mit einer klaren Positionierung in den v2.0-Entwürfen: strikte Trennung von Reduktionszielen und Beyond-Value-Chain-Mitigation, keine Anrechnung von Offsets auf Near-Term- oder Net-Zero-Ziele. Die methodische Glaubwürdigkeit von SBTi gilt als wiederhergestellt, die Episode zeigt aber, wie wichtig es ist, zwischen CO₂-Reduktion und Kompensation klar zu trennen.

Du willst wissen, welcher Ansatz für dein Unternehmen passt?
Unser Leitfaden zur KMU-Nachhaltigkeitsberichterstattung zeigt, wie VSME, SBTi und ISO-Frameworks sinnvoll kombiniert werden können, und welcher Einstiegspunkt für deine Situation strategisch sinnvoll ist.

Strategische Handlungsempfehlung: In welcher Phase bist du?

Aus strategischer Sicht empfiehlt sich eine Drei-Phasen-Perspektive:

  • Phase 1, Grundlage legen (0-6 Monate): GHG-Inventur nach GHG Protocol aufbauen, Scope-3-Wesentlichkeit klären, interne Governance für Datenpflege etablieren. Ohne solide Datenbasis scheitert jede Validierung.
  • Phase 2, Commitment und Zielentwicklung (6-12 Monate): Commitment abgeben, Reduktionspfade entwickeln, Abgleich mit CSRD-Transition-Plan-Anforderungen. Dabei sollte die Entscheidung zwischen v1.3 und v2.0 bewusst getroffen werden.
  • Phase 3, Einreichung und kontinuierliches Monitoring (12-18 Monate+): Technische Prüfung durchlaufen, nach Validierung jährliches Fortschrittsmonitoring implementieren, 5-Jahres-Review-Pflicht institutionalisieren.

Besonders relevant für Unternehmen im Wachstum: Bei M&A-Aktivitäten, Carve-outs oder größeren Strukturveränderungen müssen SBTi-Ziele überprüft und gegebenenfalls aktualisiert werden. Das ist kein bürokratisches Detail, sondern direkt relevant für Due-Diligence-Prozesse und Investment-Readiness.

FAQ: Häufige Fragen zu SBTi auf Deutsch

Was kostet eine SBTi-Validierung 2026 genau?+
Die SBTi-Gebühren für ein Standard-Corporate-Paket aus Near-Term- und Net-Zero-Zielen liegen je nach Unternehmenstier bei ca. 14.500-21.000 USD. Dazu kommen interne Aufwände für die GHG-Inventur und gegebenenfalls externe Beratungskosten. Die SME-Route ist mit ca. 2.000-2.500 USD für das kombinierte Paket deutlich günstiger. Finanzinstitute zahlen ca. 21.000-25.000 USD. Alle Gebühren werden in USD erhoben; Wechselkursschwankungen sind einzukalkulieren.
Wie lange dauert der gesamte Prozess vom Commitment bis zur Validierung?+
Realistisch sind neun bis achtzehn Monate, abhängig von der vorhandenen Datenqualität und internen Ressourcen. Der zeitintensivste Schritt ist regelmäßig der Aufbau einer vollständigen GHG-Inventur, besonders für Scope-3-Kategorien. Die technische Prüfung durch SBTi dauert offiziell 60 Geschäftstage, kann bei Rückfragen aber länger dauern.
Müssen wir als Mittelständler die SME-Route oder die Corporate-Route nutzen?+
Die SME-Route setzt weniger als 500 Mitarbeitende sowie EU-ähnliche Finanzschwellen voraus. Tochterunternehmen größerer Konzerne sind ausgeschlossen. Die meisten deutschen Mittelständler mit 250-2.000 Mitarbeitenden liegen über der SME-Schwelle und müssen die vollständige Corporate-Route nutzen. Im Zweifel lohnt sich eine genaue Prüfung der SBTi-Kriterien, bevor das Commitment abgegeben wird, eine falsche Einstufung als SME gehört zu den häufigsten Ablehnungsgründen.
Was passiert, wenn wir die 24-Monats-Frist nach Commitment nicht einhalten?+
SBTi entfernt das Unternehmen aus dem Target Dashboard. Das Commitment-Datum und die Entfernung sind für externe Beobachter in der Regel nachvollziehbar, ein Reputationsrisiko, das seit der Compliance-Welle von März 2024 zunehmend wahrgenommen wird. Commitment sollte deshalb erst dann abgegeben werden, wenn die Kapazität für eine zügige Zielentwicklung realistisch vorhanden ist.
Reicht eine SBTi-Validierung als CSRD-Konformitätsnachweis?+
Nein. SBTi validiert Reduktionsziele, CSRD verlangt aber eine vollständige Nachhaltigkeitsberichterstattung nach ESRS, inklusive qualitativer Transition-Plan-Beschreibung, Governance-Angaben, finanzieller Auswirkungen und physischer Klimarisikobewertung. SBTi-Ziele sind ein wichtiger Baustein für ESRS E1, ersetzen aber nicht die gesamte CSRD-Pflicht.
Können wir Offsets in unseren SBTi-Zielen anrechnen?+
In Near-Term-Zielen (bis 2030 oder früher) sind keine Offsets zulässig. Bei Net-Zero-Zielen können Offsets für verbleibende Restemissionen nach maximaler Reduktion verwendet werden, aber nicht als Ersatz für Reduktion. BVCM-Maßnahmen wie Klimafinanzierung werden explizit als zusätzliche, nicht anrechenbare Leistung behandelt. Mit dem Net-Zero Standard v2.0 wird diese Trennung noch klarer institutionalisiert.
Was ändert sich mit dem Net-Zero Standard v2.0 ab 2028?+
Ab 1. Januar 2028 gilt v2.0 für neue Ziele verpflichtend. Die wichtigsten Änderungen: Einheitlicher Standard statt zwei Dokumente, neue Kategorien A und B mit Third-Party-Assurance-Pflicht für große Unternehmen, neue Scope-3-Wesentlichkeitslogik statt prozentualem Deckungsgrad, Pflicht zu 100 Prozent kohlenstoffarmem Strom bis 2040 und strengere Basisjahr-Regeln. Bis Ende 2027 können Unternehmen noch unter v1.3 validieren.
Johannes Fiegenbaum

Johannes Fiegenbaum

ESG- und Nachhaltigkeitsberater mit Schwerpunkt auf VSME‑Berichterstattung und Klimarisikoanalysen. Begleitet seit 2014 über 300 Projekte für den Mittelstand und Konzerne – unter anderem Commerzbank, UBS und Allianz.

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