Skip to content
20 min Lesezeit

SSP5-8.5, SSP2-4.5 oder SSP1-2.6: Welches Klimaszenario passt zu eurem Unternehmen? [2026]

Liniendiagramm der CO₂-Konzentration in der Atmosphäre nach SSP-Szenarien bis 2100

Dieser Artikel ist Teil meiner Klimaszenarien-Serie. Die Grundlagen beider Frameworks und ihre Kombination stehen in der Komplettanleitung für die Klimarisikoanalyse.

Welches einzelne Szenario du wählst, ist die falsche Frage. Eine Klimarisikoanalyse mit nur einem Pfad ist formal sauber und strategisch wertlos, weil sich die Szenarien bis Mitte des Jahrhunderts in ihren Medianen stark überlappen. Was zählt, ist die Spannweite. Für deutsche Standorte rechne ich in der Praxis diese drei, und zwar über ihre hochaufgelösten RCP-Entsprechungen, weil EURO-CORDEX die SSP-Läufe noch nicht in 12,5 km-Auflösung liefert:

Szenario (RCP-Entsprechung)Erwärmung bis 2100CharakterHauptrisikoWann du es brauchst
SSP1-2.6 (RCP 2.6)rund 1,8 °CParis-aligned, Nettonull in der zweiten JahrhunderthälfteHohe TransitionsrisikenUm Transitions- und Regulierungsdruck abzubilden
SSP2-4.5 (RCP 4.5)rund 2,7 °CRealistisches MittelszenarioPhysisch und transitorisch ausgewogenAls Baseline für die mittelfristige Planung, in meinen Projekten der übliche Planungsfall
SSP5-8.5 (RCP 8.5)rund 4,4 °CFossiler Worst CaseSehr hohe physische RisikenFür den Stresstest langlebiger Infrastruktur und akute Standortrisiken

Ein „richtiges“ Szenario gibt es nicht, das ist methodisch gar nicht vorgesehen. Bei langlebiger Infrastruktur ist nicht der Median die relevante Zahl, sondern das 85. Perzentil des hohen Emissionspfads. Wer dort nur einen Mittelwert berichtet, unterschätzt das Risiko systematisch.

Ist SSP5-8.5 zurückgezogen? Was die Plausibilitätsdebatte für deine Szenariowahl bedeutet

Stand: September 2026. Zurückgezogen ist SSP5-8.5 nicht, verschoben hat sich seine Rolle. Für den siebten Sachstandsbericht des Weltklimarats IPCC und den zugehörigen Modellvergleich CMIP7 stufen van Vuuren et al. (2026) im Szenarioprotokoll ScenarioMIP für CMIP7 die hochemissive Konzentration von SSP5-8.5 (auch SSP5 8.5 geschrieben, im Vorgänger-Framework RCP 8.5) als nicht mehr plausibel ein, weil gesunkene Kosten für Erneuerbare, Klimapolitik und die jüngere Emissionsentwicklung dagegen sprechen. Das neue High-Szenario baut auf SSP3 auf und liegt im Strahlungsantrieb unter SSP5-8.5.

Warum gelten RCP 8.5 und SSP5-8.5 heute als weniger plausibel?

RCP 8.5 wurde als Konzentrationspfad mit 8,5 W/m² Strahlungsantrieb bis 2100 gerechnet und jahrelang als „Business as Usual“ gelesen. Diese Lesart trägt nicht mehr, weil der unterstellte Kohleausbau in dieser Größenordnung ausgeblieben ist. Als oberer Rand einer Bandbreite bleibt der Pfad brauchbar, als wahrscheinlichste Zukunft nicht.

Muss eine bereits erstellte Klimarisikoanalyse mit SSP5-8.5 neu gerechnet werden?

In aller Regel nein, solange im Bericht steht, wozu du den Pfad benutzt hast. In Prüfungs- und Bankgesprächen ist nicht die Frage, ob 8.5 gerechnet wurde, sondern warum. Ohne Rückfrage durchgegangen ist bisher diese Kombination: SSP2-4.5 (RCP 4.5) als Planungsfall, SSP5-8.5 (RCP 8.5) als Stresstest am oberen Risikorand, rund 85. Perzentil, und SSP1-2.6 (RCP 2.6) für den Transitions- und Regulierungsdruck. Für die hochaufgelöste Standortrechnung kamen dabei die RCP-Läufe aus EURO-CORDEX zum Einsatz, die gröberen SSP-Daten nur als Kontrollschicht. Wer 8.5 dagegen als erwartete Zukunft ausweist, bekommt die Rückfrage.

Meine Position dazu ist unbequemer als die Debatte selbst: Bei den wenigsten Unternehmen, mit denen ich spreche, ist Klimarisiko überhaupt angekommen. Regulatorische und geopolitische Risiken wirken in Gesprächen mit Geschäftsführungen unmittelbarer als physische, also landet die Szenarioarbeit hinten in der Priorität. Sie scheitert selten an der Methode und fast immer an der Reihenfolge.

Für laufende Analysen heißt das: Pfad behalten, Begründung nachschärfen. Wer die Szenariowahl als Bandbreite dokumentiert statt als Prognose, ist von der Plausibilitätsdebatte inhaltlich nicht betroffen.

Die fünf SSP-Pfade und ihre RCP-Zuordnung

Die Shared Socioeconomic Pathways (SSP) stammen aus dem Umfeld des Sechsten Sachstandsberichts (AR6) des IPCC. Die älteren Representative Concentration Pathways (RCP) legen nur Treibhausgaskonzentrationen und Strahlungsantrieb fest. Die SSP koppeln jeden Pfad zusätzlich an ein sozioökonomisches Narrativ aus Bevölkerung, Wirtschaft, Technologie und Governance. Die Zuordnung läuft über den Strahlungsantrieb im Jahr 2100, sie ist ähnlich, aber nicht identisch: Die Annahmen dahinter unterscheiden sich.

SSPRCP-EntsprechungStrahlungsantrieb 2100Narrativ
SSP1-1.9keine direkte Entsprechung1,9 W/m²Nachhaltigkeit, „Taking the Green Road“
SSP1-2.6RCP 2.62,6 W/m²Nachhaltigkeit, „Taking the Green Road“
SSP2-4.5RCP 4.54,5 W/m²„Middle of the Road“, moderater Wandel
SSP3-7.0keine direkte Entsprechung7,0 W/m²Regionale Rivalität, „A Rocky Road“
SSP5-8.5RCP 8.58,5 W/m²Fossile Entwicklung, „Taking the Highway“

SSP1-1.9 zielt auf maximal 1,5 °C, im Einklang mit dem ambitioniertesten Ziel des Pariser Abkommens. Für Unternehmen bedeutet das Nettonull bis 2050, einen schnellen Ausstieg aus fossilen Energieträgern und sehr hohe Stranded-Asset-Risiken. Das Szenario setzt in der zweiten Jahrhunderthälfte auf Carbon-Removal-Technologien, deren Skalierbarkeit umstritten ist. Als gesicherte Grundlage würde ich sie nicht einplanen.

SSP1-2.6 ist Nachhaltigkeit mit 2-Grad-Ziel: Die CO₂-Emissionen sinken ab 2020 kontinuierlich, Nettonull wird in der zweiten Jahrhunderthälfte erreicht. Die Transitionsrisiken sind hoch, aber es bleibt Anpassungszeit. Als Paris-aligned Szenario bildet es Regulierungs- und Transformationsdruck ab, relevant etwa für erneuerbare Energien und CleanTech.

SSP2-4.5 (RCP 4.5, auch SSP2 4.5 geschrieben) ist das realistische Mittelszenario: Die CO₂-Emissionen bleiben laut IPCC AR6 bis zur Jahrhundertmitte etwa auf heutigem Niveau, die Erwärmung liegt bei rund 2,7 °C bis 2100 (sehr wahrscheinlich 2,1 bis 3,5 °C). Physische und transitorische Risiken halten sich die Waage, die regulatorischen Verschärfungen kommen graduell. Daher ist es die Baseline für mittelfristige Planung, und als RCP 4.5 liegt es für Europa hochaufgelöst vor.

SSP3-7.0 beschreibt eine fragmentierte Welt mit Nationalismus und schwacher internationaler Kooperation, Erwärmung von rund 3,6 °C bis 2100 (sehr wahrscheinlich 2,8 bis 4,6 °C). Die physischen Risiken sind hoch, die regulatorische Landschaft zersplittert, Handelsbarrieren wachsen. Ich nenne es den vergessenen Worst Case, weil selbst bei moderatem Klimawandel schwache Governance zu gravierenden Geschäftsauswirkungen führen kann. Besonders relevant ist es bei Lieferkettenanalysen und geopolitisch exponierten Portfolios.

SSP5-8.5 (das frühere RCP 8.5, Schreibvarianten SSP5 8.5 und SSP5-8.5) ist das energiereichste der Szenarien: 8,5 W/m² Strahlungsantrieb bis 2100 und rund 4,4 °C globale Erwärmung gegenüber vorindustriellem Niveau (sehr wahrscheinlich 3,3 bis 5,7 °C). Der Pfad unterstellt rapides Wachstum auf fossiler Basis, CO₂-Konzentrationen über 1.100 ppm, höchste physische Risiken (Extremwetter, Dürren, Meeresspiegelanstieg bis etwa 1 m, bei Instabilität der Eisschilde deutlich mehr) und niedrige Transitionsrisiken, weil der Pfad keine zusätzliche Klimapolitik unterstellt. Die Erwärmungsspanne stützt sich auf IPCC AR6, Kapitel 4.

Warum rechne ich trotzdem mit RCP-Entsprechungen? EURO-CORDEX, das zentrale regionale Klimamodell-Ensemble für Europa, liefert Projektionen auf einem 12,5-km-Raster, bislang aber vor allem für RCP-Szenarien. Die SSP-Läufe sind nur teilweise und laufend verfügbar, die globalen SSP-Projektionen aus CMIP6 liegen bei rund 100 km Auflösung und reichen für Standortanalysen in der Regel nicht aus. Mein Ansatz: RCP 4.5 und RCP 8.5 als Hauptszenarien für die Standortanalyse, ergänzt durch eine Delta-Verarbeitung, also die Berechnung von Veränderungssignalen aus den groben SSP-Projektionen und ihre Übertragung auf die RCP-Basisdaten. Das bleibt konsistent mit dem IPCC-Stand, ohne die räumliche Präzision zu verlieren. Das ist kein Rückschritt, sondern der pragmatische Stand für europäische Standortanalysen.

Temperaturentwicklung und Klimaauswirkungen im Vergleich

SzenarioErwärmung 2041 bis 2060 (°C)Erwärmung 2081 bis 2100 (°C)Physische RisikenTransitorische Risiken
SSP1-1.91,61,4Sehr niedrigSehr hoch
SSP1-2.61,71,8NiedrigHoch
SSP2-4.52,02,7MittelMittel
SSP3-7.02,13,6HochNiedrig bis mittel
SSP5-8.52,44,4Sehr hochNiedrig

Die Unterschiede zwischen den Szenarien sind bis zur Mitte des Jahrhunderts oft geringer als die langfristigen Divergenzen, weil das Klimasystem träge auf veränderte Konzentrationen reagiert. Über 2050 hinaus werden sie fundamental und gehören bei Investitionen mit langen Lebenszyklen zwingend in die Rechnung.

Zum Ausblick: CMIP7 und der nächste IPCC-Zyklus ändern die Pfade, aber nicht sofort deine Daten. Bis CMIP7-Ergebnisse regional heruntergerechnet vorliegen, rechne ich nach meiner Einschätzung mit mehreren Jahren. Für Analysen, die jetzt anstehen, ändert sich zunächst nur die Begründung der Szenariowahl, nicht die Datenbasis.

Welches Szenario zu deinem Unternehmen passt: Bandbreite statt Einzelpfad

Erst nach der Mitte des Jahrhunderts laufen die Szenarien deutlich auseinander. Wer den Median eines einzelnen Pfades ausweist, bildet für den planungsrelevanten Zeitraum kaum einen Unterschied ab und unterschätzt zugleich die Streuung. Was zählt, sind das 15. und das 85. Perzentil der Ensemblebandbreite. Genau dafür ist RCP 8.5 nützlich, nicht als wahrscheinlicher Verlauf, sondern als oberer Rand, gegen den du deine Auslegung testest.

Wie groß der Unterschied wird, zeigt ein Parameter aus der Praxis. Bei Hitzetagen über 30 Grad (im DWD-Klimaatlas „Heiße Tage“) liegen die Projektionen für RCP 2.6, 4.5 und 8.5 je Standort und Zeitraum weit auseinander, und die Abstände wachsen zum Jahrhundertende. Wer nur einen dieser Werte ausweist statt der Spannweite, unterschätzt das Risiko, unabhängig davon, welchen er wählt. Die konkreten Tageswerte rechne ich je Standort, sie gehören in die Analyse und nicht in einen Übersichtsartikel.

Die Unterscheidung zwischen physischen Risiken und Übergangsrisiken entscheidet, welche Pfade du brauchst. Physische Risiken folgen aus Extremwetter, Hitze, Hochwasser und Dürre, Übergangsrisiken aus Regulierung, Technologiewandel und Marktveränderung, zum Beispiel durch das EU ETS 2 ab 2028 als CO₂-Kostentreiber für Gebäudeheizung und Transport. SSP5-8.5 deckt vor allem das physische Ende ab, SSP1-2.6 das transitorische, SSP2-4.5 die Mitte. Mehr zum Zusammenspiel von Mitigation und Adaptation steht in einem eigenen Artikel.

Die Auswahl hängt von der Branche ab. Die Tabelle zeigt, was ich je Branche als Ausgangsbandbreite ansetze:

BrancheDominantes RisikoSzenariobandbreite
Landwirtschaft und LebensmittelindustrieRohstoffpreisvolatilität (SSP3), physische Extremrisiken (SSP5)SSP2-4.5, SSP3-7.0, SSP5-8.5
Energiewirtschaft und UtilitiesStranded Assets, „Late Action“-Risikogesamtes Spektrum SSP1-2.6 bis SSP5-8.5
Versicherungen und FinanzdienstleisterAusfallrisiken bei schwacher Governance (SSP3)gesamtes Spektrum
Immobilien und InfrastrukturLebenszyklen von 30 bis 100 Jahren, Meeresspiegel, FlussgebieteSSP2-4.5, SSP5-8.5
Automotive, Handel und DienstleistungHagel auf Außenflächen, Hitze in Gebäuden, HeizungskostenSSP2-4.5, SSP5-8.5, SSP1-2.6 für Transitionsrisiken
Produzierende Industrie und LieferkettenFragmentierung und klimavulnerable Zulieferer (SSP3)SSP2-4.5, SSP3-7.0, SSP5-8.5
Technologie und SoftwareRegulierung und Marktnachfrage statt physischer RisikenSSP1-2.6, SSP2-4.5, SSP3-7.0

Wie das in einem Projekt aussah: Bei einem mittelständischen Automobilhändler mit Fahrzeughandel, Transport, Immobilien und mehreren Standorten in Deutschland fiel die Wahl auf RCP 4.5 und RCP 8.5 als Hauptszenarien, SSP-Daten kamen über die Delta-Verarbeitung als Kontrolle hinzu. Die Projektionszeiträume 2031 bis 2040 und 2041 bis 2070 wurden gegen die Referenzperiode 1991 bis 2020 gespiegelt, so wurden standortspezifische Veränderungen sichtbar statt pauschaler Branchentrends. Ergebnis: Hagelrisiko für Außenlagerflächen als Top-Risiko (zur Datenlage siehe Hagelhäufigkeit in Deutschland), Hitzebelastung in älteren Gebäuden als chronisches Risiko, ETS-2-Kosten für fossile Heizungen als Transitionstrigger. Erst die Kombination beider Szenarien machte den Nutzen von PV-Überdachungen rechenbar: Hagelschutz, Eigenstrom und Ladeinfrastruktur aus einer Investition. Zur vollständigen Case Study.

Praktische Anwendung: 5-Schritte-Prozess zur Szenario-Integration

Schritt 1: Bestandsaufnahme. Erfasse deine Klimarisiken und sozioökonomischen Exposures. Eine doppelte Wesentlichkeitsanalyse hilft, die Handlungsfelder zu priorisieren. Zentrale Fragen: Welche Standorte sind physisch exponiert? Wie abhängig bist du von klimasensitiven Ressourcen? Wie kritisch ist politische Stabilität für deine Lieferketten?

Schritt 2: Szenarien auswählen. Wähle mindestens zwei bis drei Pfade. Als Daumenregel: Langfristige Infrastruktur braucht SSP2-4.5 und SSP5-8.5, fossil-exponierte Branchen zusätzlich SSP1-2.6, globale Lieferketten SSP2-4.5 und SSP3-7.0. Für die erste Analyse ist RCP 4.5 plus RCP 8.5 mit SSP-Kontrolle der bewährte Einstieg.

Schritt 3: Daten beschaffen. Für Standortwerte gibt es frei verfügbare Quellen, die sich in Szenarien und Auflösung stark unterscheiden:

QuelleSzenarienRäumliche AuflösungKosten
Copernicus Climate Change Service (C3S)CMIP6 (SSP1-2.6, SSP2-4.5, SSP3-7.0, SSP5-8.5) und CORDEXglobal grob, regional je nach Datensatzkostenlos, mit Registrierung
Deutscher Wetterdienst (DWD), KlimaatlasRCP 2.6, 4.5, 8.5Deutschland und Bundesländerkostenlos
EURO-CORDEXRCP 2.6, 4.5, 8.5; SSP-Läufe teilweise12,5 kmkostenlos, Aufbereitung erforderlich
ISIMIPSSP1-2.6, SSP3-7.0, SSP5-8.5 (bias-adjustiert)0,5° (rund 50 km)kostenlos

Die Quellen sind kostenlos, die Arbeit ist es nicht. Rasterdaten liefern Werte je Gitterzelle, nicht je Standort. Mit einem Service, der dir fertige Szenariowerte für deine Adressen liefert, hat das wenig zu tun: Zwischen Rasterzelle und Standortaussage liegen Bias-Korrektur, Auswahl der Modelle, die Berechnung von Perzentilen und die Frage, ob lokale Ereignisse wie Hagel in der Auflösung überhaupt abgebildet sind. Wo du ein Raster ablesen kannst, reicht die Gratisdaten-Route. Wo eine Investition an der Zahl hängt, beginnt die standortscharfe Auswertung. Für die Transitionsrisiken kommen der IPCC AR6 Szenarien-Bericht und der World Energy Outlook der Internationalen Energieagentur (IEA) mit seinen Szenarien zu geltender, erklärter und Netto-Null-Politik hinzu.

Schritt 4: Anpassungsstrategien entwickeln. Priorisiere nach Robustheit über die Szenarien hinweg: „No-Regret“-Maßnahmen sind unter allen Pfaden sinnvoll (Energieeffizienz, Wassereffizienz, Lieferantendiversifikation), „Low-Regret“-Maßnahmen in den meisten (Erneuerbare, Kreislaufwirtschaft). Dazu kommen flexible Optionen wie modulare Infrastruktur und szenariospezifische Maßnahmen mit klaren Auslösern.

Schritt 5: Dokumentieren und beobachten. Halte je Szenario fest: Pfad, Zeithorizont, Datenquelle, Perzentil und die Begründung, warum genau dieser Pfad für diese Entscheidung gewählt wurde. Wer das in einer halben Seite festhält, muss in der Prüfung nichts rekonstruieren. Szenarien sind keine Prognosen, sondern Explorationswerkzeuge: Prüfe Leitindikatoren quartalsweise, den vollständigen Stand jährlich und anlassbezogen bei großen Investitionen, Übernahmen oder geopolitischen Schocks.

Häufig gestellte Fragen zur Szenario-Auswahl

Was ist der Unterschied zwischen RCP und SSP?
RCP (Representative Concentration Pathways, IPCC AR5) legen nur Treibhausgaskonzentrationen und Strahlungsantrieb fest. SSP (Shared Socioeconomic Pathways, IPCC AR6) ergänzen sozioökonomische Narrative zu Bevölkerung, Wirtschaft, Technologie und Governance. Für europäische Standortanalysen dienen derzeit noch RCP-Szenarien als Hauptdatenbasis, weil EURO-CORDEX die SSPs in 12,5-km-Auflösung noch nicht vollständig liefert. SSP-Daten fließen über Delta-Verarbeitung als Kontrollschicht ein.
Welches Szenario ist für mein Unternehmen das richtige?
Ein einzelnes richtiges Szenario gibt es nicht, SSP und RCP sind Explorationswerkzeuge, keine Prognosen. Für die meisten Mittelständler ist der bewährte Einstieg RCP 4.5 (realistisches Mittelszenario) und RCP 8.5 (Worst Case für physische Risiken). Als dritte Option empfiehlt sich SSP1-2.6 (RCP 2.6), um Transitionsrisiken und regulatorischen Druck zu bewerten.
Warum werden in der Praxis oft noch RCP-Szenarien genutzt, obwohl SSPs aktueller sind?
Weil EURO-CORDEX die SSP-Szenarien noch nicht vollständig durchgerechnet hat. Verfügbare SSP-Daten aus CMIP6 liegen mit rund 100 km Auflösung vor, das reicht für Standortanalysen nicht. Der Ansatz: RCP als hochaufgelöstes Hauptszenario, SSP-Daten über Delta-Verarbeitung als Konsistenzprüfung.
Warum sollten mehrere Szenarien analysiert werden?
Weil die Zukunft unsicher ist und verschiedene Szenarien verschiedene Risikotypen beleuchten. SSP1-2.6 zeigt hohe Transitionsrisiken, SSP5-8.5 extreme physische Risiken, SSP3-7.0 Governance- und Fragmentierungsrisiken. Nur die Kombination zeigt „No-Regret“-Maßnahmen, die unter allen Pfaden tragen, wie die PV-Überdachung im Automobilprojekt.
Was bedeutet SSP5-8.5 (RCP 8.5)?
SSP5-8.5 (das frühere RCP 8.5) ist das energiereichste Klimaszenario: 8,5 W/m² Strahlungsantrieb bis 2100 und rund 4,4 °C globale Erwärmung gegenüber vorindustriellem Niveau (sehr wahrscheinlich 3,3 bis 5,7 °C). Es gilt nicht mehr als wahrscheinlichstes „Business as Usual“, sondern als hochemissiver oberer Rand. In der Klimarisikoanalyse nutzt du es als Stresstest am oberen Risikorand (rund 85. Perzentil), kombiniert mit SSP2-4.5.
Was bedeutet SSP2-4.5?
SSP2-4.5 (entspricht RCP 4.5) ist das realistische Mittelszenario, „Middle of the Road“. Die CO₂-Emissionen bleiben bis zur Jahrhundertmitte etwa auf heutigem Niveau, die Erwärmung liegt bei rund 2,7 °C bis 2100. Es kombiniert moderate physische mit moderaten Transitionsrisiken und ist die übliche Baseline für die mittelfristige Planung.
Was bedeutet SSP1-2.6?
SSP1-2.6 (entspricht RCP 2.6) ist der Paris-aligned Nachhaltigkeitspfad: Die CO₂-Emissionen sinken ab den 2020er-Jahren, Nettonull in der zweiten Jahrhunderthälfte, die Erwärmung bleibt bei rund 1,8 °C. Die physischen Risiken sind niedrig, die Transitionsrisiken hoch. Das 1,5-Grad-Szenario ist SSP1-1.9.
Wurde das Klimaszenario RCP 8.5 / SSP5-8.5 zurückgezogen?
Offiziell zurückgezogen ist RCP 8.5 nicht, aber seine Einordnung hat sich verschoben. Für den 7. IPCC-Sachstandsbericht (CMIP7) stufen van Vuuren et al. (2026) die hochemissive Konzentration von SSP5-8.5 als nicht mehr plausibel ein, das neue High-Szenario baut auf SSP3 auf und liegt darunter. Für die Klimarisikoanalyse bleibt 8.5 nutzbar, nicht als wahrscheinliche Zukunft, sondern als oberer Stress- und Sensitivitätsrand. Der zentrale Planungsfall ist SSP2-4.5 / RCP 4.5. Stand: September 2026.
Woher bekomme ich konkrete Szenariowerte für meine Standorte?
Frei verfügbar sind Copernicus (C3S), der DWD-Klimaatlas, EURO-CORDEX und ISIMIP, mit den Szenarien und Auflösungen aus der Tabelle oben. Sie liefern Rasterwerte, keine Standortaussage. Für die Orientierung reicht das, für eine Entscheidung mit Investitionsvolumen brauchst du eine standortscharfe Auswertung mit Bias-Korrektur und Perzentilen.
Welche Szenarien und Datenquellen gelten für Standorte in Deutschland?
Für Deutschland sind RCP 2.6, 4.5 und 8.5 aus EURO-CORDEX am besten hochaufgelöst verfügbar, der DWD-Klimaatlas bereitet sie für Deutschland und die Bundesländer auf. SSP-Daten aus CMIP6 dienen als Kontrolle. Mein Standardsatz sind SSP2-4.5 und SSP5-8.5, ergänzt um SSP1-2.6, jeweils über die RCP-Entsprechung gerechnet.
Wann sollte eine Szenarioanalyse aktualisiert werden?
Beobachte Leitindikatoren quartalsweise und prüfe die Analyse mindestens jährlich. Anlassbezogen aktualisierst du bei großen Investitionen, Standortwechseln oder wenn sich die Datenbasis ändert, etwa durch neue regionale Läufe.
Wie dokumentiere ich die Wahl des Szenarios prüfungsfest?
Halte je Szenario Pfad, Zeithorizont, Datenquelle und Begründung fest, dazu das Perzentil, das du für welche Entscheidung nutzt, und das Datum der Datenabfrage. Das passt auf eine halbe Seite. Ein Dokument, das ein Prüfer in zwei Minuten versteht, ist selten ein Nachteil.

Neu bei RCP und SSP? Den vollständigen Einstieg in beide Frameworks gibt es hier: RCP & SSP Klimaszenarien: Praxis-Guide 2026.

Johannes Fiegenbaum

Johannes Fiegenbaum

ESG- und Nachhaltigkeitsberater in Hamburg mit Schwerpunkt auf VSME‑Berichterstattung, CO₂-Bilanzen und Klimarisikoanalysen. Arbeitet für Mittelstand, Investoren und Finanzinstitute und hat die VSME-Software VSEasy zusammen mit Kunden entwickelt.

Zur Person