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Energiekrise 2026: was Unternehmen jetzt tun können

Liniendiagramm des Brent-Rohölpreises mit starkem Anstieg im März 2026

Seit Jahresbeginn hat sich der europäische Gaspreis mehr als verdoppelt, Anfang September lag er am Handelspunkt TTF laut Bloomberg erstmals seit 2023 über 80 €/MWh. Auslöser war der Iran-Konflikt mit der Sperrung der Straße von Hormus, durch die nach Angaben der Internationalen Energieagentur (IEA) knapp 20 Prozent des weltweiten Angebots an Flüssigerdgas (LNG) liefen. Dazu kommen Speicher, die so leer in den Winter gehen wie seit Jahren nicht.

Für einen Betrieb im Mittelstand ist die Frage nicht, wie es in Katar weitergeht, sondern wie viel davon auf der eigenen Rechnung ankommt, wann, und was sich vorher noch drehen lässt. Darum geht es hier: wie stark du betroffen bist, was in den nächsten drei Monaten geht, welche Investitionen die Abhängigkeit dauerhaft senken und was bei einer Gasmangellage passiert.

Gasspeicher-Füllstand, Gaspreis und Ölpreis tagesaktuell zeigt das Gasspeicher-Dashboard im Fiegenbaum Atlas.

Wo die Energiekrise 2026 steht

Die Bundesnetzagentur stuft die Versorgung als stabil ein. Seit dem 1. Juli 2025 gilt im Notfallplan Gas die Frühwarnstufe, die erste von drei Stufen. Die deutschen Speicher waren am 29. September 2026 zu 57,7 Prozent gefüllt (142,9 TWh), die europäischen zum 1. September laut Gas Infrastructure Europe zu 65 Prozent, der niedrigste Wert zu diesem Datum seit Beginn der Aufzeichnungen 2011. Die Bundesnetzagentur hält einen vergleichsweise niedrigen Füllstand am Ende des Winters für wahrscheinlich und verlangt mindestens 30 Prozent am 1. Februar 2027.

Die Bundesregierung reagiert inzwischen selbst. Am 30. September hat Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche das bundeseigene Energieunternehmen SEFE angewiesen, bis zum 15. Dezember zusätzlich 8 TWh Gas zu beschaffen und einzuspeichern, laut ZDF in Absprache mit dem Bundeskanzler. Bei einem Speichervolumen von rund 248 TWh sind das gut 3 Prozentpunkte. Der Grund: Bei den hohen Großhandelspreisen lohnt sich das Einspeichern für Händler kaum, der übliche Preisabstand zwischen Sommer und Winter fehlt. Ab 2027 plant das Ministerium eine strategische Gasreserve, dafür muss erst das Gesetz geändert werden.

Das Gas fehlt also nicht, es wird teuer und der Puffer ist dünn. Jede Kälteperiode trifft auf weniger Reserve als in den Vorjahren. Wie die Preise sich entwickeln, hängt an zwei Fragen: Öffnet sich Hormus wieder, und wie kalt wird der Winter? Für den ungünstigen Fall halten Analysten von Goldman Sachs Preise über 100 €/MWh für nötig, damit Europa genug LNG-Ladungen aus Asien abzieht. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hat den Schaden für die deutsche Wirtschaft schon im März auf 22 Mrd. € für das Jahr 2026 geschätzt.

Wie stark dein Betrieb betroffen ist

Börsenpreise kommen verzögert an. Im März 2026 stiegen die Erdgas-Börsenpreise laut Statistischem Bundesamt um 57 Prozent gegenüber dem Vormonat, Erdgas in der Verteilung lag im Juli dagegen erst 1,6 Prozent über dem Vorjahr. Der Schock steckt in den Verträgen, die gerade auslaufen. Drei Fragen zeigen, wie stark er dich trifft:

  • Wann endet dein Gas- und Stromvertrag? Wer in diesem Winter neu abschließt, zahlt den Terminpreis von heute. Wer eine Festpreisbindung bis Ende 2027 hat, gewinnt Zeit, aber keine Lösung.
  • Wofür verbrennst du Gas? Raumwärme lässt sich mit einer Wärmepumpe ersetzen. Prozesswärme über 150 °C ist schwieriger, und wo Gas Rohstoff ist wie in der Chemie, hilft keine Elektrifizierung.
  • Wie viel davon ist Grundlast? Was nachts und am Wochenende durchläuft, zahlst du in jeder Preislage. Das ist der Teil, den du am schnellsten senken kannst.

Am stärksten unter Druck sind Branchen, in denen Energie einen großen Kostenanteil hat oder Gas Rohstoff ist: Chemie, Stahl, Glas, Papier und Keramik. Die Logistik trifft der Ölpreis über den Diesel und über Festpreisverträge mit Kunden, die den Treibstoff nicht weitergeben.

Was du in den nächsten drei Monaten tun kannst

Die schnellen Hebel kosten wenig Geld und brauchen vor allem Daten.

Lastgang anfordern und auswerten. Hast du einen Zähler mit registrierender Leistungsmessung, liegen beim Messstellenbetreiber Viertelstundenwerte für jedes Jahr. Wie du sie bekommst, steht im Artikel zu RLM-Zähler und Lastgang. Darin siehst du, was nachts durchläuft, wann die Spitzen kommen und wie viel Leistungspreis sie kosten. Die Lastganganalyse im Atlas rechnet das im Browser, die Datei verlässt deinen Rechner nicht.

Grundlast und Spitzen senken. Druckluftlecks, Kälteanlagen ohne Nachtabsenkung und Anlagen, die gleichzeitig anfahren, sind die üblichen Funde. Eine einzige Viertelstunde bestimmt den Leistungspreis für das ganze Jahr, gestaffeltes Anfahren kostet nichts. Wie das mit und ohne Speicher geht, steht im Artikel zur Lastspitzenkappung.

Beschaffung prüfen, bevor der Vertrag ausläuft. Statt den gesamten Bedarf an einem Stichtag einzukaufen, lässt er sich in Tranchen über mehrere Monate verteilen. Das senkt das Risiko, genau am Höchststand zu kaufen. Ein Liefervertrag über Strom aus einer bestimmten Anlage (Power Purchase Agreement, PPA) sichert den Preis über Jahre, braucht aber Vorlauf; die sieben Stolperfallen beim PPA lohnen sich vor dem ersten Gespräch.

Investitionen, die die Abhängigkeit dauerhaft senken

Zwei Steuerregeln laufen bis Ende 2027 und machen die Rechnung jetzt besser als in zwei Jahren: die degressive Abschreibung für bewegliche Wirtschaftsgüter wie PV-Anlagen und Speicher, mit höchstens dem Dreifachen des linearen Satzes und höchstens 30 Prozent im Jahr (§ 7 Absatz 2 EStG), und 75 Prozent Abschreibung im Anschaffungsjahr für betriebliche Elektrofahrzeuge (§ 7 Absatz 2a EStG). Beide gelten für Anschaffungen nach dem 30. Juni 2025 und vor dem 1. Januar 2028.

MaßnahmeWas sie gegen die Krise tutWann sie passt
PV auf dem Dachersetzt Netzstrom tagsüber zu festen Kostenbei hohem Verbrauch zwischen 9 und 17 Uhr
Batteriespeicherkappt Lastspitzen, verschiebt PV-Strom in den Abendbei hohem Leistungspreis oder viel PV-Überschuss
Wärmepumpeentkoppelt Raum- und Niedertemperaturwärme vom Gaspreisbei Wärme bis etwa 90 °C
Elektrische Flotteersetzt Diesel, lädt am eigenen Standortbei planbaren Touren und Laden auf dem Hof

Photovoltaik ist der Schritt mit der kürzesten Planungszeit. Entscheidend ist, wie viel Strom du selbst verbrauchst, während die Sonne scheint; Einspeisung lohnt sich kaum noch. Wer nicht selbst investieren will, kann die Anlage über einen Vertrag mit einem Projektentwickler aufs Dach holen und zahlt einen festen Preis je kWh.

Batteriespeicher rechnen sich im Gewerbe über drei Wege: Eigenverbrauch, Lastspitzenkappung und dynamische Tarife. Welcher davon trägt, zeigt der Lastgang, nicht das Datenblatt. Größenordnungen und Kosten stehen im Artikel zu Batteriespeichern für Unternehmen.

Wärmepumpen lösen den größten Teil des Gasverbrauchs in Büro, Lager und Halle. Für Prozesswärme braucht es Hochtemperatur-Wärmepumpen oder Elektrodenkessel, beides ist eine Einzelfallrechnung. Dimensionierung und Förderung stehen im Artikel zu Wärmepumpen für Gewerbeimmobilien.

Der Fuhrpark ist der Teil, bei dem der Ölpreis am direktesten durchschlägt. Ob sich ein Elektrofahrzeug rechnet, hängt an Fahrleistung, Segment und daran, ob du am eigenen Standort lädst. Im Premiumsegment und bei hoher Laufleistung ist die Rechnung meist klar, in der Mittelklasse mit viel öffentlichem Laden nicht.

In welcher Reihenfolge das sinnvoll ist:

ZeitraumSchritte
sofort bis 3 MonateLastgang auswerten, Grundlast und Spitzen senken, Beschaffung vor Vertragsende planen
3 bis 12 MonatePV planen und bauen, erste Elektrofahrzeuge, PPA verhandeln
12 bis 24 MonateSpeicher nach Lastgang auslegen, Wärme umstellen, Energiemanagement aufbauen

Ein Energiemanagementsystem nach ISO 50001 ist für große Verbraucher ohnehin Pflicht. Wer darunter liegt, sollte die Einsparung nicht überschätzen: Die vom Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) beauftragte Studie misst im Schnitt 3 bis 4 Prozent im Jahr. Wer betroffen ist, steht im Artikel zur ISO 50001 Pflicht.

Gasmangellage: was im Ernstfall passiert

Der Notfallplan Gas kennt drei Stufen. In der Frühwarnstufe, die derzeit gilt, beobachten Regierung und Bundesnetzagentur die Lage, Eingriffe in den Markt gibt es nicht. In der Alarmstufe kann der Staat zusätzliche Beschaffung und Einspeicherung anordnen. Erst in der Notfallstufe greift die Bundesnetzagentur als Bundeslastverteiler ein und kann Verbraucher abschalten.

Dann gilt eine Rangfolge: Haushalte und soziale Einrichtungen wie Krankenhäuser sind geschützt, Industrie und Gewerbe werden zuerst reduziert. Verbraucher mit einer technischen Anschlusskapazität ab 10 MWh je Stunde müssen sich seit Oktober 2022 auf der Sicherheitsplattform Gas registrieren, die Trading Hub Europe für die Bundesnetzagentur betreibt. Über sie kann die Bundesnetzagentur im Ernstfall einzelne Großverbraucher direkt anweisen.

Für die Vorbereitung heißt das: Wisse, welche Anlagen du in welcher Reihenfolge herunterfahren kannst, ohne Schaden zu nehmen, und ob es für kritische Prozesse eine Alternative gibt, etwa einen zweiten Brennstoff. Das ist eine Übung für einen Nachmittag mit Produktion und Technik, und im Ernstfall hast du keinen.

Wo die Krise im Nachhaltigkeitsbericht auftaucht

Ein Energiepreisschock ist ein Transitionsrisiko: Er entsteht nicht aus dem Klima selbst, sondern aus der Abhängigkeit von fossiler Energie. Wer nach den Europäischen Standards für Nachhaltigkeitsberichterstattung (ESRS) berichtet, muss prüfen, ob das unter ESRS E1 wesentlich ist; bei energieintensiven Betrieben wird die Antwort kaum Nein lauten. Wie physische und Transitionsrisiken zusammenhängen, steht im Leitfaden zu physischen und Transitionsrisiken.

Für Betriebe ohne Berichtspflicht kommt die Frage über die Bank. Der freiwillige Standard für kleine und mittlere Unternehmen (VSME) fragt Energieverbrauch und Energiemix ab, und wer dort Zahlen hat, hat sie auch für das Kreditgespräch. Mehr dazu im Artikel zum VSME-Standard.

Wie ich es einordne

Die Energiekrise 2026 ist für die meisten Betriebe kein Beschaffungsproblem, sondern ein Datenproblem. Wer seinen Lastgang nicht kennt, kann weder gut verhandeln noch richtig investieren: Er kauft den Speicher nach Datenblatt, die PV nach Dachfläche und den Strom zum Stichtag.

Wer dagegen weiß, wann und wofür er Energie braucht, kann in jeder Preislage entscheiden. Das ist keine neue Erkenntnis aus dieser Krise, sie war schon 2022 richtig. Neu ist, dass die Steuerregeln bis Ende 2027 die Umsetzung billiger machen als je zuvor, und dass der nächste Winter auf einem dünneren Puffer beginnt. Wenn du das für deinen Standort durchgehen willst, schreib mir.

Häufige Fragen zur Energiekrise 2026

1. Wie lange dauert die Energiekrise 2026?

Das hängt vor allem daran, ob die Straße von Hormus wieder öffnet und wie kalt der Winter wird. Die IEA und die EU-Regulierungsagentur ACER erwarten enge Märkte und hohe Terminpreise bis mindestens Mitte 2027. Öffnet sich Hormus und kehren die Exporte aus Katar zurück, können die Preise schnell fallen. Planen solltest du mit dem ungünstigen Fall.

2. Droht im Winter 2026/27 eine Gasmangellage?

Die Bundesnetzagentur stuft die Versorgung als stabil ein, es gilt die Frühwarnstufe. Die Speicher gehen aber niedriger in den Winter als in den Vorjahren, ein kalter Winter würde den Puffer schnell aufbrauchen. Deshalb lässt die Bundesregierung das bundeseigene Unternehmen SEFE bis zum 15. Dezember zusätzlich 8 TWh einspeichern. Für Betriebe heißt das: nicht in Panik verfallen, aber wissen, welche Anlagen sich im Ernstfall geordnet herunterfahren lassen.

3. Wann kommen die höheren Gaspreise bei Unternehmen an?

Mit dem nächsten Vertragsabschluss. Börsenpreise schlagen über Laufzeitverträge verzögert durch: Im Juli lag Erdgas in der Verteilung laut Statistischem Bundesamt erst 1,6 Prozent über dem Vorjahr, obwohl die Börsenpreise im März sprunghaft gestiegen waren. Wer in diesem Winter neu abschließt, zahlt den Terminpreis von heute.

4. Was ist die schnellste Maßnahme gegen hohe Energiekosten?

Grundlast und Lastspitzen senken. Was nachts durchläuft und welche Viertelstunde den Leistungspreis setzt, zeigt der Lastgang, den du beim Messstellenbetreiber anfordern kannst. Die Funde kosten meist wenig: Druckluftlecks, Kälteanlagen ohne Nachtabsenkung, Anlagen, die gleichzeitig anfahren. Selten war Suchen so günstig wie Finden.

5. Lohnt sich ein Batteriespeicher wegen der Energiekrise?

Wenn dein Lastgang hohe, kurze Spitzen zeigt oder du viel PV-Überschuss hast, ja. Ein Speicher senkt den Leistungspreis und verschiebt Solarstrom in den Abend. Gegen den Gaspreis hilft er nur, wenn du Wärme elektrisch erzeugst. Die Auslegung gehört an den Lastgang, nicht an das Datenblatt.

Johannes Fiegenbaum

Johannes Fiegenbaum

ESG- und Nachhaltigkeitsberater in Hamburg mit Schwerpunkt auf VSME‑Berichterstattung, CO₂-Bilanzen und Klimarisikoanalysen. Arbeitet für Mittelstand, Investoren und Finanzinstitute und hat die VSME-Software VSEasy selbst gebaut.

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