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Hagelhäufigkeit Deutschland: ERA5, AR-CHaMo und ESRS E1-9

Hagelkörner auf gefrorenem Boden, Symbolbild Hagelhäufigkeit Deutschland und ESRS E1-9

„Hagelprojektion 2050" klingt nach belastbarem Klimaszenario, ist es aber nicht. Hagel ist als konvektives Subgrid-Phänomen in CMIP5- und CMIP6-Globalmodellen nicht direkt darstellbar, weil Hagelzellen auf 1 bis 20 km Skala in Minuten entstehen, während Globalmodelle auf 50 bis 150 km Gitter mit parametrisierter Konvektion rechnen. Wer trotzdem Hagelaussagen für Industriestandorte braucht, hat zwei seriöse Wege: Beobachtungsdaten (ESWD, DWD-Radar, GDV) und proxy-basierte Re­analysen wie das AR-CHaMo-Modell von Battaglioli et al. auf ERA5. Dieser Authority-Spoke ordnet den wissenschaftlichen Stand, die methodische Grenze, die regionalen Hotspots und den ESRS-E1-9-konformen Bewertungspfad für CSRD-pflichtige Industriestandorte.

AR-CHaMo auf ERA5: Battaglioli et al. und der globale Trend

Der Schweizer Meteorologe und ESSL-Wissenschaftler Francesco Battaglioli hat mit Kollegen das AR-CHaMo (Additive Regression Convective Hazard Model) entwickelt. Das statistische Modell sagt das Auftreten von großem Hagel (≥ 2 cm) und sehr großem Hagel (≥ 5 cm) anhand atmosphärischer Indikatoren voraus. Trainiert wurde es mit rund 24 Millionen Blitzbeobachtungen und über 44.000 Hagelberichten, angewendet auf die stündliche ERA5-Reanalyse des ECMWF auf 0,25° × 0,25°-Gitter.

Die Schlüsselpublikation für die Praxis ist „Contrasting trends in very large hail events and related economic losses" (Battaglioli et al., Nature Geoscience, 2025). Drei Hauptbefunde für Europa und Deutschland:

  • Im Zeitraum 1950 bis 2021 zeigen die ERA5-AR-CHaMo-Modelle signifikante Zunahmen von Hagel über weiten Teilen Europas, getrieben primär durch steigende Feuchte in den untersten Atmosphärenschichten.
  • Die stärkste Zunahme weltweit tritt in Norditalien auf: Sehr großer Hagel (≥ 5 cm) ist dort aktuell (2012–2021) rund dreimal häufiger als in den 1950er-Jahren.
  • Für Europa insgesamt zeigt sich der weltweit stärkste Anstieg sehr großer Hagelkörner, im scharfen Kontrast zur Südhemisphäre, wo Rückgänge beobachtet werden.

Methodisch wichtig ist ein Teilresultat: Die CAPE-Energie oberhalb der minus 10 °C-Isotherme (nicht die klassische CAPE) erwies sich als universell überlegener Prädiktor für großen Hagel. Wer Hagelaussagen im Klimakontext machen will, kommt an diesem Parameter nicht mehr vorbei.

ERA5 selbst ist die fünfte Generation globaler Klimareanalysen des European Centre for Medium-Range Weather Forecasts (ECMWF). Stündliche Datenpunkte seit 1940, 31 km Gitter, über 100 Atmosphärenstufen. Anders als reine Beobachtungsnetze kombiniert ERA5 physikalische Modelle mit historischen Messungen und ist räumlich lückenlos. Genau das macht es für Hagelklimatologie in Regionen mit dünner Beobachtungsdichte wertvoll.

KIT-Studien, Frontiers 2026 und Kahraman et al.

Die deutsche Hagelklimatologie wird wesentlich vom IMK-TRO am KIT Karlsruhe getragen. Drei Schlüsselstudien:

  • Kunz, Sander & Kottmeier (2009, Int. J. Climatol.): Analyse von Hagelschadenstagen in Baden-Württemberg 1974–2003. Signifikanter Anstieg der Schadenstage bei konstanter Gewitterhäufigkeit. Konvektionsindizes auf Radiosondenbasis erklären über 55 Prozent der Jahresvarianz.
  • Mohr & Kunz (2013, Atmos. Res.): „Recent trends and variabilities of convective parameters relevant for hail events in Germany and Europe". Bestätigt, dass oberflächennahe Temperatur- und Feuchteindizes positive Trends zeigen, Indizes aus höheren Atmosphärenschichten dagegen neutral oder negativ.
  • Puskeiler, Kunz & Schmidberger (2016, Atmos. Res.): Erste umfassende Hagelstatistik für Deutschland auf C-Band-Radardaten 2005–2011. Klarer Nord-Süd-Gradient, mehrere Hotspots im Lee der Mittelgebirge.

Frontiers in Environmental Science (2026, KIT/climXtreme): 15.577 potenzielle Hagelspuren aus 20 Sommerhalbjahren (2005–2024) auf 3D-C-Band-Radardatensatz. Räumlich klar Nord-Süd-Gradient. Höchste Hagelfrequenz südlich von Stuttgart und im Bayerischen Alpenvorland. Zeitlich national kein signifikanter Gesamttrend. Räumlich differenziert: signifikante Zunahme an der Grenze Baden-Württemberg/Bayern und südöstlich von München, signifikante Abnahme in weiten Teilen Nord- und Westdeutschlands. Skandinavische Blockierungslagen als Teleconnection-Erklärung.

Der scheinbar widersprüchliche Gegenbefund kommt von Kahraman et al. (Nature Communications, September 2025), Met Office und britische Universitäten. Mit km-skaligen Klimasimulationen unter einem Hochemissionsszenario (RCP 8.5, +5 °C) ergeben sich für Zentraleuropa:

  • Schwerer Hagel (≥ 2 cm) kann seltener werden, weil höhere Nullgradgrenze und schwächere Großwetterlagen die Bildung hemmen.
  • Sehr großer Hagel (≥ 5 cm) kann dennoch zunehmen, durch tropikalere Gewittertypen mit sehr starken Aufwinden, vor allem in Südeuropa.
  • Für Zentraleuropa und Deutschland heißt das unter Extremszenario regional weniger, aber intensivere Ereignisse.

Diese Befunde widersprechen den historischen ERA5-Trends nicht, sondern beschreiben eine mögliche Zukunft unter starker Erwärmung. Für die Standortbewertung gehören beide Sichten in die Risikoanalyse, weil sie unterschiedliche Zeithorizonte adressieren.

Warum CMIP6 Hagel nicht direkt projiziert und welche Proxies helfen

CMIP6-Globalmodelle haben typische horizontale Auflösungen von 50 bis 150 km und verwenden parametrisierte Konvektion. Hagelzellen entstehen auf horizontalen Skalen von 1 bis 20 km in Minuten, weit unter der Gitterzellengröße. Drei Konsequenzen:

  1. Konvektionsparametrisierung kann weder Hagelwachstum noch Schmelzprozesse im Fallweg realitätsnah abbilden.
  2. Die räumliche Auflösung reicht nicht für orographisch getriggerte Konvergenz (Schwarzwald, Schwäbische Alb, Alpenvorland).
  3. Hagelstatistiken werden in CMIP6 nicht direkt ausgegeben.

Wer trotzdem Klimaprojektionen für Hagelrelevanz braucht, arbeitet mit Proxies:

Proxy Physikalischer Bezug Einschränkung
CAPEThermische Instabilität, AuftriebsenergieÜberschätzt in trockenen Regionen
CAPE über −10 °C-IsothermeEnergie in HagelwachstumszoneAR-CHaMo-Ankervariable, hochaufgelöste Daten nötig
Lifted IndexThermodynamische InstabilitätKeine Aussage zur Hagelgröße
SHIP (Significant Hail Parameter)Komposit aus CAPE, Lapserate, Scherung, FeuchteAuf US-Statistik kalibriert, schwächerer Europa-Skill
WMAXSHEARMax-Aufwind × WindscherungGeringer Rechenaufwand, neue Validierung
Deep Layer Shear (0–6 km)Steuert Hagelgröße, SturmorganisationHagelgröße ja, Häufigkeit weniger

Die Literatur konvergiert: Eine Kombination aus CAPE-basierter Instabilität und Windscherung reproduziert historische Hagelklimatologien besser als Einzelparameter. AR-CHaMo übertrifft die meisten Komposita bei mittleren und langen Vorhersagezeiträumen. Für eine ESRS-E1-9-Bewertung ist die Wahl entscheidend, weil sie die Begründung der Unsicherheitsbandbreite trägt. Wer auf die Differenz zwischen direkten Projektionen und Proxy-basierten Aussagen tiefer einsteigen will, findet bei der RCP- und SSP-Klimaszenarien-Anleitung die methodische Klammer und bei ISO 14091 als Goldstandard den passenden methodischen Rahmen.

Datensätze für die Standort-Bewertung

Vier Datenquellen sind für deutsche Industriestandorte praktisch relevant:

  • ESSL European Severe Weather Database (ESWD): Über 310.000 qualitätskontrollierte Meldungen zu großem Hagel, Böen, Tornados und Starkniederschlag. Seit 2006 operationell, historische Daten davor. DWD ist Kooperationspartner. Einschränkung: inhomogene Berichtsdichte, bevölkerungsabhängig, geringere Abdeckung in Norddeutschland und ländlichen Regionen. Zugang über ESSL-Mitgliedschaft.
  • DWD-Radarnetz: 17 C-Band-Dopplerradare, vollständige Abdeckung Deutschlands. Seit 2005 homogenisierter Archivdatensatz, Grundlage der KIT-Studien. Verfügbar als RADOLAN/RADKLIM für Niederschlag, HAIL-Composite für Hagelwahrscheinlichkeit, Konvektionsindizes auf Radiosondenbasis aus Essen, Meiningen, München und Lindenberg.
  • GDV Naturgefahrenreport: Versicherte Schadensdaten seit 1973, preisbereinigt, mit regionaler Aufschlüsselung. Rund 70 Tabellen pro Jahresbericht. Der GDV unterstützt Forschungszugriff explizit.
  • Ergänzende Insurer-Quellen: Versicherer wie Verti veröffentlichen jährlich Hagel-Atlanten mit Bundesland- und Stadtranking. Für eine erste Standortverortung ohne wissenschaftlichen Anspruch geeignet, für ESRS-Berichte zu unsystematisch.

Meteomedia/Kachelmann führt unter der Marke meteosol® in Kooperation mit der Vereinigten Hagel agrarbezogenes Hagelschadensmonitoring. Für industrielle Standortbewertung ist die Aussagekraft eingeschränkt, weil keine systematische Qualitätskontrolle nach wissenschaftlichem Standard dokumentiert ist.

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Hagel ist in CMIP5/6 nicht direkt projizierbar. Belastbar sind Beobachtungs- und Reanalyse-Daten (ERA5, AR-CHaMo).
  • Battaglioli et al. (Nature Geoscience 2025): Europa zeigt weltweit stärksten Anstieg sehr großer Hagelkörner (≥ 5 cm) seit 1950.
  • Deutsche Studie 2026 (KIT/Frontiers): Nord-Süd-Gradient, Zunahme an BW/Bayern-Grenze, Abnahme in weiten Teilen Norddeutschlands.
  • ESRS E1-9 erlaubt Proxy-basierte Bewertung, wenn methodisch begründet und transparent dokumentiert.

Hagel-Hotspots in Deutschland

Die regionale Evidenzlage aus Radar-, Versicherungs- und Modelldaten:

Region Evidenzstärke Mechanismus
Schwäbische Alb / NeckartalSehr hochLeekonvergenz Schwarzwald, orographische Hebung
Bayerisches AlpenvorlandSehr hochThermische Instabilität, Föhneinfluss, Feuchtetransport
Allgäu, Oberschwaben (BW/Bayern-Grenze)HochSignifikante Trendzunahme 2005–2024
Nordhessen, Rhön, VogelsbergMittelOrographische Effekte
Mainfranken / Nürnberger BeckenMittelKonvergenz bei Omegablock
Norddeutsche TiefebeneGering / negativAbnehmende Trends
NRW / RuhrgebietJahrgangsabhängigFronttriggered, keine orographische Begünstigung

Der stärkste Befund beruht auf dem 20-jährigen DWD-Radardatensatz, ausgewertet in Frontiers (2026). Der Nord-Süd-Gradient ist in allen Studien konsistent. Die signifikante Zunahme an der BW/Bayern-Grenze ist ein neuerer Befund mit hoher statistischer Robustheit. Für Standortverantwortliche heißt das: Eine Industriebetrieb-Standortwahl im Allgäu oder südlich München sollte den Hageltrend mit einer um 30 bis 40 Prozent erhöhten Wahrscheinlichkeit sehr großer Hagelkörner bis Ende des Jahrhunderts (gemäßigtes Erwärmungsszenario) verbuchen.

GDV-Schadenstatistik 2023 bis 2025

Drei aufeinanderfolgende Jahre mit deutlicher Streuung:

  • 2023: Naturgefahrenschäden gesamt 5,6 Mrd. Euro. Davon Sturm/Hagel in der Sachversicherung 2,7 Mrd. Euro, im Kfz-Bereich 1,3 Mrd. Euro (vierthöchster Wert überhaupt). Schwerpunkte Juni (740 Mio. Euro) und August (1,5 Mrd. Euro). In Kassel mehr als jedes dritte kaskoversicherte Fahrzeug beschädigt, höchste Schadenhäufigkeit seit 1984.
  • 2024: 5,7 Mrd. Euro insgesamt, davon Sturm/Hagel Sachversicherung 1,8 Mrd. Euro. Höchste Länderschäden in Bayern und Baden-Württemberg je rund 1,6 Mrd. Euro (inkl. Junihochwasser).
  • 2025: Deutlicher Rückgang. Naturkatastrophenschäden Sachversicherung 1,4 Mrd. Euro bundesweit, 3 Mrd. weniger als 2024. Davon Sturm/Hagel 1 Mrd. Euro. In Bayern nur 118 Mio. Euro, weniger als ein Zehntel des Vorjahres.

Regionale Konsistenz: Baden-Württemberg, Bayern und Thüringen führen die Hagelschadenrangliste in fast allen Jahren an. Norddeutschland (Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig-Holstein, Bremen) liegt regelmäßig am unteren Ende. Durchschnittlicher Schaden pro Ereignis in BW rund 3.300 Euro, Bayern rund 3.000 Euro, deutlich über Bundesdurchschnitt.

Spitzenjahre wie 2013 oder 2021 (europaweit) haben in Deutschland Hagelschäden im zweistelligen Milliardenbereich erzeugt. Norditalien erzielte 2023 mit einem Einzelereignis einen Rekordschaden von 6 Mrd. US-Dollar, ein eindrücklicher Beleg der Battaglioli-Trendaussagen.

ESRS-E1-9-konformer Bewertungspfad für Hagel

ESRS E1-9 verlangt die Quantifizierung finanzieller Auswirkungen physischer Klimarisiken auf Assets, getrennt nach akuten und chronischen Risiken, mit Angabe betroffener Assetwerte über kurz-, mittel- und langfristige Zeithorizonte. ESRS E1-2 (AR 10–13) verlangt eine Klimaszenarioanalyse als Grundlage. Bei fehlenden Direktprojektionen erlaubt das Framework Analogien, Proxy-Indikatoren und Expert Judgement, sofern methodisch begründet und transparent dokumentiert.

Für Hagel auf deutsche Industriestandorte ein fünfstufiger Pfad:

  1. Historische Hagelgefährdungsklasse aus Geocodierung gegen ESWD-Dichtekarte, DWD-Radar-Hagelklimatologie (Puskeiler/Kunz 2016, Frontiers 2026) und GDV-Regionaldaten. Ergebnis: ordinale Klasse (gering, mittel, hoch).
  2. Trendanpassung durch Overlay mit AR-CHaMo-ERA5-Trendaussage für die Region (1950–2021). Süddeutschland: Trendverstärker. Norddeutschland: Trendabschwächer oder neutral.
  3. Proxy-Szenarioanalyse über CAPE- und Lifted-Index-Trends aus CMIP6 für das gewählte SSP-Szenario, als Proxy für zukünftige Hagelgefährdungsänderung (mittelfristig bis 2050, langfristig bis 2100).
  4. Finanzielle Exposition über Gebäude-Assets, Freiflächeninfrastruktur (PV-Module, Kühlanlagen, Außenlager), Betriebsunterbrechungsrisiken. Verknüpfung mit Versicherungsdeckung und Selbstbehalten.
  5. Dokumentation für E1-9 mit Begründung der Datensätze (ERA5/AR-CHaMo, ESWD, GDV), Unsicherheitsbandbreite, Verweis auf Peer-Review-Literatur. Explizit angeben, dass direkte CMIP6-Hagelprojektion methodisch nicht verfügbar ist und warum Proxies adäquat sind.

Dieses Vorgehen ist gleichzeitig der saubere Übergang zur ISO-14091-Methodik und zur CSRD-konformen Risikoberichterstattung. Wer eine prüfungsfeste E1-9-Bewertung für CSRD-pflichtige Industrieunternehmen aufbauen will, kann den Pfad nicht über das Wort „Hagelprojektion 2050" kürzen, sondern muss die methodischen Limits explizit machen, und genau das wertet WP-Assurance.

Hagel ist methodisch ein Sonderfall.

Wer ESRS-E1-9-konforme Hagelbewertungen für Industriestandorte aufbauen will, braucht Beobachtungs- und Reanalyse-Daten, nicht „Hagelprojektion 2050". Im Erst-Assessment Klimarisiko gehen wir mit AR-CHaMo, ESWD und GDV-Daten methodisch sauber durch.

Erst-Assessment Klimarisiko anfragen

Häufig gestellte Fragen

Warum ist Hagel in CMIP6 nicht direkt projizierbar?

CMIP6 löst Konvektion parametrisiert auf 50 bis 150 km Gitter. Hagelzellen entstehen auf 1 bis 20 km Skala in Minuten, unter der Gitterzellengröße. Globalmodelle können weder Hagelwachstum noch Schmelzprozesse im Fallweg realitätsnah abbilden und geben keine Hagelstatistik direkt aus.

Was zeigt das AR-CHaMo-Modell von Battaglioli et al.?

AR-CHaMo (Additive Regression Convective Hazard Model) sagt großen und sehr großen Hagel anhand atmosphärischer Indikatoren voraus. Trainiert mit 24 Mio. Blitzbeobachtungen und 44.000 Hagelberichten, angewendet auf ERA5-Reanalyse seit 1950. Die Publikation in Nature Geoscience 2025 zeigt: Europa hat weltweit den stärksten Anstieg sehr großer Hagelkörner. Norditalien hat sich seit den 1950er-Jahren verdreifacht.

Welche Hagel-Hotspots gibt es in Deutschland?

Schwäbische Alb, Neckartal und Bayerisches Alpenvorland mit sehr hoher Evidenz, BW/Bayern-Grenze (Allgäu, Oberschwaben) mit signifikanter Trendzunahme seit 2005. Norddeutsche Tiefebene mit abnehmenden Trends. Quelle: DWD-Radardatensatz 2005–2024, ausgewertet in Frontiers in Environmental Science (2026, KIT/climXtreme).

Welche Datensätze sind für Industriestandorte praktikabel?

ESSL ESWD mit über 310.000 Hagelmeldungen, DWD-Radarnetz (17 C-Band-Doppler, RADKLIM, HAIL-Composite), GDV Naturgefahrenreport mit versicherten Schadensdaten seit 1973. Ergänzend ERA5-Reanalyse mit AR-CHaMo-Trendaussagen. Meteomedia/meteosol® für Agrar geeignet, für ESRS-Berichte zu unsystematisch.

Welche Proxy-Parameter sind für CMIP6 verlässlich?

Klassische CAPE überschätzt in trockenen Regionen. CAPE über der minus-10-°C-Isotherme ist der AR-CHaMo-Ankerparameter und in der Literatur konsistent überlegen. Lifted Index für Screening, SHIP auf US-Statistik kalibriert mit schwächerem Europa-Skill, WMAXSHEAR neue Validierung, Deep Layer Shear für Hagelgröße statt Häufigkeit.

Wie passt Hagel in eine ESRS-E1-9-Bewertung?

Fünf Schritte: historische Hagelgefährdungsklasse aus Beobachtungsdaten, Trendanpassung über AR-CHaMo, Proxy-Szenarioanalyse über CAPE/Lifted Index aus CMIP6, finanzielle Exposition über Assets und Versicherung, Dokumentation der Unsicherheitsbandbreite. ESRS erlaubt Proxy-basierte Bewertung, wenn methodisch begründet und transparent dokumentiert.

Was sagen die GDV-Schadendaten der letzten Jahre?

2023 Sturm/Hagel Sachversicherung 2,7 Mrd. Euro, Kfz 1,3 Mrd. Euro. 2024 Sturm/Hagel 1,8 Mrd. Euro, Bayern und Baden-Württemberg je rund 1,6 Mrd. Euro inkl. Juni-Hochwasser. 2025 deutlicher Rückgang auf 1,0 Mrd. Euro Sturm/Hagel. BW, Bayern, Thüringen führen die Hagelschadenrangliste seit Jahren an.

Werden Hagelereignisse seltener oder intensiver?

Die Antwort ist regional und szenarienabhängig. Beobachtungsdaten 1950–2024 zeigen europaweit Zunahmen der Hagelhäufigkeit, vor allem sehr großer Hagelkörner. Im Hochemissionsszenario (Kahraman et al. 2025) kann schwerer Hagel in Zentraleuropa seltener werden, sehr großer Hagel aber intensiver, mit klarer Verschiebung nach Süd- und Mittelmeer-Europa. Für deutsche Industriestandorte heißt das: regional differenziert berichten, nicht pauschal aussagen.

Weiterführende Ressourcen

Johannes Fiegenbaum

Johannes Fiegenbaum

ESG- und Nachhaltigkeitsberater mit Schwerpunkt auf VSME‑Berichterstattung und Klimarisikoanalysen. Begleitet seit 2014 über 300 Projekte für den Mittelstand und Konzerne – unter anderem Commerzbank, UBS und Allianz.

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