Skip to content
11 min Lesezeit

Physische und transitorische Risiken: Klimarisiken bewerten

Featured Image

Transitorische Risiken sind die finanziellen Folgen des Übergangs in eine klimaneutrale Wirtschaft: steigende CO₂-Preise, neue Vorschriften, Technologien, die alte Anlagen entwerten, und Kunden, die andere Produkte verlangen. Physische Risiken sind die Folgen des Klimawandels selbst: Hochwasser, Hitze, Dürre, Sturm, an einem konkreten Standort. Beide Gruppen gehören in jede Klimarisikoanalyse, und beide werden anders gemessen: physische Risiken über Klimaszenarien und Gefahrenkarten, transitorische Risiken über Preis- und Politikpfade wie die der NGFS.

Wer das braucht: Nach der Omnibus-Richtlinie vom Februar 2026 berichten nach CSRD nur noch Unternehmen mit mehr als 1.000 Mitarbeitenden und 450 Mio. € Umsatz. Für alle anderen kommt die Frage trotzdem, nur von woanders: von der Hausbank, die Klimarisiken in die Kreditvergabe einbaut, vom Großkunden, der den VSME-Bericht mit Modul C sehen will, und vom Versicherer bei der nächsten Prämienrunde. Dieser Leitfaden zeigt, wie ihr ein Risikoinventar aufbaut, Szenarien auswählt, die finanziellen Folgen rechnet und das Ergebnis so dokumentiert, dass Prüfer und Bank es nachvollziehen können.

Meine Position: Die meisten Unternehmen unterschätzen die transitorischen Risiken und überschätzen die physischen. Ein Hochwasser trifft einen Standort vielleicht einmal in 30 Jahren, der CO₂-Preis trifft jede Gasrechnung ab 2027, und die Bank rechnet mit beidem.

Live-Daten: Wie sich Hochwasser, Dürre und Hitze auf einzelne Standorte auswirken, zeigt das Klimarisiko-Dashboard im Fiegenbaum Atlas.

Physische und transitorische Risiken: Herausforderungen des Klimawandels

Beide treffen dieselbe Bilanz über verschiedene Kanäle und Zeiträume, deshalb verlangt ESRS E1 für beide eine eigene Szenarioanalyse. Zur Begriffsklärung: transitorische Risiken, Übergangsrisiken und Transitionsrisiken meinen dasselbe, englisch transition risk. Physische Risiken sind akut (Hochwasser, Sturm, eine Hitzewelle, für die die ASR A3.5 mit Schwellen bei 26, 30 und 35 °C gilt) oder chronisch (Temperaturanstieg, Meeresspiegel). Transitorische Risiken haben fünf Treiber:

Risikoart Treiber Zeithorizont Beispiel Bezug in der Berichterstattung
Physisch, akut Extremwetter: Hagel, Sturm, Starkregen, Hochwasser kurzfristig, jederzeit Hagelschlag legt einen Produktionsstandort für Wochen still ESRS 2 SBM-3, ESRS E1-9
Physisch, chronisch Temperatur-, Niederschlags- und Meeresspiegeltrends langfristig, Jahrzehnte Kühl- und Wasserkosten steigen dauerhaft ESRS 2 SBM-3, ESRS E1-9
Transition, Politik und Recht CO₂-Bepreisung, Auflagen, Haftung mittelfristig, 5 bis 15 Jahre BEHG- und EU-ETS-Kosten auf fossile Brennstoffe ESRS E1-8, ESRS E1-9
Transition, Technologie Wechsel auf emissionsarme Verfahren mittelfristig Anlagen werden vor Ende der Nutzungsdauer ersetzt ESRS E1-1, ESRS E1-3
Transition, Markt Nachfrage-, Preis- und Finanzierungsverschiebungen variabel Kunden machen den Produkt-CO₂-Fußabdruck zum Vergabekriterium ESRS E1-9
Transition, Reputation Erwartungen von Kunden, Kapitalgebern und Beschäftigten kurz- bis mittelfristig Greenwashing-Vorwurf verteuert die Refinanzierung ESRS 2 SBM-3

Bei einer Autohausgruppe mit 18 Standorten in Süddeutschland steht das physische Risiko auf dem Hof (Hagel auf Fahrzeugbestand und Werkstattdach), das transitorische im Restwert der Verbrennerflotte und in der fossilen Heizung. Wer nur physische Risiken bewertet, hat eine halbe Analyse, bei energieintensiven Standorten meist die kleinere Hälfte.

Berichtspflichten und ESRS-E1-Anforderungen an die Szenarioanalyse

Live-Daten: Der Fiegenbaum Atlas zeigt Green-Bond-Volumen, Benchmarks aus Nachhaltigkeitsberichten und EU-ETS-Preise, automatisch aktualisiert. Zum Dashboard.

Wer berichten muss: CSRD nach Omnibus, VSME und die Bank

Seit der Omnibus-Richtlinie, im Amtsblatt vom 26. Februar 2026, gilt die CSRD-Berichtspflicht nur noch für Unternehmen mit mehr als 1.000 Mitarbeitenden und mehr als 450 Mio. € Nettoumsatz, beide Kriterien zusammen. Große kapitalmarktorientierte Unternehmen berichten seit dem Geschäftsjahr 2024, die zweite Welle erstmals über das Geschäftsjahr 2027 mit Bericht 2028. Börsennotierte KMU sind aus der Pflicht gestrichen. Drittlandunternehmen fallen ab 2028 darunter, wenn sie in der EU mehr als 450 Mio. € Umsatz erzielen und eine Tochter oder Niederlassung in der EU betreiben.

Für den Mittelstand heißt das nicht Entwarnung, sondern Verlagerung: Die Klimarisikoanalyse wird über den freiwilligen VSME-Standard (Modul C, Angabe C4 zu Klimarisiken), über die Kreditvergabe der Banken nach den EBA-Leitlinien und über die Lieferkettenabfragen der großen Kunden verlangt. Mehr dazu, wie ihr Standortgefahren selbst prüft: Hochwassergefahrenkarten richtig lesen.

Was ESRS E1 an Szenarien und Dokumentation verlangt

ESRS E1 verlangt mindestens ein 1,5-Grad-Szenario und eines mit über 3 °C, beide über physische und transitorische Risiken, Horizont mindestens 30 Jahre, finanzielle Effekte quantifiziert, soweit möglich, sonst begründet und qualitativ. Dazu ein Audit Trail: Gremium und Turnus, Risikoinventar mit Quellen und Annahmen, Herleitung jeder Zahl. VSME fragt dasselbe in Modul C, Angabe C4, ohne Prüfpflicht.

Erstellung eures Risikoinventars

Sechs Datenquellen bilden die Grundlage:

  • Anlagenregister: Standorte, Anlagen, Lager mit Koordinaten, Baujahr, Versicherungswert.
  • Klimadaten: Deutscher Wetterdienst (DWD) und regionale Systeme wie ReKIS mit Beobachtungen und RCP-Projektionen.
  • Lieferkette: Hauptlieferanten, Rohstoffquellen, Transportrouten.
  • Emissionsbaseline: Scope 1 bis 3 nach dem GHG Protocol.
  • Finanzdaten: Energie-, Rohstoff- und Transportkosten, Investitions- und Abschreibungspläne.
  • Regulierung: geltende und geplante Klimagesetze, etwa der CO₂-Grenzausgleich CBAM.

Der Vergleichsrahmen ordnet die Risikotypen:

Risikotyp Zeithorizont Hauptmetriken Primäre Datenquellen Bewertungsansatz
Akute physische Risiken Kurzfristig Schadenshöhe, Ausfallzeiten DWD, regionale Klimadaten, Versicherungsdaten Wahrscheinlichkeit
Chronische physische Risiken Langfristig Kostensteigerungen, Produktivitätsverluste Klimaprojektionen, Standortanalysen Szenarioanalyse
Politische Transitionsrisiken Mittelfristig CO₂-Kosten, Compliance-Kosten Gesetzestexte, Policy-Analysen Regulierungsanalyse
Technologische Transitionsrisiken Mittelfristig Investitionsbedarf, Marktänderungen Technologie-Roadmaps, Patentanalysen Technologiebewertung
Markt-Transitionsrisiken Variabel Umsatzveränderungen, Margen Marktforschung, Kundenbefragungen Marktanalyse

Priorisiert über eine Risikomatrix aus Wahrscheinlichkeit und Schadensausmaß; was in beiden hoch liegt, rechnet ihr im Detail.

Auswahl von Szenarien und Festlegung von Annahmen

Für physische Risiken nutzt ihr die RCP-Pfade des IPCC, regionalisiert über DWD-Projektionen: ein ambitionierter, ein mittlerer und ein Pfad ohne wirksamen Klimaschutz. Expositionsklassen für Unternehmen liefern die offiziellen Quellen nicht, deshalb arbeite ich mit einem eigenen Rahmen: 13 Parameter über 8 Kategorien physischer Gefährdungen (Hitzewelle, Starkniederschlag, Dürre, Sturm, Waldbrand, Hochwasser, Frost, Bodenfeuchte), je mit 5-stufiger Schwellenskala für heute, RCP4.5 und RCP8.5 Mitte des Jahrhunderts und RCP8.5 Ende des Jahrhunderts.

Für transitorische Risiken sind die Szenarien des NGFS der Standard: ein geordneter Pfad, ein verzögerter mit spätem, scharfem Eingriff, und ein Pfad mit unzureichender Politik, in dem die transitorischen Risiken später umso stärker durchschlagen. Branchenmeilensteine, etwa in Automobil- oder Energiewirtschaft, gehören dazu.

Dokumentiert je Szenario Modell, Version, Auflösung, Zeithorizont und die Annahmen, vor allem den CO₂-Preispfad. Sensitivitäten auf die zentralen Parameter und eine Änderungshistorie machen die Analyse für Prüfer und Bank belastbar.

Berechnung der finanziellen Auswirkungen von Szenarien

Physische Risiken quantifiziert ihr über Exposition, Gefährdung und Verwundbarkeit. Bei akuten Risiken: gefährdete Vermögenswerte und ihre Wiederbeschaffungswerte, dann die Schadenswahrscheinlichkeit aus historischen Daten und Projektionen. Ein Standort mit 50 Mio. € Anlagenwert im Überschwemmungsgebiet und 2 Prozent jährlicher Überschwemmungswahrscheinlichkeit ergibt bei angenommenem Totalschaden einen erwarteten Jahresschaden von 1 Mio. €. Chronische Risiken rechnet ihr als Kostenpfad, etwa steigende Kühlkosten oder Wasserpreise in Regionen mit Wasserstress.

Transitorische Risiken beginnen bei den CO₂-Kosten: Scope-1- und Scope-2-Emissionen mal erwarteter CO₂-Preis. Bei 100.000 t CO₂e und 100 €/t sind das 10 Mio. € im Jahr, dazu kommen weitergereichte Kosten der Zulieferer. Regulatorische Risiken rechnet ihr über anstehende Gesetze: Gebäudesanierung nach EU-Taxonomie kostet typischerweise 200 bis 500 €/m².

Die doppelte Wesentlichkeit setzt die finanziellen Effekte auf euch (Outside-in) gegen euren Beitrag zum Problem (Inside-out), bei dem Scope-3-Emissionen oft 70 bis 90 Prozent ausmachen. Eine Sensitivität auf einen stark steigenden CO₂-Preis zeigt, wie belastbar die Bewertung ist.

Abschluss eures Nachhaltigkeitsberichts

Die Ergebnisse landen in ESRS 2 und ESRS E1:

  • ESRS 2 GOV-3: wer die Klimarisiken überwacht und wie oft.
  • ESRS 2 SBM-3: die wesentlichen physischen und transitorischen Risiken mit Zeithorizont (bis 5, 5 bis 15, über 15 Jahre), Bereich, Region, Effekt.
  • ESRS E1-3: Maßnahmen zur Risikominderung.
  • ESRS E1-4: die verwendeten Szenarien, etwa RCP4.5 für physische und NGFS Net Zero 2050 für transitorische Risiken.
  • ESRS E1-6: Scope 1 bis 3 mit Datenqualität und Methode.
  • ESRS E1-9: die erwarteten finanziellen Effekte.

Der Prüfpfad hält je Zahl Quelle, Rechnung und Annahme fest: interne Daten mit Zeitstempel und Verantwortlichem, externe wie DWD-Projektionen oder CO₂-Preise der European Energy Exchange mit Abrufdatum, Tools mit Version. Ein Prüfer muss die Rechnung reproduzieren können.

Nächste Schritte

Aktualisiert die Szenarien jährlich bis Oktober, schult zwei Mitarbeitende in den Methoden und nutzt die Ergebnisse dort, wo Geld entschieden wird: Standortplanung, Lieferantenwahl, Investitionsbudget. Wer daraus einen Plan machen will, findet im Leitfaden zum Klimatransitionsplan für den Mittelstand die sieben Schritte bis zur Bankvorlage; die Methodik steht im Leitfaden zur Klimarisikoanalyse, die Omnibus-Änderungen habe ich separat aufbereitet.

Wenn ihr dafür einen Startpunkt braucht: Im kostenlosen Erst-Assessment seht ihr eure physischen Klimarisiken je Standort, beispielhafte Maßnahmen und welche Förderung dafür infrage kommt, ohne Verpflichtung. Kostenloses Erst-Assessment anfragen.

Häufige Fragen zu physischen und transitorischen Risiken

1. Sind transitorische Risiken, Übergangsrisiken und Transitionsrisiken dasselbe?

Ja, alle drei meinen die finanziellen Folgen des Übergangs zu einer emissionsarmen Wirtschaft, englisch transition risk. Die ESRS sagen Übergangsrisiko, die Risikopraxis Transitionsrisiko. Legt euch im Bericht auf einen Begriff fest.

2. Was ist der Unterschied zwischen akuten und chronischen physischen Risiken?

Akute Risiken sind Ereignisse wie Hagel, Hochwasser oder Hitzewelle, bewertet über Wahrscheinlichkeit und Schadenshöhe. Chronische Risiken sind schleichende Verschiebungen von Temperatur, Niederschlag und Meeresspiegel, gerechnet als veränderte Kostenbasis.

3. Welche fünf Treiber lösen transitorische Risiken aus?

Politik, Recht, Technologie, Markt und Reputation. Quantifizieren lassen sich meist nur die ersten beiden über CO₂-Preis, Auflagen und Haftung, die übrigen drei arbeitet ihr qualitativ mit Sensitivitäten auf.

4. Was verlangen die Berichtspflichten von Banken und Versicherern beim Thema Klimarisiken?

Dieselben Angaben wie andere große Unternehmen (ESRS 2 SBM-3, ESRS E1-9) plus Aufsicht: Banken nach EBA-Leitlinien und MaRisk, Versicherer in der ORSA unter Solvency II. Das Klimarisiko steckt im Portfolio, nicht in den Filialen.

5. Wie führt ihr eine Szenarioanalyse durch, die den Berichtsanforderungen entspricht?

Geltungsbereich festlegen, Wesentlichkeit bewerten, dann für die wesentlichen physischen und transitorischen Risiken je ein 1,5-Grad- und ein Über-3-Grad-Szenario mit dokumentierten Annahmen rechnen.

6. Was bedeutet doppelte Wesentlichkeit in der Berichterstattung und wie setzt ihr sie praktisch um?

Zwei Blickrichtungen: wie euer Unternehmen auf Umwelt und Gesellschaft wirkt (Inside-out) und wie Nachhaltigkeitsfaktoren eure Finanzlage treffen (Outside-in). Bewertet beides je Thema und zieht die Bewertung bei Änderungen nach.

Johannes Fiegenbaum

Johannes Fiegenbaum

ESG- und Nachhaltigkeitsberater mit Schwerpunkt auf VSME‑Berichterstattung und Klimarisikoanalysen. Begleitet seit 2014 über 300 Projekte für den Mittelstand sowie für Großbanken und Versicherungskonzerne.

Zur Person