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Klimarisikomanagement im Unternehmen: Ablauf, Datenquellen und Checkliste

Industrieschornstein vor dunklen Wolken

Klimarisikomanagement heißt nicht, Klimatrends zu referieren. Es heißt zu wissen, welche Gefahr an welchem Standort welche Entscheidung verändert. Dieser Leitfaden zeigt, wie ihr physische und transitorische Klimarisiken je Systemelement erfasst, welche Information vor einer Investitionsfreigabe vorliegen muss, wie ihr das Thema im bestehenden Risikomanagement verankert und welche Ergebnisse ohne Nacharbeit in den Nachhaltigkeitsbericht wandern.

Live-Daten: Wie sich Hochwasser, Dürre und Hitze auf einzelne Standorte auswirken, zeigt das Klimarisiko-Dashboard im Fiegenbaum Atlas.

Physische und transitorische Klimarisiken je Systemelement

Physische Klimarisiken entstehen aus dem Klimageschehen selbst, aus Hitze, Starkregen, Hagel, Sturm oder Dürre. Transitorische Klimarisiken entstehen aus der Reaktion darauf: aus CO₂-Preisen, veränderten Anforderungen an Produkte und Gebäude, aus Kundenanforderungen und Finanzierungskonditionen. Beide treffen ein Unternehmen an derselben Stelle, nur über verschiedene Wege. Ob daraus ein Schaden wird, hängt von zwei Größen ab: von der Exposition, also ob ein Wert an dieser Stelle steht, und von der Vulnerabilität, also ob er dem standhält. Klimaanpassung setzt an der zweiten Größe an, Resilienz ist ihr Ergebnis.

Mehr zu diesem Punkt: Hochwassergefahrenkarten richtig lesen: HWGK für Unternehmen.

Mein Standpunkt dazu: Die Aktivitätsstruktur der EU-Taxonomie taugt nicht als Analyserahmen. Der delegierte Rechtsakt adressiert Wirtschaftstätigkeiten, die Handreichung des Umweltbundesamtes empfiehlt dagegen Systemelemente, also Gebäude, Fahrzeuge, Belegschaft und Infrastruktur. Wer nach Tätigkeiten gliedert, produziert redundante und schwer prüfbare Dokumente. Wer nach Systemelementen gliedert, kann jede Zeile einer Person und einem Budget zuordnen.

SystemelementPhysischTransitorischDatenquelle
Gebäude und StandorteStarkregen, Hochwasser, HagelCO₂-Preis auf Wärme, GebäudeanforderungenDWD-Klimaatlas, regionale Klimainformationsdienste
Fahrzeuge und LogistikSturm, Hitze, gesperrte VerkehrswegeKosten der FlottenumstellungEUCRA, eigene Tourendaten
BelegschaftHitzebelastung am ArbeitsplatzAnforderungen aus dem ArbeitsschutzDWD-Kenntage, ASR A3.5
Infrastruktur, Strom, Wasser, ITDürre, Netz- und KühlungsausfallNetzentgelte, BeschaffungsauflagenEUCRA, Netzbetreiberdaten

Checkliste: Klimarisiken in Geschäftsentscheidungen einbeziehen

Klimarisikomanagement scheitert selten am Rahmenwerk und fast immer daran, dass die Information zu spät kommt. Deshalb hängt diese Checkliste nicht an einem Jahresprozess, sondern an drei Auslösepunkten, die es in jedem Unternehmen ohnehin gibt.

  • Vor der Investitionsfreigabe: Welche zwei bis drei Gefahren sind an diesem Standort erhöht, über welchen Zeithorizont, und wie verändert sich die Nutzungsdauer der Anlage darunter? Ohne diese Zahl fließt das Risiko nicht in die CapEx- und OpEx-Bewertung ein.
  • Vor der Standortwahl: Liegt eine Expositionsbewertung für den Neustandort vor, und zwar in derselben Skala wie für die Bestandsstandorte? Vergleichbarkeit entscheidet hier mehr als Genauigkeit.
  • Vor der Lieferantenqualifizierung: Kennt ihr die Standorte der kritischen Lieferanten, und deckt eure Gefahrenkarte diese Regionen ab? Ein Einzelbezug aus einer hochwassergefährdeten Lage ist ein Beschaffungsrisiko, kein Umweltthema.
  • Vor der Versicherungsrunde: Was ist gedeckt, was ist gedeckelt? Deckungslücken und Prämienrisiken verschieben sich schneller als die Klimadaten.

Ein Beispiel aus einem Projekt: Bei einer Autohausgruppe mit mehreren Standorten in Süddeutschland entfiel der Großteil des quantifizierten Klimarisikos auf physische Gefahren, vor allem Hagel und Starkregen, und wenige Standorte trugen einen überproportionalen Anteil davon. Die Konsequenz war keine Klimastrategie, sondern eine Investitionsentscheidung: PV-Carports an genau diesen Standorten, weil sie Hagelschutz, Ladeinfrastruktur und Eigenstrom in einer Maßnahme bündeln.

Methoden und Datenquellen: Szenarien, DWD, EUCRA

Für die Bewertung braucht ihr zwei Klimaszenarien, nicht eines: ein mittleres und ein hohes. Und ihr braucht die Bandbreite, nicht den Median. Bis Mitte des Jahrhunderts überlappen sich die Szenarien in ihren Medianwerten erheblich, die entscheidungsrelevante Information steckt im oberen Perzentilbereich. Wer pro Gefahr einen einzigen Wert berichtet, unterschätzt die Streuung und damit das Risiko.

Die frei verfügbaren Quellen reichen für den Einstieg weiter, als die meisten annehmen: der Klimaatlas des Deutschen Wetterdienstes für Kenntage und regionale Projektionen, der Klimalotse des Umweltbundesamtes als Prozessleitfaden, das European Climate Risk Assessment für die europäische Risikolandschaft und die regionalen Klimainformationsdienste für alles, was unterhalb der Bundesebene liegt.

Für Standorte in der Schweiz liegt dieselbe Datenlage vor, nur unter anderen Namen. Die nationalen Klimaszenarien betreut das National Centre for Climate Services (NCCS), MeteoSchweiz liefert die Messreihen und Kenntage, die auf deutscher Seite aus dem DWD-Klimaatlas kommen, und das Bundesamt für Umwelt (BAFU) führt die Gefahrengrundlagen zu Hochwasser und Trockenheit. Wer Standorte in beiden Ländern bewertet, sollte die Reihen nicht mischen, sondern je Land dieselbe Schwellenskala darüberlegen. Sonst sind die Expositionsklassen zwischen den Standorten nicht vergleichbar.

Was diese Quellen nicht liefern, sind abgestufte Expositionsklassen je Klimaparameter. Deshalb arbeite ich mit einem eigenen Raster aus 13 Parametern über acht Gefahrenkategorien, jeweils mit fünfstufiger Schwellenskala und referenziert auf Beobachtung, mittleres und hohes Szenario. Ohne diese Ebene bleibt Klimarisikomanagement Beschreibung, mit ihr wird Exposition über Standorte und Zeithorizonte vergleichbar.

Klimarisiken im Risikomanagement verankern: Rollen, Hürden, was funktioniert

Baut kein zweites System. Klimarisiken gehören in das Risikomanagement, das ihr schon habt, meist nach ISO 31000 aufgesetzt. Die Klimaseite liefert dafür die Methode: ISO 14091 beschreibt, wie eine Vulnerabilitäts- und Risikobewertung aufgebaut wird, ISO 14090 setzt den Rahmen für die Anpassung, die daraus folgt. Beides ersetzt euer Risikoregister nicht, es füllt eine Zeile darin.

Für die Rollen reicht eine schlanke Aufteilung: Die Geschäftsführung entscheidet über die Klimarisikostrategie und das Budget, ein benannter Risikoinhaber je Systemelement pflegt die Bewertung, und die Fachbereiche liefern die Anlagen- und Standortdaten. Drei Punkte lassen das in der Praxis scheitern. Erstens die Datenlage: Ohne saubere Standortliste mit Adressen und Anlagenwerten gibt es keine Analyse, nur eine Vermutung. Zweitens die Rollen: Wenn das Thema in der Nachhaltigkeitsabteilung hängen bleibt, erreicht es nie die Investitionsvorlage. Drittens die Kadenz: Eine Bewertung, die nur alle drei Jahre entsteht, kommt für keine Entscheidung rechtzeitig.

Das wirksamste Argument nach innen sind die Kosten der Untätigkeit, aber nicht als globale Schadenssumme, sondern als Differenz für die eigene Anlage: Was kostet der ungeschützte Zustand über die Restnutzungsdauer, und was kostet die Maßnahme heute?

Vom Risikoregister in den Nachhaltigkeitsbericht: ESRS E1 und VSME

Der Anschluss an die Berichterstattung ist der Teil, den fast alle Anleitungen weglassen, und er entscheidet darüber, ob die Analyse einmal oder zweimal bezahlt wird. Aus dem Bau der eigenen Berichtssoftware kenne ich die Überführung von der Datenpunktseite her, und sie ist nicht bei jedem Ergebnis gleich sauber.

Ergebnis der AnalyseOhne Nacharbeit übernehmbarZielstelle
Gescreente Gefahren je Standort, mit BegründungjaESRS E1, VSME C4
Zeithorizonte und SzenarienpaarjaESRS E1, VSME C4
Anpassungsmaßnahmen mit StatusjaESRS E1, VSME C4
Finanzieller Effekt je Gefahrnur, wenn die Schadenserwartung gerechnet wurdeESRS E1, VSME C4
Exposition als Anteil am Anlagevermögennein, braucht den Abgleich mit der AnlagenbuchhaltungESRS E1

Mein Standpunkt: Das VSME-Basismodul endet dort, wo die Risikofrage beginnt. Klimarisiken stehen erst im Zusatzmodul unter C4, und C4 ist eine Offenlegungsanforderung, keine Methode. Es sagt, was im Bericht steht, nicht wie man dorthin kommt, und lässt sich notfalls mit einer Aufzählung aus dem Bauch füllen. Außer beim finanziellen Effekt: Wer die Schadenserwartung nicht gerechnet hat, kann ihn nicht angeben, ohne zu raten. Ein ESRS-Bericht, wie ihn die CSRD von den berichtspflichtigen Unternehmen verlangt, stellt dieselbe Frage nur schärfer.

Häufige Fragen zum Klimarisikomanagement

Was ist der Unterschied zwischen physischen und transitorischen Klimarisiken?

Physische Klimarisiken kommen aus dem Klimageschehen: Hitze, Starkregen, Hagel, Sturm, Dürre, Hochwasser. Transitorische Klimarisiken kommen aus der Reaktion darauf, also aus CO₂-Preisen, Rechtsakten, Kunden- und Finanzierungsanforderungen. Physische Risiken trefft ihr am Standort, transitorische in der Kalkulation.

Wie entwickle ich Schritt für Schritt eine Klimarisikostrategie für meinen Betrieb?

Standortliste und Anlagenwerte zusammenstellen, Systemelemente festlegen, Gefahren in zwei Szenarien und mindestens zwei Zeithorizonten screenen, die erhöhten Gefahren bis auf die betroffene Anlage durchrechnen, Maßnahmen gegen die Schadenserwartung stellen und das Ergebnis in Risikoregister und Investitionsprozess einhängen. Der Leitfaden zur Klimarisikoanalyse beschreibt die Schritte im Detail.

Welche Ergebnisse müssen im Nachhaltigkeitsbericht auftauchen?

Gefahren und Transitionsereignisse, Exposition, Zeithorizonte, ergriffene Anpassungsmaßnahmen und die finanziellen Effekte. Im VSME-Zusatzmodul sind das fünf narrative Angaben unter C4, im ESRS-Bericht dieselben Inhalte mit höherer Nachweistiefe.

Johannes Fiegenbaum

Johannes Fiegenbaum

ESG- und Nachhaltigkeitsberater in Hamburg mit Schwerpunkt auf VSME‑Berichterstattung, CO₂-Bilanzen und Klimarisikoanalysen. Arbeitet für Mittelstand, Investoren und Finanzinstitute und hat die VSME-Software VSEasy selbst gebaut.

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