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SSP 2.6 vs 4.5 vs 8.5: Welches Klimaszenario für euer Unternehmen? [2026 Guide]

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Dieser Artikel ist Teil meiner Klimaszenarien-Serie. Für eine umfassende Übersicht aller RCP- und SSP-Szenarien, ihre wissenschaftlichen Grundlagen und die Kombination beider Frameworks lest meinen RCP & SSP Klimaszenarien 2026: Komplettanleitung für eure Klimarisikoanalyse.

Die Wahl des richtigen SSP-Szenarios ist entscheidend, um euer Unternehmen auf die Herausforderungen und Chancen des Klimawandels vorzubereiten. Diese Shared Socioeconomic Pathways (SSP) kombinieren sozioökonomische Entwicklungspfade mit Klimaprojektionen und lösen die früheren Representative Concentration Pathways (RCP) ab. Die SSP-Szenarien modellieren nicht nur physische Klimaveränderungen, sondern auch gesellschaftliche Faktoren wie Bevölkerungswachstum, wirtschaftliche Entwicklung, technologische Innovation und Governance-Strukturen – von nachhaltigen Transformationspfaden (SSP1-1.9) bis hin zu fossilen Entwicklungsszenarien (SSP5-8.5).

Die SSP-Szenarien wurden im Rahmen des Sechsten Sachstandsberichts (AR6) des IPCC entwickelt und stellen eine wesentliche Weiterentwicklung gegenüber den RCP dar. Während die RCP ausschließlich auf Treibhausgaskonzentrationen und Strahlungsantrieb fokussierten, integrieren die SSP sozioökonomische Narrative, die es ermöglichen, Anpassungs- und Minderungsherausforderungen differenzierter zu bewerten. Diese Narrative basieren auf wissenschaftlicher Literatur von Forschern wie O'Neill et al. und Riahi et al., die im Journal Global Environmental Change veröffentlicht wurden.

Warum die Szenario-Auswahl geschäftskritisch ist

Die SSP-Szenarien unterscheiden sich fundamental durch ihre sozioökonomischen Annahmen und die daraus resultierenden Klimaprojektionen. Jedes Szenario beschreibt eine andere Zukunftsvision – von kooperativen, nachhaltigen Gesellschaften bis hin zu fragmentierten, ressourcenintensiven Welten. Diese unterschiedlichen Entwicklungspfade haben direkte Auswirkungen auf regulatorische Rahmenbedingungen, Marktdynamiken, technologische Verfügbarkeit und gesellschaftliche Erwartungen.

Kernpunkte für eure Entscheidung:

  • SSP1-1.9/2.6: Nachhaltigkeitspfad mit niedrigen Emissionen, starkem Fokus auf Übergangsrisiken und schneller Transformation
  • SSP2-4.5: "Middle-of-the-Road"-Szenario mit moderaten Herausforderungen für Mitigation und Adaptation
  • SSP3-7.0: Fragmentierte Welt mit hohen Herausforderungen für Mitigation und Adaptation, regionalen Konflikten
  • SSP5-8.5: Fossile Entwicklung mit hohen Emissionen und extremen physischen Risiken
  • Bis 2050: Unterschiede zwischen Szenarien teilweise gering, langfristig jedoch fundamental
  • Empfehlung: Nutzt mindestens zwei bis drei Szenarien, um Unsicherheiten und verschiedene sozioökonomische Entwicklungen abzudecken

Mit einer klaren Analyse und gezielten Maßnahmen könnt ihr Risiken minimieren, regulatorische Vorgaben wie die CSRD erfüllen und neue Geschäftschancen erkennen. Dieser Leitfaden zeigt euch, wie ihr SSP-Szenarien effektiv in eure Planung integriert.

Shared Socioeconomic Pathways (SSPs): Die fünf Zukunftspfade im Detail

In diesem Abschnitt analysieren wir die fünf SSP-Szenarien und ihre sozioökonomischen Narrative. Die SSP kombinieren gesellschaftliche Entwicklungspfade mit Klimaprojektionen und ermöglichen so eine differenziertere Bewertung von Anpassungs- und Minderungsherausforderungen als die früheren RCP-Szenarien. Jedes SSP beschreibt eine unterschiedliche Zukunftsvision mit spezifischen Annahmen zu Bevölkerungsentwicklung, wirtschaftlichem Wachstum, Technologiewandel, Energiesystemen und Governance-Strukturen.

SSP1: Nachhaltigkeit – "Taking the Green Road"

SSP1 beschreibt eine Welt, die sich konsequent in Richtung Nachhaltigkeit entwickelt. Dieses Narrativ geht von einer zunehmend kooperativen internationalen Gemeinschaft aus, die Umweltschutz, soziale Gerechtigkeit und wirtschaftliche Entwicklung gleichermaßen priorisiert. Die Bevölkerung erreicht im 21. Jahrhundert ihren Höhepunkt und nimmt danach ab, während Bildung und wirtschaftliche Entwicklung weltweit voranschreiten.

Sozioökonomische Charakteristika:

  • Niedrige Bevölkerungswachstumsraten durch hohe Bildungsniveaus weltweit
  • Starke internationale Kooperation und effektive Governance-Strukturen
  • Schnelle technologische Innovation mit Fokus auf saubere Technologien
  • Abnehmende wirtschaftliche Ungleichheit zwischen und innerhalb von Ländern
  • Priorität auf umweltfreundlichem Konsum und Ressourceneffizienz
  • Schneller Übergang zu erneuerbaren Energien und Elektromobilität

SSP1-1.9: Das ambitionierteste Klimaschutzszenario

SSP1-1.9 kombiniert den Nachhaltigkeitspfad mit den aggressivsten Klimaschutzmaßnahmen. Der Strahlungsantrieb erreicht im Jahr 2100 etwa 1,9 W/m². Dieses Szenario zielt darauf ab, die globale Erwärmung auf maximal 1,5 °C zu begrenzen – im Einklang mit dem ambitioniertesten Ziel des Pariser Abkommens.

Charakteristika für Unternehmen:

  • Nettonull-Emissionen bis spätestens 2050 erforderlich
  • Massive Carbon Removal-Technologien ab 2030
  • Sehr hohe transitorische Risiken durch disruptive Transformation
  • Schneller Phase-out fossiler Energieträger (Kohle bis 2030, Öl/Gas bis 2040)
  • Stranded-Asset-Risiken für fossile und CO₂-intensive Infrastruktur extrem hoch

Wann ist SSP1-1.9 relevant?

  • Für Best-Case-Szenarien in der CSRD-Berichterstattung
  • Bei Investitionen in Carbon Removal und Negative Emissions Technologies
  • Für Unternehmen, die von sehr ambitionierter Klimapolitik profitieren
  • Wenn eure Geschäftsmodelle auf 1,5°C-Alignment ausgerichtet sind

SSP1-2.6: Nachhaltigkeit mit 2°C-Ziel

SSP1-2.6 folgt demselben Nachhaltigkeitsnarrativ, kombiniert es aber mit einem weniger stringenten Klimapfad. Der Strahlungsantrieb erreicht im Jahr 2100 etwa 2,6 W/m². Dieses Szenario zielt darauf ab, die globale Erwärmung unter 2 °C zu halten – das Hauptziel des Pariser Abkommens.

Charakteristika für Unternehmen:

  • CO₂-Emissionen sinken ab 2020 kontinuierlich, Nettonull bis 2070
  • Schnelle, aber planbare Transformation zu erneuerbaren Energien
  • Hohe transitorische Risiken, aber mit Anpassungszeit
  • Moderate physische Risiken durch begrenzte Erwärmung
  • Wachsende Märkte für Clean Tech und nachhaltige Lösungen

Wann ist SSP1-2.6 relevant?

  • Als Paris-aligned Szenario für CSRD und TCFD-Reporting
  • Für strategische Planung bei erneuerbaren Energien und CleanTech
  • Bei Investitionen in klimaneutrale Technologien mit realistischem Zeithorizont
  • Wenn eure Branche von nachhaltiger Transformation profitiert

SSP2: "Middle of the Road" – Moderater Wandel

SSP2 beschreibt eine Zukunft, in der historische Trends weitgehend fortgesetzt werden. Soziale, wirtschaftliche und technologische Entwicklungen verlaufen ungleichmäßig, mit einigen Ländern, die schnelle Fortschritte erzielen, während andere zurückbleiben. Sowohl Anpassungs- als auch Minderungsherausforderungen sind moderat – weder besonders günstig noch besonders ungünstig.

Sozioökonomische Charakteristika:

  • Mittleres Bevölkerungswachstum, Weltbevölkerung erreicht ca. 9 Milliarden bis 2100
  • Fortbestehende, teils wachsende Ungleichheit zwischen Ländern
  • Moderate technologische Entwicklung ohne Durchbrüche
  • Teilweise effektive, aber fragmentierte Governance-Strukturen
  • Langsamer Übergang zu nachhaltigeren Produktions- und Konsummustern
  • Schrittweiser, aber unvollständiger Ausstieg aus fossilen Energien

SSP2-4.5: Das realistische Mittelszenario

SSP2-4.5 kombiniert das "Middle-of-the-Road"-Narrativ mit mittleren Klimaschutzanstrengungen. Die Emissionen erreichen um 2040 ihren Höhepunkt und gehen danach zurück. Der Strahlungsantrieb beträgt im Jahr 2100 etwa 4,5 W/m². Dieses Szenario führt zu einem Temperaturanstieg zwischen 2 °C und 3 °C.

Charakteristika für Unternehmen:

  • Balance zwischen physischen und transitorischen Risiken
  • Moderater, schrittweiser Ausbau erneuerbarer Energien
  • Graduelle regulatorische Verschärfungen ohne Schocks
  • Zeit für strukturelle Anpassungen vorhanden
  • Realistische "Most Likely"-Annahme für viele Branchen
  • Persistierende regionale Unterschiede in Klimapolitik und Wirtschaftsentwicklung

Wann ist SSP2-4.5 relevant?

  • Als zentrales Szenario für mittelfristige Planung (10-30 Jahre)
  • Für ausgewogene Risiko-Chancen-Bewertungen in der Klimarisikoanalyse
  • Bei Investitionen mit mittlerer Lebensdauer (15-30 Jahre)
  • Als Baseline für viele CSRD-Analysen und Scenario Planning
  • Wenn realistische Einschätzung wichtiger ist als Best/Worst-Case-Szenarien

SSP3: Regionale Rivalität – "A Rocky Road"

SSP3 beschreibt eine zunehmend fragmentierte Welt mit wachsendem Nationalismus, regionalen Konflikten und schwacher internationaler Kooperation. Länder konzentrieren sich auf nationale Sicherheit und Ressourcensicherung, während globale Herausforderungen wie Klimawandel nachrangig behandelt werden. Dieses Szenario ist durch hohe Herausforderungen sowohl für Mitigation als auch für Adaptation gekennzeichnet.

Sozioökonomische Charakteristika:

  • Hohes Bevölkerungswachstum in Entwicklungsländern, niedrige Bildungsniveaus
  • Starke Zunahme wirtschaftlicher und sozialer Ungleichheit
  • Fragmentierte Governance mit schwachen internationalen Institutionen
  • Langsame technologische Entwicklung, begrenzte Diffusion von Innovationen
  • Fortgesetzte Abhängigkeit von fossilen Energieträgern
  • Protektionismus und eingeschränkter internationaler Handel
  • Fokus auf kurzfristige Ressourcensicherung statt nachhaltiger Entwicklung

SSP3-7.0: Fragmentierte Welt mit hohen Klimarisiken

SSP3-7.0 kombiniert das Fragmentierungsnarrativ mit schwachen Klimaschutzmaßnahmen. Die Emissionen steigen bis etwa 2080 weiter an und nehmen dann nur langsam ab. Der Strahlungsantrieb erreicht im Jahr 2100 etwa 7,0 W/m². Dieses Szenario führt zu einem Temperaturanstieg von etwa 3–4 °C bis 2100.

Charakteristika für Unternehmen:

  • Hohe physische Risiken durch begrenzte Klimaschutzmaßnahmen
  • Sehr hohe Anpassungsherausforderungen in anfälligen Regionen
  • Fragmentierte regulatorische Landschaft erschwert globale Lieferketten
  • Handelsbarrieren und Ressourcenkonflikte beeinträchtigen internationale Geschäfte
  • Technologietransfer eingeschränkt, höhere Innovationskosten
  • Extremwetterereignisse nehmen deutlich zu
  • Ressourcenknappheit (Wasser, Nahrungsmittel) verschärft sich regional dramatisch

Wann ist SSP3-7.0 relevant?

  • Als pessimistisches Szenario für Stress-Tests
  • Bei Bewertung geopolitischer Risiken und Lieferkettenresilienz
  • Für Unternehmen mit starker Exposure in geopolitisch instabilen Regionen
  • Wenn Worst-Case-Kombinationen aus physischen und sozioökonomischen Risiken analysiert werden sollen
  • Für langfristige Infrastruktur- und Standortentscheidungen in vulnerablen Regionen

SSP5: Fossile Entwicklung – "Taking the Highway"

SSP5 beschreibt eine Welt mit rapidem wirtschaftlichem Wachstum, angetrieben durch intensive Nutzung fossiler Energieträger und ressourcenintensive Lebensstile. Technologische Innovation ist hoch, fokussiert jedoch auf wirtschaftliches Wachstum und Effizienzsteigerung statt auf Nachhaltigkeit. Internationale Märkte sind integriert und Governance-Strukturen effektiv, aber Umweltschutz bleibt nachrangig.

Sozioökonomische Charakteristika:

  • Niedrige Bevölkerungswachstumsraten durch hohe Bildung und Urbanisierung
  • Sehr hohes wirtschaftliches Wachstum mit Fokus auf Konsum
  • Schnelle technologische Innovation in allen Bereichen außer Clean Energy
  • Effektive globale Märkte und Institutionen
  • Hoher Energieverbrauch und ressourcenintensive Lebensstile
  • Fortgesetzte Dominanz fossiler Energieträger
  • Vertrauen in technologische Lösungen statt fundamentale Systemänderungen

SSP5-8.5: "Business as Usual" mit extremen physischen Risiken

SSP5-8.5 kombiniert die fossile Entwicklung mit den höchsten Treibhausgasemissionen. Der Strahlungsantrieb erreicht im Jahr 2100 etwa 8,5 W/m². Die CO₂-Konzentrationen könnten bis 2100 etwa 2.000 ppm erreichen – fast das Siebenfache der vorindustriellen Werte. Dieses Szenario führt zu einem Temperaturanstieg von rund 4–5 °C bis 2100.

Charakteristika für Unternehmen:

  • Höchste physische Risiken: Extremwetter, Dürren, Überschwemmungen nehmen dramatisch zu
  • Massive Veränderungen bei Temperatur und Niederschlagsmustern
  • Meeresspiegelanstieg von bis zu 1 Meter bis 2100, danach weiter steigend
  • Hitzewellen und Starkregenereignisse werden zur Normalität
  • Kritisch für langfristige Standort- und Infrastrukturentscheidungen
  • Niedrige transitorische Risiken bis ca. 2040, dann abrupte Politikänderungen möglich
  • Potenziell disruptive "Late Action"-Szenarien ab Mitte des Jahrhunderts

Wann ist SSP5-8.5 relevant?

  • Für Worst-Case-Analysen physischer Klimarisiken und Stress-Tests
  • Bei Bewertung langfristiger physischer Klimarisiken (50+ Jahre)
  • Für Immobilien und Infrastruktur mit sehr langen Lebenszyklen
  • Als obere Grenze in CSRD-Szenarioanalysen
  • Für Versicherungs-Underwriting bei extremen Wetterrisiken
  • Bei Bewertung von "Late Action"-Risiken und abrupten Politikänderungen

Temperaturentwicklung und Klimaauswirkungen im Vergleich

Szenario Temp. 2046–2065 (°C) Temp. 2081–2100 (°C) Physische Risiken Transitorische Risiken Sozioökonomisches Narrativ
SSP1-1.9 1,3 1,4 Sehr niedrig Sehr hoch Nachhaltigkeit, Kooperation
SSP1-2.6 1,5 1,8 Niedrig Hoch Nachhaltigkeit, Kooperation
SSP2-4.5 1,8 2,7 Mittel Mittel Mittlerer Pfad, moderate Entwicklung
SSP3-7.0 1,9 3,6 Hoch Niedrig-Mittel Fragmentierung, Konflikte
SSP5-8.5 2,4 4,4 Sehr hoch Niedrig (bis ~2040) Fossile Entwicklung, hoher Konsum

Kritischer Hinweis für Unternehmensplanung: Die Unterschiede zwischen den Szenarien bis zur Mitte des Jahrhunderts sind oft geringer als die langfristigen Unterschiede. Das liegt daran, dass das Klimasystem nur langsam auf Veränderungen der Treibhausgase reagiert und sozioökonomische Transformationen Zeit benötigen. Über längere Zeiträume hinweg werden die Unterschiede jedoch fundamental und sollten bei strategischen Entscheidungen mit Zeithorizonten über 2050 hinaus unbedingt berücksichtigt werden.

Sozioökonomische Dimensionen: Warum sie für eure Strategie entscheidend sind

Ein zentraler Vorteil der SSP-Szenarien gegenüber den früheren RCP ist die Integration sozioökonomischer Narrative. Diese Narrative haben direkte Auswirkungen auf eure Geschäftsstrategie, da sie Faktoren wie Marktgröße, regulatorisches Umfeld, Technologieverfügbarkeit und gesellschaftliche Erwartungen maßgeblich beeinflussen.

Bevölkerungsentwicklung und Arbeitsmärkte

Die Bevölkerungsentwicklung variiert stark zwischen den SSP-Szenarien und hat direkte Implikationen für Arbeitsmärkte, Konsumverhalten und Ressourcennachfrage:

  • SSP1: Niedrige Geburtenraten durch hohe Bildung, Bevölkerungspeak bei ca. 8,5 Mrd. (2050), danach Rückgang → Fokus auf Produktivität, Automatisierung, alternde Gesellschaften
  • SSP2: Mittleres Wachstum auf ca. 9 Mrd. bis 2100, regionale Unterschiede → Differenzierte Marktstrategien nach Region erforderlich
  • SSP3: Hohes Wachstum auf über 12 Mrd., vor allem in Entwicklungsländern → Große junge Bevölkerung, aber geringe Kaufkraft, hohe Anpassungsherausforderungen
  • SSP5: Niedrige Geburtenraten wie SSP1, aber durch Wohlstand und Urbanisierung → Hohe Kaufkraft, aber ressourcenintensive Nachfrage

Implikationen für Unternehmen:

  • Langfristige Personalplanung und Rekrutierungsstrategien
  • Marktpotenzial-Bewertung nach Regionen und Demografien
  • Produkt- und Serviceportfolio-Anpassung an Altersstrukturen
  • Investitionsentscheidungen in Automatisierung und KI (besonders in SSP1/SSP5)

Wirtschaftswachstum und Kaufkraft

Die wirtschaftliche Entwicklung beeinflusst sowohl die Nachfrageseite (Kaufkraft, Konsummuster) als auch die Angebotsseite (Investitionskapazität, Technologiezugang):

  • SSP1: Moderates, aber nachhaltiges Wachstum mit Fokus auf Lebensqualität → Premiummarkt für nachhaltige Produkte wächst stark
  • SSP2: Ungleichmäßiges Wachstum, persistierende Income Gaps → Differenzierte Preisstrategien erforderlich
  • SSP3: Niedriges Wachstum, zunehmende Armut in vielen Regionen → Fokus auf Low-Cost-Lösungen, Basisversorgung
  • SSP5: Sehr hohes Wachstum, globale Mittelschicht wächst massiv → Hohe Nachfrage nach Premium-Produkten, aber auch ressourcenintensiven Gütern

Strategische Konsequenzen:

  • Preispositionierung und Produktsegmentierung
  • Investitionskapazität für CO₂-Reduktionsmaßnahmen
  • Verfügbarkeit von Finanzierungen und Förderprogrammen
  • Marktchancen für verschiedene Produktkategorien

Technologische Innovation und Diffusion

Die Geschwindigkeit und Richtung des technologischen Fortschritts variiert erheblich zwischen den Szenarien:

  • SSP1: Schnelle Innovation bei Clean Tech, breite Diffusion durch Kooperation → Early-Mover-Vorteile bei nachhaltigen Technologien
  • SSP2: Moderate Innovation, ungleichmäßige Diffusion → Technology Gaps zwischen Regionen bleiben bestehen
  • SSP3: Langsame Innovation, begrenzte Diffusion durch Fragmentierung → Technologiezugang wird Wettbewerbsfaktor
  • SSP5: Sehr schnelle Innovation, aber Fokus auf Effizienz statt Nachhaltigkeit → Risiko von Carbon Lock-in bei Infrastruktur

Relevanz für eure Technologiestrategie:

  • Timing von Technologieinvestitionen und -adoption
  • Verfügbarkeit und Kosten von Clean-Tech-Lösungen
  • Wettbewerbsvorteile durch Technologieführerschaft
  • Risiko von Stranded Assets bei veralteten Technologien

Governance und Regulierung

Die Effektivität von Governance-Strukturen und internationaler Kooperation hat direkten Einfluss auf regulatorische Entwicklungen:

  • SSP1: Starke internationale Kooperation, effektive Global Governance → Harmonisierte, stringente Klimaregulierung weltweit
  • SSP2: Fragmentierte Governance, moderate Regulierung → Unterschiedliche Standards je nach Region und Sektor
  • SSP3: Schwache Governance, Nationalismus → Fragmentierte, inkonsistente Regulierung, Handelskonflikte
  • SSP5: Effektive Governance für Wirtschaftswachstum, aber schwach bei Umweltschutz → Späte, dann abrupte Regulierungsänderungen möglich

Implikationen für Compliance und Strategie:

  • Planbarkeit regulatorischer Anforderungen
  • Kosten für Multi-Jurisdiction-Compliance
  • Risiko abrupter Politikänderungen
  • Wettbewerbsverzerrungen durch unterschiedliche Regulierung

Wie verschiedene Branchen betroffen sind: Praktische Szenario-Auswahl

Die Auswirkungen der SSP-Szenarien unterscheiden sich je nach Branche erheblich. Die Kombination aus sozioökonomischen Entwicklungen und Klimaprojektionen erfordert eine differenzierte Betrachtung für verschiedene Sektoren.

Landwirtschaft und Lebensmittelindustrie

Empfohlene Szenarien: SSP2-4.5, SSP3-7.0, SSP5-8.5

Die Landwirtschaft ist sowohl durch physische Klimarisiken als auch durch sozioökonomische Faktoren stark betroffen. Bevölkerungswachstum, Ernährungsgewohnheiten und Handelsbeziehungen variieren erheblich zwischen den Szenarien.

Szenario-spezifische Auswirkungen:

  • SSP1-2.6: Nachhaltige Landwirtschaft, reduzierter Fleischkonsum, internationale Kooperation bei Nahrungsmittelsicherheit → Chancen für Bio- und Alternativproteine
  • SSP2-4.5: Moderate Klimaauswirkungen, ungleichmäßige Versorgungslage → Regionale Anpassungsstrategien erforderlich
  • SSP3-7.0: Hohe Bevölkerung + hohe Klimarisiken + schwache Kooperation = Nahrungsmittelkrise in vulnerablen Regionen → Extreme Volatilität bei Rohstoffpreisen
  • SSP5-8.5: Ressourcenintensive Landwirtschaft trifft auf extreme physische Risiken → Massive Ernteausfälle trotz hoher Technologisierung

Konkrete Handlungsempfehlungen:

  • SSP2-4.5: Moderate Anpassungen der Bewässerungssysteme, Einführung klimaresilienter Sorten, Diversifikation der Anbauregionen
  • SSP3-7.0: Fundamentale Anpassung der Lieferketten, Fokus auf Versorgungssicherheit, Investment in regionale Produktion, Krisenmanagement-Kapazitäten
  • SSP5-8.5: Verlagerung von Produktionsstandorten, Indoor-Farming und kontrollierte Anbausysteme, drastische Reduktion von Wasserabhängigkeit

Energiewirtschaft und Utilities

Empfohlene Szenarien: SSP1-2.6, SSP2-4.5, SSP5-8.5 (vollständiges Spektrum)

Die Energiewirtschaft steht im Zentrum der Transformation. Die SSP-Szenarien beschreiben radikal unterschiedliche Energiesysteme mit direkten Implikationen für Investitionsentscheidungen und Asset-Management.

Strategische Implikationen nach Szenario:

  • SSP1-2.6: Schneller, geplanter Übergang zu 100% Erneuerbaren bis 2050, hohe Stranded-Asset-Risiken für fossile Anlagen, aber planbare Transformation → Frühzeitiger Portfolio-Umbau kritisch
  • SSP2-4.5: Moderater Übergang, Gas als Brückentechnologie bis 2040, schrittweiser Portfolio-Umbau → Ausgeglichenes Risikoprofil
  • SSP3-7.0: Fragmentierte Energiesysteme, regionale fossile Lock-ins, begrenzte Technologiediffusion → Hohe Unsicherheit, regionale Strategien
  • SSP5-8.5: Fortgesetzte fossile Dominanz bis ca. 2040, dann abrupte "Late Action" möglich, extrem hohe physische Risiken für Infrastruktur (Kühlwasser, Extremwetter) → Resilienz kritisch

Investment-Entscheidungsmatrix:

  • Neue fossile Infrastruktur: Nur in SSP5-8.5 über 2030 hinaus wirtschaftlich vertretbar
  • Erneuerbare Energien: In allen Szenarien relevant, aber Geschwindigkeit und Umfang variieren stark
  • Batteriespeicher und Netzinfrastruktur: Besonders kritisch in SSP1 und SSP2
  • CCS/CCU: Vor allem in SSP5 relevant für "Late Action"-Phase

Versicherungen und Finanzdienstleister

Empfohlene Szenarien: SSP1-2.6, SSP2-4.5, SSP3-7.0, SSP5-8.5 (vollständiges Spektrum für Portfolio-Diversifikation)

Finanzinstitute müssen sowohl physische als auch transitorische Risiken über ihr gesamtes Portfolio hinweg bewerten. Die sozioökonomischen Narrative der SSP beeinflussen Ausfallwahrscheinlichkeiten, Asset-Werte und Versicherbarkeit fundamental.

Spezifische Anwendungen nach Geschäftsfeld:

  • Property & Casualty: SSP5-8.5 für Worst-Case-Schadensmodellierung, SSP3-7.0 für Governance-Risiken und politische Instabilität
  • Life Insurance: SSP2-4.5/SSP3-7.0 für mittelfristige Mortalitätsänderungen durch Hitzewellen und Luftverschmutzung
  • Kreditrisiko (Banken): Alle SSPs für sektorale Exposures (Landwirtschaft, Immobilien, Energie), besonders SSP3 für geopolitische Risiken
  • Asset Management: SSP1-2.6 für Chancen in Clean Tech, SSP5-8.5 für physische Risiken bei Real Assets

Besondere Herausforderung in SSP3-7.0:

Das Fragmentierungsszenario kombiniert moderate physische Risiken mit sehr hohen sozioökonomischen Risiken. Politische Instabilität, Handelskonflikte und schwache Institutionen erhöhen Ausfallrisiken auch bei moderatem Klimawandel. Dieses Szenario ist oft der "vergessene Worst Case" in der Klimarisikoanalyse.

Immobilien und Infrastruktur

Empfohlene Szenarien: SSP2-4.5, SSP3-7.0, SSP5-8.5

Immobilien und Infrastruktur haben typischerweise Lebenszyklen von 30-100 Jahren. Die langfristigen Auswirkungen der SSP-Szenarien sind daher besonders kritisch. Neben physischen Risiken spielen auch sozioökonomische Faktoren wie Urbanisierung, Migration und wirtschaftliche Entwicklung eine zentrale Rolle für Asset-Werte.

Kritische Bewertungskriterien nach Szenario:

  • SSP2-4.5: Moderate physische Risiken, stabile Urbanisierungstrends → Standard-Resilience-Maßnahmen ausreichend
  • SSP3-7.0: Klimamigration + politische Instabilität → Dramatische Verschiebungen in Immobilienwerten zwischen Regionen, "Climate Havens" vs. "Climate Losers"
  • SSP5-8.5: Extreme physische Risiken (Meeresspiegelanstieg bis 1m+ bis 2100, Hitzestress, Starkregen) → Fundamentale Neubewertung von Küsten- und Flussgebietsimmobilien

Praktischer Bewertungsansatz:

  1. Mapping aller Assets nach geografischer Lage und physischer Exposition
  2. Overlay mit SSP-Projektionen für Temperatur, Niederschlag, Extremwetter
  3. Integration sozioökonomischer Faktoren: Bevölkerungsentwicklung, wirtschaftliche Entwicklung, Migrationsströme
  4. Bewertung von Adaptation-Kosten vs. Asset-Wertminderung
  5. Portfolio-Rebalancing-Strategie entwickeln

Produzierende Industrie und Lieferketten

Empfohlene Szenarien: SSP2-4.5, SSP3-7.0, SSP5-8.5

Produktionsunternehmen müssen sowohl direkte Standortrisiken als auch Lieferkettenrisiken bewerten. Die SSP-Szenarien haben direkte Implikationen für Handelsbeziehungen, Verfügbarkeit von Rohstoffen und Arbeitskräften sowie regulatorische Anforderungen.

Szenario-spezifische Herausforderungen:

  • SSP2-4.5: Moderate Klimarisiken + schrittweise Regulierung → Planbare Anpassung von Lieferketten und Produktionsstandorten
  • SSP3-7.0: Fragmentierung + Handelskonflikte + klimavulnerable Zulieferer → "Perfect Storm" für globale Lieferketten, Regionalisierung wird kritisch
  • SSP5-8.5: Extreme physische Risiken (Hitzestress bei Outdoor-Arbeit, Wasserknappheit) → Fundamental disruption bei Standorten in Trockenregionen und Küstennähe

Praktischer Ansatz zur Lieferketten-Resilienz:

  1. Mapping aller kritischen Produktionsstandorte und Tier-1/Tier-2-Zulieferer
  2. Multi-Szenario-Assessment für jeden Standort (physische + sozioökonomische Risiken)
  3. Identifikation von "Single Point of Failure" in der Lieferkette
  4. Entwicklung von Contingency-Plänen: Alternative Lieferanten, Near-Shoring-Optionen, Lagerbestandsstrategien
  5. Integration in Supplier ESG Due Diligence

Technologie und Software

Empfohlene Szenarien: SSP1-2.6, SSP2-4.5, SSP3-7.0

Tech-Unternehmen sind weniger durch direkte physische Risiken, aber stark durch regulatorische Entwicklung, Marktnachfrage und Talent-Verfügbarkeit betroffen. Die sozioökonomischen Narrative der SSP beeinflussen diese Faktoren fundamental.

Marktchancen und -risiken:

  • SSP1-2.6: Boom für Climate-Tech, Clean-Tech-Software, ESG-Analytics → Höchste Wachstumschancen bei nachhaltigen Lösungen
  • SSP2-4.5: Moderates Wachstum bei Nachhaltigkeitssoftware, regional unterschiedliche Adoption → Differenzierte Go-to-Market-Strategien
  • SSP3-7.0: Fragmentierte Märkte, Technologie-Nationalismus, Datenschutz-Fragmentierung → Komplexes Compliance-Umfeld, höhere Markteintrittsbarrieren

Besondere Relevanz für SaaS-Unternehmen:

Die Verfügbarkeit von Fachkräften variiert stark zwischen den SSP. In SSP1 (hohe Bildung) sind qualifizierte Entwickler weltweit verfügbar. In SSP3 (niedrige Bildung, Migration-Restriktionen) können Talent-Shortages entstehen, die Remote-Work-Policies und Rekrutierungsstrategien fundamental beeinflussen.

Physische Risiken vs. Übergangsrisiken: Die zentrale Unterscheidung

Wie bei den RCP-Szenarien helfen auch die SSP dabei, zwei zentrale Risikotypen zu bewerten: physische Risiken und Übergangsrisiken. Der entscheidende Unterschied: Die SSP integrieren sozioökonomische Faktoren, die beide Risikotypen maßgeblich beeinflussen.

Physische Risiken (Physical Risks)

Definition: Physische Risiken entstehen durch die direkten Folgen des Klimawandels – wie Extremwetter, Temperaturanstieg, Überschwemmungen, Dürren und Meeresspiegelanstieg. Die Intensität dieser Risiken wird nicht nur durch die Klimaprojektionen, sondern auch durch sozioökonomische Faktoren wie Bevölkerungsverteilung, Infrastrukturqualität und Anpassungskapazität beeinflusst.

Typische Ausprägungen nach Szenario:

  • SSP1-1.9/2.6: Niedrige bis moderate physische Risiken, hohe Anpassungskapazität durch internationale Kooperation und Ressourcenverfügbarkeit → Beherrschbar mit strukturierten Adaptation-Strategien
  • SSP2-4.5: Moderate physische Risiken, ungleichmäßige Anpassungskapazität → Signifikante Impacts in vulnerablen Regionen, strukturelle Anpassungen in gefährdeten Sektoren erforderlich
  • SSP3-7.0: Hohe physische Risiken + sehr niedrige Anpassungskapazität = katastrophale Kombination → Massive Schäden in Entwicklungsländern, Klimamigration, Konflikte um Ressourcen
  • SSP5-8.5: Extreme physische Risiken, aber anfänglich hohe Anpassungskapazität durch Wohlstand → Langfristig überfordern selbst hohe Ressourcen die Adaptation, fundamentale Geschäftsmodell-Anpassungen nötig

Besonderheit in SSP3: Selbst bei moderaten Klimaveränderungen können schwache Governance und begrenzte Ressourcen zu katastrophalen Auswirkungen führen. Dieses Szenario illustriert, dass Klimarisiken nicht nur vom Ausmaß der physischen Veränderungen, sondern kritisch von der gesellschaftlichen Fähigkeit zur Anpassung abhängen.

Übergangsrisiken (Transition Risks)

Definition: Übergangsrisiken resultieren aus der Umstellung auf eine klimafreundlichere Wirtschaft. Dazu gehören neue Regulierungen, technologische Veränderungen, veränderte Marktbedingungen und gesellschaftliche Erwartungen. Die SSP-Narrative beschreiben unterschiedliche Transformationspfade mit stark variierenden Übergangsrisiken.

Typische Ausprägungen nach Szenario:

  • SSP1-1.9/2.6: Sehr hohe transitorische Risiken – schnelle, aber geplante und koordinierte Transformation → Planungssicherheit trotz hoher Geschwindigkeit, Gewinner: Clean Tech, Verlierer: Fossile Industrie
  • SSP2-4.5: Moderate transitorische Risiken – schrittweise, aber unkoordinierte Transformation → Regional unterschiedliche Geschwindigkeiten, Compliance-Komplexität durch fragmentierte Regulierung
  • SSP3-7.0: Niedrige transitorische Risiken kurzfristig, aber hohes "Sudden Transition"-Risiko → Politische Instabilität kann zu abrupten, unplanbaren Politikwechseln führen
  • SSP5-8.5: Sehr niedrige transitorische Risiken bis ca. 2040, dann potenziell disruptive "Late Action" → Höchstes Stranded-Asset-Risiko bei verzögerter, dann abrupter Transformation

Die Anpassungs-Minderungs-Matrix der SSP

Ein zentrales Konzept der SSP ist die Bewertung von "Challenges to Adaptation" und "Challenges to Mitigation". Diese Matrix hilft bei der strategischen Bewertung:

Szenario Adaptation Challenges Mitigation Challenges Strategische Implikation
SSP1 Niedrig Niedrig Beste Voraussetzungen für Klimaschutz und Anpassung
SSP2 Mittel Mittel Moderate Herausforderungen in beiden Bereichen
SSP3 Hoch Hoch Worst Case: Hohe Herausforderungen bei Schutz UND Anpassung
SSP5 Niedrig Hoch Gute Anpassungskapazität, aber schwierige Dekarbonisierung

Strategische Implikationen für eure Szenario-Auswahl

Unternehmensprofil Primäres Risiko Empfohlene Szenarien Begründung
Fossile Energieunternehmen Transitorisch SSP1-2.6, SSP2-4.5, SSP5-8.5 Stranded Assets, Regulierung, "Late Action"-Risiko
Küstennahe Immobilien Physisch SSP2-4.5, SSP5-8.5 Meeresspiegelanstieg, Extremwetter
CleanTech-Unternehmen Marktchancen SSP1-2.6, SSP2-4.5 Nachfrage nach Lösungen, Skalierung
Landwirtschaft Physisch + Sozioökonomisch SSP2-4.5, SSP3-7.0, SSP5-8.5 Ernteausfälle, Bevölkerungsdruck, Handelskonflikte
Globale Lieferketten Governance + Physisch SSP2-4.5, SSP3-7.0 Fragmentierung, Handelskonflikte, Klimadisruption
Finanzinstitute Portfolio-Risiken Alle SSP Vollständiges Spektrum für Diversifikation

Praktische Anwendung: 5-Schritte-Prozess zur SSP-Integration

Um SSP-Szenarien erfolgreich in eure Unternehmensstrategie zu integrieren, ist ein strukturierter Ansatz erforderlich. Hier der bewährte Prozess, angepasst an die Besonderheiten der SSP:

Schritt 1: Bestandsaufnahme und Wesentlichkeitsanalyse

Beginnt mit einer gründlichen Bestandsaufnahme eurer aktuellen Klimarisiken UND eurer sozioökonomischen Exposures. Die SSP-Integration erfordert eine breitere Perspektive als die früheren RCP-Analysen. Eine finanzielle Wesentlichkeitsanalyse hilft euch, die wichtigsten Handlungsfelder zu priorisieren.

Erweiterte Fragen für die SSP-Bestandsaufnahme:

Physische Exposition:

  • Welche Standorte sind physisch exponiert (Küstennähe, Flussgebiete, Trockenregionen)?
  • Wie abhängig seid ihr von klimasensitiven Ressourcen (Wasser, Energie, Rohstoffe)?
  • Welche Zulieferer befinden sich in klimavulnerablen Regionen?

Sozioökonomische Exposition:

  • Wie abhängig seid ihr von internationalen Lieferketten und Handelsbeziehungen?
  • In welchen Märkten operiert ihr, und wie unterscheiden sich demografische Trends?
  • Wie kritisch ist Technologiezugang und -diffusion für euer Geschäftsmodell?
  • Wie stark seid ihr von politischer Stabilität und Governance-Qualität abhängig?

Transitorische Exposition:

  • Wie hoch ist euer Exposure zu fossilen Energieträgern?
  • Welche regulatorischen Verschärfungen sind in eurer Branche zu erwarten?
  • Wie schnell könnt ihr euer Geschäftsmodell bei Marktveränderungen anpassen?

Schritt 2: Auswahl relevanter Szenarien

Wählt mindestens zwei bis drei SSP aus, um unterschiedliche Zukunftspfade abzudecken. Eine gängige Kombination ist SSP1-2.6 (optimistisch), SSP2-4.5 (realistisch) und SSP5-8.5 (pessimistisch). Je nach Geschäftsmodell kann auch SSP3-7.0 kritisch sein.

Erweiterte Entscheidungsmatrix:

  • CSRD-pflichtig? → Mindestens 3 Szenarien erforderlich, inkl. Paris-aligned (typischerweise SSP1-2.6, SSP2-4.5, SSP5-8.5)
  • Langfristige Infrastruktur-Investition? → SSP2-4.5 und SSP5-8.5 (physische Risiken), ggf. SSP3-7.0 (Governance-Risiken)
  • Fossil-exponierte Branche? → SSP1-2.6, SSP2-4.5 und SSP5-8.5 (transitorische Risiken inkl. "Late Action")
  • Globale Lieferketten? → SSP2-4.5 und SSP3-7.0 (Handelskonflikte, Fragmentierung)
  • Emerging Markets Exposure? → SSP2-4.5 und SSP3-7.0 (sozioökonomische Entwicklung, politische Stabilität)
  • Erste Analyse? → SSP2-4.5, SSP3-7.0 und SSP5-8.5 (breites Spektrum für die meisten Unternehmen)

Schritt 3: Datensammlung und Multi-Dimensionale Analyse

Die SSP-Analyse erfordert sowohl Klimadaten als auch sozioökonomische Projektionen. Nutzt verfügbare Datenquellen, um die Auswirkungen der gewählten Szenarien auf euer Unternehmen zu analysieren.

Empfohlene Datenquellen:

Klimadaten:

  • Global: IPCC Data Distribution Centre, Climate Impact Explorer, CMIP6 Outputs
  • Europa: Copernicus Climate Change Service, EURO-CORDEX
  • Deutschland: GERICS Klimaatlas, Deutscher Wetterdienst

Sozioökonomische Daten:

  • Bevölkerung: SSP Database (IIASA), UN Population Prospects
  • Wirtschaft: OECD Long-term Scenarios, World Bank Projections
  • Energie: IEA World Energy Outlook, IPCC AR6 Scenario Explorer
  • Governance: Fragile States Index, Worldwide Governance Indicators

Sektor-spezifisch:

  • Branchenverbände, Forschungsinstitute, Sustainable Finance Datenbanken

Integrations-Framework:

  1. Klimaprojektionen für relevante Standorte und Zeithorizonte extrahieren
  2. Sozioökonomische Projektionen für relevante Regionen und Märkte integrieren
  3. Cross-Impact-Analyse: Wie verstärken oder dämpfen sozioökonomische Faktoren Klimarisiken?
  4. Quantifizierung finanzieller Impacts unter Berücksichtigung beider Dimensionen

Schritt 4: Entwicklung von Anpassungsstrategien

Basierend auf den Multi-Dimensionalen Analysen entwickelt ihr konkrete Maßnahmen. Die SSP-Integration ermöglicht differenziertere Strategien als die früheren RCP-Analysen, da ihr sozioökonomische Faktoren explizit berücksichtigt.

Erweitertes Priorisierungs-Framework:

  1. "No-Regret"-Maßnahmen: Anpassungen, die unter ALLEN Szenarien sinnvoll sind (höchste Priorität)
    • Beispiele: Energieeffizienz, Wassereffizienz, Diversifikation kritischer Zulieferer
  2. "Low-Regret"-Maßnahmen: Anpassungen, die in den meisten Szenarien vorteilhaft und in keinem nachteilig sind
    • Beispiele: Erneuerbare Energien, Kreislaufwirtschaft, digitale Transformation
  3. Flexible Optionen: Maßnahmen, die sich an verschiedene Szenarien anpassen lassen
    • Beispiele: Modulare Infrastruktur, Portfolio-Ansätze, adaptive Management-Systeme
  4. Szenario-spezifische Maßnahmen: Nur unter bestimmten Szenarien erforderlich (niedrigere Priorität, aber mit Trigger-Mechanismen)
    • Beispiele: Massive Umsiedlungen (SSP5-8.5), Near-Shoring (SSP3-7.0), Carbon Removal Investment (SSP1-1.9)

Sozioökonomisch-informierte Strategien:

  • Für SSP1: Investment in nachhaltige Innovation, frühzeitige Dekarbonisierung, Positionierung als Sustainability Leader
  • Für SSP2: Flexible Strategien, regionale Differenzierung, schrittweise Transformation
  • Für SSP3: Regionalisierung, Robustheit statt Effizienz, Krisenmanagement-Kapazitäten, Near-Shoring
  • Für SSP5: Physische Resilienz, Vorbereitung auf abrupte Regulierungsänderungen, Exit-Strategien für fossile Assets

Schritt 5: Implementierung und Adaptives Monitoring

Die SSP-Szenarien sind keine Prognosen, sondern Explorationswerkzeuge. Setzt die entwickelten Strategien um, aber etabliert ein adaptives Monitoring-System, das sowohl Klimaindikatoren als auch sozioökonomische Signale verfolgt.

Erweiterter Monitoring-Rhythmus:

  • Quartalsweise: Tracking von Leading Indicators für Szenario-Plausibilität
    • Klimaindikatoren: CO₂-Konzentrationen, globale Temperaturen, Extremwetter-Häufigkeit
    • Sozioökonomische Indikatoren: Energiepolitik, Handelskonflikte, Technologie-Adoption
  • Jährlich: Review der Kernrisiken und Quick-Check auf neue Entwicklungen
  • Alle 2-3 Jahre: Vollständige Überarbeitung der Szenarioanalyse mit aktualisierten Projektionen
  • Bei neuen IPCC-Berichten: Assessment der Implikationen für eure Szenarien
  • Event-getriggert: Bei großen Investitionen, M&A, Standortwechseln, geopolitischen Schocks

Adaptive Management-Prinzipien:

  1. Signale-Tracking: Definiert Early Warning Indicators für verschiedene Szenario-Entwicklungen
  2. Trigger-Points: Legt fest, bei welchen Entwicklungen szenario-spezifische Maßnahmen aktiviert werden
  3. Flexibilität: Haltet Optionen offen und vermeidet Lock-ins in irreversible Investitionen
  4. Learning-Loops: Nutzt reale Entwicklungen, um eure Szenario-Annahmen zu validieren und zu verfeinern

Regulatorische Anforderungen: CSRD und Stakeholder-Erwartungen

Die Berücksichtigung von SSP-Szenarien ist nicht nur eine strategische Entscheidung, sondern wird zunehmend zur regulatorischen Pflicht. Mit der ab 2024 geltenden Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) müssen Unternehmen detaillierte Informationen zu ihren Klimarisiken und -strategien offenlegen.

CSRD und SSP-Szenarien: Was verlangt wird

Die CSRD verlangt von Unternehmen, dass sie ihre Klimarisiken anhand von Szenarien bewerten. Während die Regulation technologieneutral formuliert ist, haben sich die SSP-Szenarien als Standard etabliert, da sie die aktuellsten wissenschaftlichen Erkenntnisse des IPCC AR6 widerspiegeln.

Mindestanforderungen nach ESRS E1:

  • Mindestens 2 Klimaszenarien (empfohlen: 3), davon mindestens eines Paris-aligned
  • Ein Paris-aligned-Szenario (typischerweise SSP1-2.6, maximal SSP2-4.5)
  • Drei Zeithorizonte (kurzfristig: bis 5 Jahre, mittelfristig: 5-10 Jahre, langfristig: über 10 Jahre)
  • Quantifizierung finanzieller Impacts für wesentliche Risiken
  • Transparente Dokumentation von Methodik, Annahmen und Datenquellen
  • Integration in Geschäftsstrategie und Risikomanagement
  • Erläuterung, wie sozioökonomische Annahmen die Analyse beeinflussen

Best Practice für SSP-Kommunikation in CSRD:

  1. Szenario-Auswahl begründen: Erklärt, warum ihr bestimmte SSP gewählt habt (z.B. "SSP3-7.0 aufgrund unserer Exposure in geopolitisch instabilen Regionen")
  2. Sozioökonomische Narrative einbeziehen: Zeigt auf, wie Faktoren wie Bevölkerungsentwicklung, Governance und Technologiewandel eure Risikobewertung beeinflussen
  3. Regionale Differenzierung: Nutzt die SSP, um unterschiedliche Entwicklungen in verschiedenen Märkten zu illustrieren
  4. Zeitliche Dynamik: Erklärt, warum kurzfristige Unterschiede zwischen Szenarien oft gering sind, aber langfristig fundamental werden

Stakeholder-Erwartungen

Neben regulatorischen Vorgaben spielen auch die Erwartungen von Investoren, Kunden und anderen Stakeholdern eine wichtige Rolle. Eine Studie der Europäischen Investitionsbank (EIB) zeigt, dass 79% der Verbraucher in Deutschland erwarten, dass Unternehmen konkrete Maßnahmen gegen den Klimawandel ergreifen. Transparente Klimastrategien, die auf fundierten Szenarien basieren, sind daher unverzichtbar.

Besondere Stakeholder-Gruppen und ihre SSP-Perspektiven:

  • Investoren: Erwarten vollständige Szenarioanalyse (oft alle 5 SSP) für Portfolio-Risikobewertung, besonderes Interesse an transitorischen Risiken (SSP1) und physischen Extremrisiken (SSP5)
  • Versicherer: Fokus auf SSP5-8.5 für physische Risiken und SSP3-7.0 für Governance-Risiken, die Versicherbarkeit beeinflussen
  • Banken: Bewertung von Kreditrisiken unter verschiedenen SSP, besonders SSP3 für geopolitische Risiken
  • Kunden (B2B): Zunehmende Anforderungen an Scope-3-Daten und Lieferketten-Resilienz, Interesse an SSP2 und SSP3
  • Mitarbeiter: Attraktivität als Arbeitgeber hängt zunehmend von Nachhaltigkeitspositionierung ab, besonders in SSP1-orientierten Narrativen

Best Practices für Compliance und Kommunikation

Um regulatorische Anforderungen zu erfüllen und Stakeholder zu überzeugen, solltet ihr:

  1. Transparenz schaffen: Dokumentiert eure SSP-Analysen und die daraus abgeleiteten Maßnahmen klar und nachvollziehbar, inkl. sozioökonomischer Annahmen
  2. Narrative einbeziehen: Nutzt die sozioökonomischen Geschichten der SSP, um eure Strategie greifbar zu machen
  3. Regelmäßige Updates: Aktualisiert eure Analysen mit neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen und veränderten Rahmenbedingungen
  4. Klare Kommunikation: Erklärt euren Stakeholdern verständlich, warum ihr bestimmte Szenarien gewählt habt und welche Schritte ihr unternehmt
  5. Governance-Integration: Verankert SSP-Szenarien in euren Vorstandsentscheidungen und Risikomanagement-Prozessen
  6. Differentiation by Scenario: Zeigt auf, wie eure Strategie unter verschiedenen SSP funktioniert und wo kritische Schwellenwerte liegen

Zusammenfassung: Die wichtigsten Erkenntnisse für eure Szenario-Auswahl

Die Wahl des passenden SSP-Szenarios ist ein zentraler Baustein für eure langfristige Unternehmensstrategie. Diese Szenarien gehen über die früheren RCP hinaus und integrieren sozioökonomische Entwicklungspfade mit Klimaprojektionen. Sie beschreiben radikal unterschiedliche Zukünfte – von kooperativen, nachhaltigen Transformationen (SSP1) bis hin zu fragmentierten, ressourcenintensiven Welten (SSP3/SSP5) – und erfordern jeweils unterschiedliche strategische Maßnahmen.

Zentrale Erkenntnisse für eure Praxis:

  1. SSP sind mehr als Klimaszenarien: Sie kombinieren physische Klimaprojektionen mit sozioökonomischen Narrativen über Bevölkerung, Wirtschaft, Technologie und Governance
  2. Sozioökonomische Faktoren sind geschäftskritisch: Demografische Trends, politische Stabilität und Technologieverfügbarkeit beeinflussen eure Risiken oft stärker als die reinen Klimaveränderungen
  3. SSP3 ist der "vergessene Worst Case": Fragmentierung und schwache Governance können selbst bei moderatem Klimawandel zu katastrophalen Geschäftsauswirkungen führen
  4. Multi-Szenario-Ansatz ist essentiell: Nutzt mindestens 2-3 SSP, um verschiedene Unsicherheitsdimensionen abzudecken
  5. Adaptives Management erforderlich: SSP sind Explorationswerkzeuge, keine Prognosen – etabliert Monitoring-Systeme und Trigger-Points für szenario-spezifische Maßnahmen

Bei der Auswahl des Szenarios solltet ihr drei wesentliche Aspekte berücksichtigen:

  • Die kombinierten klimatischen und sozioökonomischen Risiken, die speziell für eure Branche, Standorte und Märkte relevant sind
  • Regulatorische Anforderungen wie die ab 2024 geltende CSRD und zunehmende Stakeholder-Erwartungen
  • Die strategischen Implikationen verschiedener Narrative für eure langfristige Positionierung

Ein sinnvoller Einstieg ist eine finanzielle Wesentlichkeitsanalyse, die sowohl klimabezogene als auch sozioökonomische Risiken beleuchtet. Diese Analyse hilft euch, die finanziell wichtigsten Handlungsfelder zu identifizieren. Darauf aufbauend könnt ihr einen klaren und nachvollziehbaren Prozess für die SSP-Szenarioanalyse etablieren – inklusive Governance-Dokumenten, Datenquellen und Bewertungsmethoden.

Sobald die Kernbereiche definiert und der Analyseprozess steht, passt die Ergebnisse an euren spezifischen Unternehmenskontext an. Berücksichtigt dabei die Besonderheiten eurer Branche, geografischen Exposure und sozioökonomischen Abhängigkeiten. So stärkt ihr das Vertrauen eurer Stakeholder und zeigt, dass ihr auf die individuellen Herausforderungen eures Unternehmens eingeht.

Da sich sowohl Klimaprojektionen als auch sozioökonomische Entwicklungen laufend ändern, ist es wichtig, eure Annahmen regelmäßig zu überprüfen. Integriert neue Erkenntnisse zu Technologien, politischen Maßnahmen und gesellschaftlichen Trends, damit eure Strategie auch unter sich verändernden Rahmenbedingungen relevant und umsetzbar bleibt.

Für weitere Details zur Integration von SSP und RCP sowie umfassende Informationen zu Datenquellen, Tools und regionalen Klimaprojektionen für Deutschland, siehe meinen Hauptartikel zu Klimaszenarien.

Häufig gestellte Fragen zur SSP-Szenario-Auswahl

Für was steht SSP?

SSP steht für Shared Socioeconomic Pathways, auf Deutsch: geteilte sozioökonomische Entwicklungspfade. Diese Szenarien wurden vom Weltklimarat (IPCC) im Rahmen des Sechsten Sachstandsberichts (AR6) entwickelt und lösen die früheren Representative Concentration Pathways (RCP) ab. Die SSP kombinieren sozioökonomische Narrative mit Klimaprojektionen und ermöglichen so eine differenziertere Bewertung von Anpassungs- und Minderungsherausforderungen. Jedes SSP beschreibt eine unterschiedliche Zukunftsvision mit spezifischen Annahmen zu Bevölkerungsentwicklung, wirtschaftlichem Wachstum, technologischer Innovation, Governance-Strukturen und Energiesystemen. Die Szenarien reichen von SSP1 (Nachhaltigkeit) über SSP2 (mittlerer Pfad), SSP3 (Fragmentierung) bis zu SSP5 (fossile Entwicklung).

Welches SSP-Szenario ist realistisch?

Die Frage nach dem "realistischen" Szenario lässt sich nicht pauschal beantworten, da dies von zukünftigen politischen Entscheidungen, technologischen Entwicklungen und gesellschaftlichen Veränderungen abhängt. Die SSP sind keine Prognosen, sondern Explorationswerkzeuge für verschiedene plausible Zukünfte. Aktuell (Stand 2026) bewegt sich die reale Entwicklung zwischen SSP2-4.5 und SSP3-7.0, mit Elementen aus verschiedenen Narrativen je nach Region und Sektor.

Einige Indikatoren deuten auf bestimmte Entwicklungen hin: Die globale Energiewende beschleunigt sich (SSP1/SSP2-Elemente), gleichzeitig nehmen geopolitische Fragmentierung und Handelskonflikte zu (SSP3-Elemente). Technologische Innovation ist hoch (SSP1/SSP5-Elemente), aber die internationale Klimakooperation bleibt schwach (SSP2/SSP3-Elemente).

Für eure Unternehmensplanung empfiehlt sich daher ein Multi-Szenario-Ansatz: Nutzt SSP2-4.5 als "Most Likely"-Baseline, SSP1-2.6 für Best-Case-Analysen (besonders relevant für Compliance und Sustainable Finance) und SSP3-7.0 oder SSP5-8.5 für Worst-Case-Stress-Tests. Diese Kombination deckt das relevante Spektrum an Unsicherheiten ab.

Was ist der Unterschied zwischen RCP und SSP?

RCP (Representative Concentration Pathways) und SSP (Shared Socioeconomic Pathways) sind komplementäre, aber unterschiedliche Szenario-Frameworks:

RCP (verwendet im IPCC AR5, 2013):

  • Fokus ausschließlich auf Treibhausgaskonzentrationen und Strahlungsantrieb
  • Vier Szenarien: RCP 2.6, RCP 4.5, RCP 6.0, RCP 8.5
  • Beschreiben nur physische Klimaveränderungen
  • Keine expliziten sozioökonomischen Annahmen

SSP (verwendet im IPCC AR6, 2021):

  • Integrieren sozioökonomische Narrative mit Klimaprojektionen
  • Fünf Basis-Narrative (SSP1-5), kombinierbar mit verschiedenen Klimapfaden
  • Beschreiben Bevölkerung, Wirtschaft, Technologie, Governance
  • Ermöglichen Bewertung von Anpassungs- und Minderungsherausforderungen
  • Beispiel: SSP1-2.6 kombiniert das Nachhaltigkeitsnarrativ (SSP1) mit einem 2.6 W/m² Strahlungsantrieb

Für moderne Klimarisikoanalysen solltet ihr primär SSP verwenden, da sie den aktuellen wissenschaftlichen Stand (IPCC AR6) widerspiegeln und sozioökonomische Faktoren explizit berücksichtigen. Die RCP bleiben als "Shorthand" für Klimapfade relevant (z.B. "ein 2.6 W/m² Pfad"), aber die SSP bieten den vollständigeren Framework für strategische Entscheidungen.

Wie können Unternehmen das passende SSP-Szenario in ihre strategische Planung einbinden?

Unternehmen können SSP-Szenarien effektiv in ihre strategische Planung einbinden, indem sie einen strukturierten, Multi-Dimensionalen Ansatz verfolgen:

  1. Wesentlichkeitsanalyse: Identifiziert sowohl klimatische als auch sozioökonomische Exposures eures Unternehmens. Nutzt die doppelte Wesentlichkeitsanalyse, um finanzielle und Impact-Perspektiven zu integrieren.
  2. Szenario-Auswahl: Wählt 2-3 SSP basierend auf euren kritischsten Unsicherheiten. Typisch: SSP1-2.6 (Best Case), SSP2-4.5 (Most Likely), SSP5-8.5 oder SSP3-7.0 (Worst Case je nach Risikoprofil).
  3. Multi-Dimensionale Analyse: Bewertet nicht nur Klimaauswirkungen, sondern auch wie sozioökonomische Faktoren (Bevölkerung, Wirtschaft, Technologie, Governance) eure Risiken beeinflussen.
  4. Strategie-Entwicklung: Leitet aus der Analyse konkrete Maßnahmen ab, priorisiert nach "No-Regret" → "Low-Regret" → flexible Optionen → szenario-spezifische Maßnahmen.
  5. Governance-Integration: Verankert SSP-Szenarien in Vorstandsentscheidungen, Investitionskriterien und Risikomanagement-Prozessen.
  6. Adaptives Monitoring: Etabliert Frühwarnindikatoren für verschiedene Szenario-Entwicklungen und definiert Trigger-Points für szenario-spezifische Maßnahmen.

Kritisch ist die Dokumentation: Erklärt transparent, warum ihr bestimmte SSP gewählt habt, welche Annahmen ihr getroffen habt und wie sich eure Strategie unter verschiedenen Szenarien verhält. Dies ist nicht nur für CSRD-Compliance relevant, sondern auch für Stakeholder-Kommunikation und interne Entscheidungsfindung.

Warum ist es sinnvoll, mehrere SSP-Szenarien in die Unternehmensstrategie einzubeziehen?

Die Berücksichtigung mehrerer SSP-Szenarien ist aus mehreren Gründen essentiell:

1. Zukunft ist fundamental unsicher: Die SSP beschreiben radikal unterschiedliche Zukünfte, deren Eintrittswahrscheinlichkeit heute nicht bestimmbar ist. Ein Single-Szenario-Ansatz würde eine Scheinsicherheit erzeugen und kritische Risiken ausblenden.

2. Verschiedene Unsicherheitsdimensionen: Ein Multi-Szenario-Ansatz deckt sowohl klimatische Unsicherheiten (wie stark erwärmt sich das Klima?) als auch sozioökonomische Unsicherheiten (wie entwickeln sich Gesellschaft, Wirtschaft, Technologie?) ab.

3. Identifikation robuster Strategien: Maßnahmen, die unter MEHREREN Szenarien vorteilhaft sind ("No-Regret" oder "Low-Regret"), sollten priorisiert werden. Dies ist nur durch Multi-Szenario-Analyse erkennbar.

4. Vorbereitung auf verschiedene Risikotypen:

  • SSP1-2.6: Hohe transitorische Risiken, niedrige physische Risiken
  • SSP3-7.0: Governance- und Fragmentierungsrisiken
  • SSP5-8.5: Extreme physische Risiken und "Late Action"-Risiken

5. Regulatorische Anforderungen: Die CSRD verlangt explizit Multi-Szenario-Analysen (mindestens 2, empfohlen 3 Szenarien).

6. Stakeholder-Erwartungen: Investoren, Versicherer und Kunden erwarten zunehmend differenzierte Szenarioanalysen, die verschiedene Risikodimensionen abdecken.

7. Adaptive Kapazität: Multi-Szenario-Planung zwingt zur Entwicklung flexibler Strategien und Trigger-basierter Entscheidungslogiken, die bei veränderten Rahmenbedingungen anpassbar sind.

Praktisch bedeutet dies: Startet mit 2-3 Szenarien, die eure kritischsten Unsicherheiten abdecken. Dokumentiert transparent, wie eure Strategie unter jedem Szenario funktioniert und wo kritische Schwellenwerte liegen. Etabliert Monitoring-Systeme, um zu verfolgen, welches Szenario sich als am plausibelsten erweist, und passt eure Strategie entsprechend an.

Wie wirken sich die verschiedenen SSP-Szenarien auf unterschiedliche Branchen aus?

Die Auswirkungen der SSP-Szenarien variieren erheblich zwischen Branchen, da verschiedene Sektoren unterschiedlich stark durch physische Risiken, transitorische Risiken und sozioökonomische Faktoren betroffen sind:

Landwirtschaft: Stark betroffen durch physische Risiken (alle Szenarien ab SSP2), aber besonders kritisch in SSP3-7.0 (hohes Bevölkerungswachstum + klimatische Risiken + schwache Kooperation = Nahrungsmittelkrise). Sozioökonomische Faktoren wie Handelspolitik und Technologiezugang können wichtiger sein als reine Klimaveränderungen.

Energiewirtschaft: Radikal unterschiedliche Transformationspfade. SSP1 erfordert schnellen, aber geplanten Ausstieg aus Fossilen. SSP5 beschreibt fortgesetzte fossile Dominanz mit extremen Stranded-Asset-Risiken bei späteren abrupten Politikänderungen. SSP3 zeigt fragmentierte Energiesysteme mit regionalen Lock-ins.

Finanzdienstleister: Müssen Portfolio-Risiken über alle SSP bewerten. Besonders kritisch: SSP3-7.0 kombiniert moderate Klimarisiken mit sehr hohen sozioökonomischen Risiken (Governance, politische Stabilität), was oft unterschätzt wird.

Produzierende Industrie: Lieferketten besonders vulnerabel in SSP3 (Fragmentierung, Handelskonflikte) und SSP5 (physische Disruption). Standortentscheidungen müssen beide Dimensionen berücksichtigen.

Technologie/Software: Weniger physische Risiken, aber stark betroffen durch regulatorische Entwicklung (SSP1: stringent, SSP3: fragmentiert) und Marktnachfrage (SSP1: hohe Nachfrage nach Clean Tech, SSP5: hohe Nachfrage bei Energie-Effizienz).

Für eure spezifische Branche empfiehlt sich eine differenzierte Analyse: Bewertet nicht nur die Klimaprojektionen, sondern auch wie sozioökonomische Faktoren eure Geschäftsrisiken und -chancen beeinflussen. Die Integration beider Dimensionen ist der zentrale Mehrwert der SSP gegenüber den früheren RCP-Szenarien und ermöglicht strategischere Entscheidungen.

Johannes Fiegenbaum

Johannes Fiegenbaum

ESG- und Nachhaltigkeitsberater mit Schwerpunkt auf VSME‑Berichterstattung und Klimarisikoanalysen. Begleitet seit 2014 über 300 Projekte für den Mittelstand und Konzerne – unter anderem Commerzbank, UBS und Allianz.

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