RCP & SSP Klimaszenarien 2026: Komplettanleitung für eure Klimarisikoanalyse
Wie plant ihr für eine Zukunft, die ihr nicht vorhersagen könnt? Die Antwort liegt in der...
Von Johannes Fiegenbaum am 19.07.25 13:25
Dieser Artikel ist Teil meiner Klimaszenarien-Serie. Für eine umfassende Übersicht aller RCP- und SSP-Szenarien, ihre wissenschaftlichen Grundlagen und die Kombination beider Frameworks lest meinen RCP & SSP Klimaszenarien 2026: Komplettanleitung für eure Klimarisikoanalyse.
Die Wahl des richtigen SSP-Szenarios ist entscheidend, um euer Unternehmen auf die Herausforderungen und Chancen des Klimawandels vorzubereiten. Diese Shared Socioeconomic Pathways (SSP) kombinieren sozioökonomische Entwicklungspfade mit Klimaprojektionen und lösen die früheren Representative Concentration Pathways (RCP) ab. Die SSP-Szenarien modellieren nicht nur physische Klimaveränderungen, sondern auch gesellschaftliche Faktoren wie Bevölkerungswachstum, wirtschaftliche Entwicklung, technologische Innovation und Governance-Strukturen – von nachhaltigen Transformationspfaden (SSP1-1.9) bis hin zu fossilen Entwicklungsszenarien (SSP5-8.5).
Die SSP-Szenarien wurden im Rahmen des Sechsten Sachstandsberichts (AR6) des IPCC entwickelt und stellen eine wesentliche Weiterentwicklung gegenüber den RCP dar. Während die RCP ausschließlich auf Treibhausgaskonzentrationen und Strahlungsantrieb fokussierten, integrieren die SSP sozioökonomische Narrative, die es ermöglichen, Anpassungs- und Minderungsherausforderungen differenzierter zu bewerten. Diese Narrative basieren auf wissenschaftlicher Literatur von Forschern wie O'Neill et al. und Riahi et al., die im Journal Global Environmental Change veröffentlicht wurden.
Die SSP-Szenarien unterscheiden sich fundamental durch ihre sozioökonomischen Annahmen und die daraus resultierenden Klimaprojektionen. Jedes Szenario beschreibt eine andere Zukunftsvision – von kooperativen, nachhaltigen Gesellschaften bis hin zu fragmentierten, ressourcenintensiven Welten. Diese unterschiedlichen Entwicklungspfade haben direkte Auswirkungen auf regulatorische Rahmenbedingungen, Marktdynamiken, technologische Verfügbarkeit und gesellschaftliche Erwartungen.
Kernpunkte für eure Entscheidung:
Mit einer klaren Analyse und gezielten Maßnahmen könnt ihr Risiken minimieren, regulatorische Vorgaben wie die CSRD erfüllen und neue Geschäftschancen erkennen. Dieser Leitfaden zeigt euch, wie ihr SSP-Szenarien effektiv in eure Planung integriert.
In diesem Abschnitt analysieren wir die fünf SSP-Szenarien und ihre sozioökonomischen Narrative. Die SSP kombinieren gesellschaftliche Entwicklungspfade mit Klimaprojektionen und ermöglichen so eine differenziertere Bewertung von Anpassungs- und Minderungsherausforderungen als die früheren RCP-Szenarien. Jedes SSP beschreibt eine unterschiedliche Zukunftsvision mit spezifischen Annahmen zu Bevölkerungsentwicklung, wirtschaftlichem Wachstum, Technologiewandel, Energiesystemen und Governance-Strukturen.
SSP1 beschreibt eine Welt, die sich konsequent in Richtung Nachhaltigkeit entwickelt. Dieses Narrativ geht von einer zunehmend kooperativen internationalen Gemeinschaft aus, die Umweltschutz, soziale Gerechtigkeit und wirtschaftliche Entwicklung gleichermaßen priorisiert. Die Bevölkerung erreicht im 21. Jahrhundert ihren Höhepunkt und nimmt danach ab, während Bildung und wirtschaftliche Entwicklung weltweit voranschreiten.
SSP1-1.9 kombiniert den Nachhaltigkeitspfad mit den aggressivsten Klimaschutzmaßnahmen. Der Strahlungsantrieb erreicht im Jahr 2100 etwa 1,9 W/m². Dieses Szenario zielt darauf ab, die globale Erwärmung auf maximal 1,5 °C zu begrenzen – im Einklang mit dem ambitioniertesten Ziel des Pariser Abkommens.
Charakteristika für Unternehmen:
Wann ist SSP1-1.9 relevant?
SSP1-2.6 folgt demselben Nachhaltigkeitsnarrativ, kombiniert es aber mit einem weniger stringenten Klimapfad. Der Strahlungsantrieb erreicht im Jahr 2100 etwa 2,6 W/m². Dieses Szenario zielt darauf ab, die globale Erwärmung unter 2 °C zu halten – das Hauptziel des Pariser Abkommens.
Charakteristika für Unternehmen:
Wann ist SSP1-2.6 relevant?
SSP2 beschreibt eine Zukunft, in der historische Trends weitgehend fortgesetzt werden. Soziale, wirtschaftliche und technologische Entwicklungen verlaufen ungleichmäßig, mit einigen Ländern, die schnelle Fortschritte erzielen, während andere zurückbleiben. Sowohl Anpassungs- als auch Minderungsherausforderungen sind moderat – weder besonders günstig noch besonders ungünstig.
SSP2-4.5 kombiniert das "Middle-of-the-Road"-Narrativ mit mittleren Klimaschutzanstrengungen. Die Emissionen erreichen um 2040 ihren Höhepunkt und gehen danach zurück. Der Strahlungsantrieb beträgt im Jahr 2100 etwa 4,5 W/m². Dieses Szenario führt zu einem Temperaturanstieg zwischen 2 °C und 3 °C.
Charakteristika für Unternehmen:
Wann ist SSP2-4.5 relevant?
SSP3 beschreibt eine zunehmend fragmentierte Welt mit wachsendem Nationalismus, regionalen Konflikten und schwacher internationaler Kooperation. Länder konzentrieren sich auf nationale Sicherheit und Ressourcensicherung, während globale Herausforderungen wie Klimawandel nachrangig behandelt werden. Dieses Szenario ist durch hohe Herausforderungen sowohl für Mitigation als auch für Adaptation gekennzeichnet.
SSP3-7.0 kombiniert das Fragmentierungsnarrativ mit schwachen Klimaschutzmaßnahmen. Die Emissionen steigen bis etwa 2080 weiter an und nehmen dann nur langsam ab. Der Strahlungsantrieb erreicht im Jahr 2100 etwa 7,0 W/m². Dieses Szenario führt zu einem Temperaturanstieg von etwa 3–4 °C bis 2100.
Charakteristika für Unternehmen:
Wann ist SSP3-7.0 relevant?
SSP5 beschreibt eine Welt mit rapidem wirtschaftlichem Wachstum, angetrieben durch intensive Nutzung fossiler Energieträger und ressourcenintensive Lebensstile. Technologische Innovation ist hoch, fokussiert jedoch auf wirtschaftliches Wachstum und Effizienzsteigerung statt auf Nachhaltigkeit. Internationale Märkte sind integriert und Governance-Strukturen effektiv, aber Umweltschutz bleibt nachrangig.
SSP5-8.5 kombiniert die fossile Entwicklung mit den höchsten Treibhausgasemissionen. Der Strahlungsantrieb erreicht im Jahr 2100 etwa 8,5 W/m². Die CO₂-Konzentrationen könnten bis 2100 etwa 2.000 ppm erreichen – fast das Siebenfache der vorindustriellen Werte. Dieses Szenario führt zu einem Temperaturanstieg von rund 4–5 °C bis 2100.
Charakteristika für Unternehmen:
Wann ist SSP5-8.5 relevant?
| Szenario | Temp. 2046–2065 (°C) | Temp. 2081–2100 (°C) | Physische Risiken | Transitorische Risiken | Sozioökonomisches Narrativ |
|---|---|---|---|---|---|
| SSP1-1.9 | 1,3 | 1,4 | Sehr niedrig | Sehr hoch | Nachhaltigkeit, Kooperation |
| SSP1-2.6 | 1,5 | 1,8 | Niedrig | Hoch | Nachhaltigkeit, Kooperation |
| SSP2-4.5 | 1,8 | 2,7 | Mittel | Mittel | Mittlerer Pfad, moderate Entwicklung |
| SSP3-7.0 | 1,9 | 3,6 | Hoch | Niedrig-Mittel | Fragmentierung, Konflikte |
| SSP5-8.5 | 2,4 | 4,4 | Sehr hoch | Niedrig (bis ~2040) | Fossile Entwicklung, hoher Konsum |
Kritischer Hinweis für Unternehmensplanung: Die Unterschiede zwischen den Szenarien bis zur Mitte des Jahrhunderts sind oft geringer als die langfristigen Unterschiede. Das liegt daran, dass das Klimasystem nur langsam auf Veränderungen der Treibhausgase reagiert und sozioökonomische Transformationen Zeit benötigen. Über längere Zeiträume hinweg werden die Unterschiede jedoch fundamental und sollten bei strategischen Entscheidungen mit Zeithorizonten über 2050 hinaus unbedingt berücksichtigt werden.
Ein zentraler Vorteil der SSP-Szenarien gegenüber den früheren RCP ist die Integration sozioökonomischer Narrative. Diese Narrative haben direkte Auswirkungen auf eure Geschäftsstrategie, da sie Faktoren wie Marktgröße, regulatorisches Umfeld, Technologieverfügbarkeit und gesellschaftliche Erwartungen maßgeblich beeinflussen.
Die Bevölkerungsentwicklung variiert stark zwischen den SSP-Szenarien und hat direkte Implikationen für Arbeitsmärkte, Konsumverhalten und Ressourcennachfrage:
Implikationen für Unternehmen:
Die wirtschaftliche Entwicklung beeinflusst sowohl die Nachfrageseite (Kaufkraft, Konsummuster) als auch die Angebotsseite (Investitionskapazität, Technologiezugang):
Strategische Konsequenzen:
Die Geschwindigkeit und Richtung des technologischen Fortschritts variiert erheblich zwischen den Szenarien:
Relevanz für eure Technologiestrategie:
Die Effektivität von Governance-Strukturen und internationaler Kooperation hat direkten Einfluss auf regulatorische Entwicklungen:
Implikationen für Compliance und Strategie:
Die Auswirkungen der SSP-Szenarien unterscheiden sich je nach Branche erheblich. Die Kombination aus sozioökonomischen Entwicklungen und Klimaprojektionen erfordert eine differenzierte Betrachtung für verschiedene Sektoren.
Empfohlene Szenarien: SSP2-4.5, SSP3-7.0, SSP5-8.5
Die Landwirtschaft ist sowohl durch physische Klimarisiken als auch durch sozioökonomische Faktoren stark betroffen. Bevölkerungswachstum, Ernährungsgewohnheiten und Handelsbeziehungen variieren erheblich zwischen den Szenarien.
Szenario-spezifische Auswirkungen:
Konkrete Handlungsempfehlungen:
Empfohlene Szenarien: SSP1-2.6, SSP2-4.5, SSP5-8.5 (vollständiges Spektrum)
Die Energiewirtschaft steht im Zentrum der Transformation. Die SSP-Szenarien beschreiben radikal unterschiedliche Energiesysteme mit direkten Implikationen für Investitionsentscheidungen und Asset-Management.
Strategische Implikationen nach Szenario:
Investment-Entscheidungsmatrix:
Empfohlene Szenarien: SSP1-2.6, SSP2-4.5, SSP3-7.0, SSP5-8.5 (vollständiges Spektrum für Portfolio-Diversifikation)
Finanzinstitute müssen sowohl physische als auch transitorische Risiken über ihr gesamtes Portfolio hinweg bewerten. Die sozioökonomischen Narrative der SSP beeinflussen Ausfallwahrscheinlichkeiten, Asset-Werte und Versicherbarkeit fundamental.
Spezifische Anwendungen nach Geschäftsfeld:
Besondere Herausforderung in SSP3-7.0:
Das Fragmentierungsszenario kombiniert moderate physische Risiken mit sehr hohen sozioökonomischen Risiken. Politische Instabilität, Handelskonflikte und schwache Institutionen erhöhen Ausfallrisiken auch bei moderatem Klimawandel. Dieses Szenario ist oft der "vergessene Worst Case" in der Klimarisikoanalyse.
Empfohlene Szenarien: SSP2-4.5, SSP3-7.0, SSP5-8.5
Immobilien und Infrastruktur haben typischerweise Lebenszyklen von 30-100 Jahren. Die langfristigen Auswirkungen der SSP-Szenarien sind daher besonders kritisch. Neben physischen Risiken spielen auch sozioökonomische Faktoren wie Urbanisierung, Migration und wirtschaftliche Entwicklung eine zentrale Rolle für Asset-Werte.
Kritische Bewertungskriterien nach Szenario:
Praktischer Bewertungsansatz:
Empfohlene Szenarien: SSP2-4.5, SSP3-7.0, SSP5-8.5
Produktionsunternehmen müssen sowohl direkte Standortrisiken als auch Lieferkettenrisiken bewerten. Die SSP-Szenarien haben direkte Implikationen für Handelsbeziehungen, Verfügbarkeit von Rohstoffen und Arbeitskräften sowie regulatorische Anforderungen.
Szenario-spezifische Herausforderungen:
Praktischer Ansatz zur Lieferketten-Resilienz:
Empfohlene Szenarien: SSP1-2.6, SSP2-4.5, SSP3-7.0
Tech-Unternehmen sind weniger durch direkte physische Risiken, aber stark durch regulatorische Entwicklung, Marktnachfrage und Talent-Verfügbarkeit betroffen. Die sozioökonomischen Narrative der SSP beeinflussen diese Faktoren fundamental.
Marktchancen und -risiken:
Besondere Relevanz für SaaS-Unternehmen:
Die Verfügbarkeit von Fachkräften variiert stark zwischen den SSP. In SSP1 (hohe Bildung) sind qualifizierte Entwickler weltweit verfügbar. In SSP3 (niedrige Bildung, Migration-Restriktionen) können Talent-Shortages entstehen, die Remote-Work-Policies und Rekrutierungsstrategien fundamental beeinflussen.
Wie bei den RCP-Szenarien helfen auch die SSP dabei, zwei zentrale Risikotypen zu bewerten: physische Risiken und Übergangsrisiken. Der entscheidende Unterschied: Die SSP integrieren sozioökonomische Faktoren, die beide Risikotypen maßgeblich beeinflussen.
Definition: Physische Risiken entstehen durch die direkten Folgen des Klimawandels – wie Extremwetter, Temperaturanstieg, Überschwemmungen, Dürren und Meeresspiegelanstieg. Die Intensität dieser Risiken wird nicht nur durch die Klimaprojektionen, sondern auch durch sozioökonomische Faktoren wie Bevölkerungsverteilung, Infrastrukturqualität und Anpassungskapazität beeinflusst.
Typische Ausprägungen nach Szenario:
Besonderheit in SSP3: Selbst bei moderaten Klimaveränderungen können schwache Governance und begrenzte Ressourcen zu katastrophalen Auswirkungen führen. Dieses Szenario illustriert, dass Klimarisiken nicht nur vom Ausmaß der physischen Veränderungen, sondern kritisch von der gesellschaftlichen Fähigkeit zur Anpassung abhängen.
Definition: Übergangsrisiken resultieren aus der Umstellung auf eine klimafreundlichere Wirtschaft. Dazu gehören neue Regulierungen, technologische Veränderungen, veränderte Marktbedingungen und gesellschaftliche Erwartungen. Die SSP-Narrative beschreiben unterschiedliche Transformationspfade mit stark variierenden Übergangsrisiken.
Typische Ausprägungen nach Szenario:
Ein zentrales Konzept der SSP ist die Bewertung von "Challenges to Adaptation" und "Challenges to Mitigation". Diese Matrix hilft bei der strategischen Bewertung:
| Szenario | Adaptation Challenges | Mitigation Challenges | Strategische Implikation |
|---|---|---|---|
| SSP1 | Niedrig | Niedrig | Beste Voraussetzungen für Klimaschutz und Anpassung |
| SSP2 | Mittel | Mittel | Moderate Herausforderungen in beiden Bereichen |
| SSP3 | Hoch | Hoch | Worst Case: Hohe Herausforderungen bei Schutz UND Anpassung |
| SSP5 | Niedrig | Hoch | Gute Anpassungskapazität, aber schwierige Dekarbonisierung |
| Unternehmensprofil | Primäres Risiko | Empfohlene Szenarien | Begründung |
|---|---|---|---|
| Fossile Energieunternehmen | Transitorisch | SSP1-2.6, SSP2-4.5, SSP5-8.5 | Stranded Assets, Regulierung, "Late Action"-Risiko |
| Küstennahe Immobilien | Physisch | SSP2-4.5, SSP5-8.5 | Meeresspiegelanstieg, Extremwetter |
| CleanTech-Unternehmen | Marktchancen | SSP1-2.6, SSP2-4.5 | Nachfrage nach Lösungen, Skalierung |
| Landwirtschaft | Physisch + Sozioökonomisch | SSP2-4.5, SSP3-7.0, SSP5-8.5 | Ernteausfälle, Bevölkerungsdruck, Handelskonflikte |
| Globale Lieferketten | Governance + Physisch | SSP2-4.5, SSP3-7.0 | Fragmentierung, Handelskonflikte, Klimadisruption |
| Finanzinstitute | Portfolio-Risiken | Alle SSP | Vollständiges Spektrum für Diversifikation |
Um SSP-Szenarien erfolgreich in eure Unternehmensstrategie zu integrieren, ist ein strukturierter Ansatz erforderlich. Hier der bewährte Prozess, angepasst an die Besonderheiten der SSP:
Beginnt mit einer gründlichen Bestandsaufnahme eurer aktuellen Klimarisiken UND eurer sozioökonomischen Exposures. Die SSP-Integration erfordert eine breitere Perspektive als die früheren RCP-Analysen. Eine finanzielle Wesentlichkeitsanalyse hilft euch, die wichtigsten Handlungsfelder zu priorisieren.
Erweiterte Fragen für die SSP-Bestandsaufnahme:
Physische Exposition:
Sozioökonomische Exposition:
Transitorische Exposition:
Wählt mindestens zwei bis drei SSP aus, um unterschiedliche Zukunftspfade abzudecken. Eine gängige Kombination ist SSP1-2.6 (optimistisch), SSP2-4.5 (realistisch) und SSP5-8.5 (pessimistisch). Je nach Geschäftsmodell kann auch SSP3-7.0 kritisch sein.
Erweiterte Entscheidungsmatrix:
Die SSP-Analyse erfordert sowohl Klimadaten als auch sozioökonomische Projektionen. Nutzt verfügbare Datenquellen, um die Auswirkungen der gewählten Szenarien auf euer Unternehmen zu analysieren.
Empfohlene Datenquellen:
Klimadaten:
Sozioökonomische Daten:
Sektor-spezifisch:
Integrations-Framework:
Basierend auf den Multi-Dimensionalen Analysen entwickelt ihr konkrete Maßnahmen. Die SSP-Integration ermöglicht differenziertere Strategien als die früheren RCP-Analysen, da ihr sozioökonomische Faktoren explizit berücksichtigt.
Erweitertes Priorisierungs-Framework:
Sozioökonomisch-informierte Strategien:
Die SSP-Szenarien sind keine Prognosen, sondern Explorationswerkzeuge. Setzt die entwickelten Strategien um, aber etabliert ein adaptives Monitoring-System, das sowohl Klimaindikatoren als auch sozioökonomische Signale verfolgt.
Erweiterter Monitoring-Rhythmus:
Adaptive Management-Prinzipien:
Die Berücksichtigung von SSP-Szenarien ist nicht nur eine strategische Entscheidung, sondern wird zunehmend zur regulatorischen Pflicht. Mit der ab 2024 geltenden Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) müssen Unternehmen detaillierte Informationen zu ihren Klimarisiken und -strategien offenlegen.
Die CSRD verlangt von Unternehmen, dass sie ihre Klimarisiken anhand von Szenarien bewerten. Während die Regulation technologieneutral formuliert ist, haben sich die SSP-Szenarien als Standard etabliert, da sie die aktuellsten wissenschaftlichen Erkenntnisse des IPCC AR6 widerspiegeln.
Mindestanforderungen nach ESRS E1:
Best Practice für SSP-Kommunikation in CSRD:
Neben regulatorischen Vorgaben spielen auch die Erwartungen von Investoren, Kunden und anderen Stakeholdern eine wichtige Rolle. Eine Studie der Europäischen Investitionsbank (EIB) zeigt, dass 79% der Verbraucher in Deutschland erwarten, dass Unternehmen konkrete Maßnahmen gegen den Klimawandel ergreifen. Transparente Klimastrategien, die auf fundierten Szenarien basieren, sind daher unverzichtbar.
Besondere Stakeholder-Gruppen und ihre SSP-Perspektiven:
Um regulatorische Anforderungen zu erfüllen und Stakeholder zu überzeugen, solltet ihr:
Die Wahl des passenden SSP-Szenarios ist ein zentraler Baustein für eure langfristige Unternehmensstrategie. Diese Szenarien gehen über die früheren RCP hinaus und integrieren sozioökonomische Entwicklungspfade mit Klimaprojektionen. Sie beschreiben radikal unterschiedliche Zukünfte – von kooperativen, nachhaltigen Transformationen (SSP1) bis hin zu fragmentierten, ressourcenintensiven Welten (SSP3/SSP5) – und erfordern jeweils unterschiedliche strategische Maßnahmen.
Zentrale Erkenntnisse für eure Praxis:
Bei der Auswahl des Szenarios solltet ihr drei wesentliche Aspekte berücksichtigen:
Ein sinnvoller Einstieg ist eine finanzielle Wesentlichkeitsanalyse, die sowohl klimabezogene als auch sozioökonomische Risiken beleuchtet. Diese Analyse hilft euch, die finanziell wichtigsten Handlungsfelder zu identifizieren. Darauf aufbauend könnt ihr einen klaren und nachvollziehbaren Prozess für die SSP-Szenarioanalyse etablieren – inklusive Governance-Dokumenten, Datenquellen und Bewertungsmethoden.
Sobald die Kernbereiche definiert und der Analyseprozess steht, passt die Ergebnisse an euren spezifischen Unternehmenskontext an. Berücksichtigt dabei die Besonderheiten eurer Branche, geografischen Exposure und sozioökonomischen Abhängigkeiten. So stärkt ihr das Vertrauen eurer Stakeholder und zeigt, dass ihr auf die individuellen Herausforderungen eures Unternehmens eingeht.
Da sich sowohl Klimaprojektionen als auch sozioökonomische Entwicklungen laufend ändern, ist es wichtig, eure Annahmen regelmäßig zu überprüfen. Integriert neue Erkenntnisse zu Technologien, politischen Maßnahmen und gesellschaftlichen Trends, damit eure Strategie auch unter sich verändernden Rahmenbedingungen relevant und umsetzbar bleibt.
Für weitere Details zur Integration von SSP und RCP sowie umfassende Informationen zu Datenquellen, Tools und regionalen Klimaprojektionen für Deutschland, siehe meinen Hauptartikel zu Klimaszenarien.
SSP steht für Shared Socioeconomic Pathways, auf Deutsch: geteilte sozioökonomische Entwicklungspfade. Diese Szenarien wurden vom Weltklimarat (IPCC) im Rahmen des Sechsten Sachstandsberichts (AR6) entwickelt und lösen die früheren Representative Concentration Pathways (RCP) ab. Die SSP kombinieren sozioökonomische Narrative mit Klimaprojektionen und ermöglichen so eine differenziertere Bewertung von Anpassungs- und Minderungsherausforderungen. Jedes SSP beschreibt eine unterschiedliche Zukunftsvision mit spezifischen Annahmen zu Bevölkerungsentwicklung, wirtschaftlichem Wachstum, technologischer Innovation, Governance-Strukturen und Energiesystemen. Die Szenarien reichen von SSP1 (Nachhaltigkeit) über SSP2 (mittlerer Pfad), SSP3 (Fragmentierung) bis zu SSP5 (fossile Entwicklung).
Die Frage nach dem "realistischen" Szenario lässt sich nicht pauschal beantworten, da dies von zukünftigen politischen Entscheidungen, technologischen Entwicklungen und gesellschaftlichen Veränderungen abhängt. Die SSP sind keine Prognosen, sondern Explorationswerkzeuge für verschiedene plausible Zukünfte. Aktuell (Stand 2026) bewegt sich die reale Entwicklung zwischen SSP2-4.5 und SSP3-7.0, mit Elementen aus verschiedenen Narrativen je nach Region und Sektor.
Einige Indikatoren deuten auf bestimmte Entwicklungen hin: Die globale Energiewende beschleunigt sich (SSP1/SSP2-Elemente), gleichzeitig nehmen geopolitische Fragmentierung und Handelskonflikte zu (SSP3-Elemente). Technologische Innovation ist hoch (SSP1/SSP5-Elemente), aber die internationale Klimakooperation bleibt schwach (SSP2/SSP3-Elemente).
Für eure Unternehmensplanung empfiehlt sich daher ein Multi-Szenario-Ansatz: Nutzt SSP2-4.5 als "Most Likely"-Baseline, SSP1-2.6 für Best-Case-Analysen (besonders relevant für Compliance und Sustainable Finance) und SSP3-7.0 oder SSP5-8.5 für Worst-Case-Stress-Tests. Diese Kombination deckt das relevante Spektrum an Unsicherheiten ab.
RCP (Representative Concentration Pathways) und SSP (Shared Socioeconomic Pathways) sind komplementäre, aber unterschiedliche Szenario-Frameworks:
RCP (verwendet im IPCC AR5, 2013):
SSP (verwendet im IPCC AR6, 2021):
Für moderne Klimarisikoanalysen solltet ihr primär SSP verwenden, da sie den aktuellen wissenschaftlichen Stand (IPCC AR6) widerspiegeln und sozioökonomische Faktoren explizit berücksichtigen. Die RCP bleiben als "Shorthand" für Klimapfade relevant (z.B. "ein 2.6 W/m² Pfad"), aber die SSP bieten den vollständigeren Framework für strategische Entscheidungen.
Unternehmen können SSP-Szenarien effektiv in ihre strategische Planung einbinden, indem sie einen strukturierten, Multi-Dimensionalen Ansatz verfolgen:
Kritisch ist die Dokumentation: Erklärt transparent, warum ihr bestimmte SSP gewählt habt, welche Annahmen ihr getroffen habt und wie sich eure Strategie unter verschiedenen Szenarien verhält. Dies ist nicht nur für CSRD-Compliance relevant, sondern auch für Stakeholder-Kommunikation und interne Entscheidungsfindung.
Die Berücksichtigung mehrerer SSP-Szenarien ist aus mehreren Gründen essentiell:
1. Zukunft ist fundamental unsicher: Die SSP beschreiben radikal unterschiedliche Zukünfte, deren Eintrittswahrscheinlichkeit heute nicht bestimmbar ist. Ein Single-Szenario-Ansatz würde eine Scheinsicherheit erzeugen und kritische Risiken ausblenden.
2. Verschiedene Unsicherheitsdimensionen: Ein Multi-Szenario-Ansatz deckt sowohl klimatische Unsicherheiten (wie stark erwärmt sich das Klima?) als auch sozioökonomische Unsicherheiten (wie entwickeln sich Gesellschaft, Wirtschaft, Technologie?) ab.
3. Identifikation robuster Strategien: Maßnahmen, die unter MEHREREN Szenarien vorteilhaft sind ("No-Regret" oder "Low-Regret"), sollten priorisiert werden. Dies ist nur durch Multi-Szenario-Analyse erkennbar.
4. Vorbereitung auf verschiedene Risikotypen:
5. Regulatorische Anforderungen: Die CSRD verlangt explizit Multi-Szenario-Analysen (mindestens 2, empfohlen 3 Szenarien).
6. Stakeholder-Erwartungen: Investoren, Versicherer und Kunden erwarten zunehmend differenzierte Szenarioanalysen, die verschiedene Risikodimensionen abdecken.
7. Adaptive Kapazität: Multi-Szenario-Planung zwingt zur Entwicklung flexibler Strategien und Trigger-basierter Entscheidungslogiken, die bei veränderten Rahmenbedingungen anpassbar sind.
Praktisch bedeutet dies: Startet mit 2-3 Szenarien, die eure kritischsten Unsicherheiten abdecken. Dokumentiert transparent, wie eure Strategie unter jedem Szenario funktioniert und wo kritische Schwellenwerte liegen. Etabliert Monitoring-Systeme, um zu verfolgen, welches Szenario sich als am plausibelsten erweist, und passt eure Strategie entsprechend an.
Die Auswirkungen der SSP-Szenarien variieren erheblich zwischen Branchen, da verschiedene Sektoren unterschiedlich stark durch physische Risiken, transitorische Risiken und sozioökonomische Faktoren betroffen sind:
Landwirtschaft: Stark betroffen durch physische Risiken (alle Szenarien ab SSP2), aber besonders kritisch in SSP3-7.0 (hohes Bevölkerungswachstum + klimatische Risiken + schwache Kooperation = Nahrungsmittelkrise). Sozioökonomische Faktoren wie Handelspolitik und Technologiezugang können wichtiger sein als reine Klimaveränderungen.
Energiewirtschaft: Radikal unterschiedliche Transformationspfade. SSP1 erfordert schnellen, aber geplanten Ausstieg aus Fossilen. SSP5 beschreibt fortgesetzte fossile Dominanz mit extremen Stranded-Asset-Risiken bei späteren abrupten Politikänderungen. SSP3 zeigt fragmentierte Energiesysteme mit regionalen Lock-ins.
Finanzdienstleister: Müssen Portfolio-Risiken über alle SSP bewerten. Besonders kritisch: SSP3-7.0 kombiniert moderate Klimarisiken mit sehr hohen sozioökonomischen Risiken (Governance, politische Stabilität), was oft unterschätzt wird.
Produzierende Industrie: Lieferketten besonders vulnerabel in SSP3 (Fragmentierung, Handelskonflikte) und SSP5 (physische Disruption). Standortentscheidungen müssen beide Dimensionen berücksichtigen.
Technologie/Software: Weniger physische Risiken, aber stark betroffen durch regulatorische Entwicklung (SSP1: stringent, SSP3: fragmentiert) und Marktnachfrage (SSP1: hohe Nachfrage nach Clean Tech, SSP5: hohe Nachfrage bei Energie-Effizienz).
Für eure spezifische Branche empfiehlt sich eine differenzierte Analyse: Bewertet nicht nur die Klimaprojektionen, sondern auch wie sozioökonomische Faktoren eure Geschäftsrisiken und -chancen beeinflussen. Die Integration beider Dimensionen ist der zentrale Mehrwert der SSP gegenüber den früheren RCP-Szenarien und ermöglicht strategischere Entscheidungen.
ESG- und Nachhaltigkeitsberater mit Schwerpunkt auf VSME‑Berichterstattung und Klimarisikoanalysen. Begleitet seit 2014 über 300 Projekte für den Mittelstand und Konzerne – unter anderem Commerzbank, UBS und Allianz.
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